Hafen Basel: Die vom Export abhängige Schweiz würde leiden, wenn die Nachbarländer einen Einbruch erleiden würden.
Keystone / Gaetan Bally (Symbolbild)
Schon jetzt gelangt russisches Erdgas deutlich weniger nach Europa. In den kommenden Wochen könnte Putin den Hahn komplett zudrehen. Was passiert dann in Europa und der Schweiz?
Zwar steigen auch hierzulande die Preise und das Wirtschaftswachstum verlangsamt sich leicht. Insgesamt steht die Schweiz aber zumindest im Vergleich zu vielen anderen europäischen Ländern gut da.
Rezessionsängste sind eines der dominierenden Probleme. Hauptgrund ist die extreme Abhängigkeit von russischem Erdgas, von der einige Länder in den letzten Jahrzehnten abhängig geworden sind. Seit Beginn der russischen Invasion in der Ukraine fürchtet der Kontinent um seine Gasvorräte.
Jetzt aber herrscht Alarmzustand.
Hauptgrund dafür ist die Beschleunigung der Gaslieferungen nach Deutschland über die Pipeline Nord Stream 1 auf nur noch 40 Prozent der Gesamtkapazität. Russland behauptet, dass die Sanktionen bedeuten, dass es eine Turbine, die sich in Kanada befindet, nicht zur Wartung zurücksenden kann; Das Bundeswirtschaftsministerium spricht von einer Ausrede.
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„Wir müssen uns auf eine Verschärfung der Lage einstellen“, sagte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck am Dienstag. Die zweite Phase des Gas-Notfallplans wurde bereits angekündigt und die Regierung hat zudem ein umfangreiches Paket an Gesetzen und Maßnahmen beschlossen, um der drohenden Verknappung entgegenzuwirken.
Nun warten die Menschen in Deutschland und Europa auf die kommenden Wochen. Ab Montag muss die Pipeline wie jeden Sommer zehn Tage lang gewartet werden. Für Habeck wäre es nicht „super überraschend“, dass Russland die Gaslieferungen weiter drosseln oder gar ganz stoppen würde, unter Berufung auf Schäden.
Sturz wegen Gasmangel
Was also, wenn Putin in den kommenden Wochen die Gasversorgung abstellt?
Viele Experten rechnen in diesem Fall mit einer Rezession in Europa, so auch der Wirtschaftsforscher Klaus Abberger vom Zentrum für Wirtschaftsforschung (KOF) der ETH Zürich. Die Abhängigkeiten innerhalb Europas seien unterschiedlich und daher seien Länder unterschiedlich stark betroffen, schreibt er auf Nachfrage von Blue News. “Ein kompletter Lieferstopp wird jedoch die Wirtschaft insgesamt in eine Rezession führen.”
Daher scheinen Bedenken in Deutschland berechtigt. Denn wenn das Land zu wenig Erdgas hat, bleiben die Wohnungen wohl warm, aber vielerorts stoppt die Produktion.
Europas größte Wirtschaftsindustrie ist stark auf Erdgas angewiesen, nicht nur als Energiequelle, sondern auch als Rohstoff für Düngemittel, Kunststoffe und andere Chemikalien. Enorm hohe Erdgaspreise belasten bereits die energiehungrige Chemieindustrie.
Das Werk der BASF in Ludwigshafen ist einer der größten Industriekomplexe in Deutschland. Das Unternehmen benötigt für seine Produktion viel Erdgas.
Boris Rössler / dpa
Für die zweite Jahreshälfte erwartet das Prognos-Institut einen Einbruch der wirtschaftlichen Produktion um sagenhafte 12,7 Prozent im Falle einer vollständigen Abschaltung der russischen Erdgasversorgung.
Auch in Italien ist die Sorge groß. Das Land ist wie Deutschland stark von russischem Erdgas abhängig. Dies gilt sowohl für private Haushalte als auch für die Industrie. Beim südlichen Nachbarn werden entsprechende Vorkehrungen getroffen, etwa die verstärkte Kohleverstromung oder Garantien für Unternehmen, ihre Speicher bis Ende des Jahres zu füllen.
Schweiz “nicht so exponiert”
Natürlich benötigt die Schweiz auch Erdgas, das zu rund 40 Prozent aus der Industrie stammt. Kommt nicht mehr aus Russland, droht auch hierzulande ein Absturz, wie UBS-Ökonomen in ihrem «Ausblick Schweiz» schreiben. Bundesrat Guy Parmelin hat die Unternehmen vergangene Woche zum Sparen aufgerufen.
Immerhin: Im Vergleich etwa zu Deutschland ist die Branche strukturell weniger abhängig von Erdgas. Das könnte in diesen Zeiten ein Vorteil sein.
Dies ist laut Abberger neben der Entwicklung des Wechselkurses und der Struktur des Lebensmittelmarktes einer der Gründe für die moderatere Preisentwicklung in Deutschland: „Im Moment sehen wir, dass die stärkste Abhängigkeit von a Rolle. Das ist einer der Gründe, warum die Inflation in der Schweiz tiefer ist als beispielsweise in Deutschland.»
“Eine Rezession in Europa würde auch die Schweiz treffen”
Die Schweiz würde unter den direkten Folgen eines Ausfalls der Gasversorgung leiden, jedoch weniger schwerwiegend als andere europäische Länder wie Deutschland und Italien.
„Was uns mit Deutschland eint, ist, dass die Industrie einen großen Teil der gesamten Wertschöpfung ausmacht“, erklärt Abberger. Im Vergleich dazu dürfte die Schweiz «in Sachen Branchenstruktur nicht so exponiert sein».
Klar sei aber: «Eine Rezession in Europa würde auch die Schweiz treffen.» Denn die externe Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen würde zurückgehen. Dieser Effekt könne auch dadurch verstärkt werden, „dass der Schweizer Franken gegenüber dem Euro deutlich aufwertet“.
Weil Europa für die Schweiz ein «enorm wichtiger Exportmarkt» sei, könne sich das Land seiner Entwicklung nicht entziehen.
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