Russland hat die strategisch wichtige Stadt Lisichansk in der Ostukraine erobert und damit eines seiner Kriegsziele erreicht. Der Kreml hat nun die gesamte Region Luhansk unter Kontrolle. Aber der Krieg ist so gut wie vorbei. Der russische Verteidigungsminister sagte am Montag, dass die spezielle Militäroperation fortgesetzt werde. Moritz Gathmann, Chefreporter des deutschen Magazins Cicero, über die Zukunftsambitionen des Kremls.
Moritz Gatmann
Journalist
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Moritz Gathmann ist Chefreporter des deutschen Magazins „Cicero“. Er studierte Russistik und Geschichte in Berlin und war viele Jahre Korrespondent in Russland.
SRF News: Experten erwarten, dass nun russische Truppen in die Region Donezk vordringen werden. Würden Sie dem zustimmen?
Moritz Gathmann: Da gibt es keinen Zweifel. Putins ultimatives Ziel ist es, diese beiden “Volksrepubliken” vollständig zu erobern. Jetzt haben die Russen die vollständige Kontrolle über Luhansk. Etwa die Hälfte der Region Donezk wird noch immer von der Ukraine kontrolliert. Die Russen werden nun versuchen, weiter nach Westen in Richtung Städte wie Sloviansk, Bakhmut und Kramatorsk vorzudringen. In dieser Metropolregion leben etwa eine halbe Million Menschen.
Wie gut ist Russland auf die Donezk-Offensive vorbereitet?
In diesem Gebiet haben die Russen in den letzten Monaten ihre Truppen konzentriert und ein Bombardement installiert. Dann rückten sie mit großer Feuerkraft aus verschiedenen Richtungen auf Lisichansk vor. Dort hatten sie einen großen Vorteil gegenüber den Ukrainern, insbesondere in Bezug auf Artillerie. Die Ukrainer versuchten bis zuletzt, die Russen aufzuhalten.
Am Ende bleibt Putins Ziel, Kiew in die Knie zu zwingen, also den Krieg fortzusetzen, bis es die russischen Bedingungen akzeptiert.
Wenn die Gefahr bestand, umzingelt zu werden, zogen sie sich in die nächste Verteidigungslinie zurück. Die Russen werden nun ihre Offensive fortsetzen und bombardieren, bis die Ukrainer noch weiter zurückweichen müssen.
Symbolisches Slowenisch
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Die Stadt Slowjansk war bereits 2014 mehrere Monate von prorussischen Kräften besetzt, wurde später aber von der Ukraine zurückerobert. Symbolisch sei sie für Moskau nicht so wichtig wie Kiew oder Odessa, erklärt Russland-Experte Gathmann: „Aber fast alle Russen kennen die Stadt seit 2014. Von Slowjansk ging die damals intensiv von Russland unterstützte Separatistenbewegung aus.“
Zuletzt konnte die Ukraine auch militärische Erfolge verbuchen. Zum Beispiel auf Snake Island oder rund um die Stadt Kherson. Ukrainische Truppen zerstörten nach eigenen Angaben auch ein russisches Waffendepot. Kann die Ukraine Russlands Vordringen nach Osten bremsen oder gar stoppen?
Berichte über zerstörte Munitionsdepots sind sehr interessant. Diese fanden in Gebieten statt, die 50 Kilometer hinter der Frontlinie lagen. Das zeigt, dass westliche Waffenlieferungen funktionieren. Geliefert wurden Waffen wie die deutsche Panzerhaubitze 2000 oder der amerikanische Mehrfachraketenwerfer Himar, die auf große Distanzen präzisionsgelenkte Munition verschießen können.
Damit änderte sich die Lage im Osten. Wenn es den Ukrainern gelingt, große Munitionsdeponien oder Orte anzugreifen, an denen Panzer und Artilleriegeschütze gelagert sind, wird Russland nicht mit der gleichen Intensität weitermachen können wie zuvor. Es wird nun interessant sein zu sehen, ob sich unter diesen neuen Vorzeichen etwas am russischen Vormarsch ändert. Es muss davon ausgegangen werden.
Russlands nächstes Ziel bleibt also die Kontrolle der Region Donezk. Und was könnte Putin als nächstes tun?
Die Befreiung der beiden „Volksrepubliken“ von den ukrainischen „Faschisten“ bleibt Russlands Minimalziel. Am Ende bleibt Putins Ziel, Kiew in die Knie zu zwingen, also den Krieg fortzusetzen, bis es die russischen Bedingungen akzeptiert. Dies sind eine Kapitulation und eine Entmilitarisierung der Ukraine. Russland hat auch gezeigt, dass es weitere Gebiete erobern will. Charkiw und Odessa sind besonders bedroht: Russland nimmt alles, was es bekommen kann.
Vera Deragisch führte durch das Gespräch.