Hat die traditionelle Heilpflanze Johanniskraut einen Platz in der modernen Depressionstherapie verdient?
Johanniskraut gilt als natürlicher Stimmungsaufheller. Zu Recht: Bei Depressionen kann es vermutlich genauso gut helfen wie Antidepressiva.
Alle Menschen durchlaufen Lebensphasen, in denen sie traurig sind oder denen es an Freude und Energie fehlt. Aber: Diese schlechten Zeiten sind nicht mit Depressionen zu verwechseln. Depressionen verschwinden nicht von alleine. Depressive Menschen leiden unter tiefer Entmutigung und Apathie. Sie ziehen sich zurück oder haben Schwierigkeiten, den Alltag und das Berufsleben zu bewältigen [2].
Depressionen sind eine schwere Krankheit. In vielen Fällen lässt sie sich aber behandeln, zum Beispiel mit Psychotherapie und Medikamenten (Antidepressiva). [3].
Unterstützung der Natur
Daneben gibt es Zubereitungen aus Johanniskraut (Hypericum perforatum). Extrakte der Pflanze mit gelben Blüten gelten als natürliche Stimmungsaufheller und sollen gegen Depressionen helfen. Zumindest diese Heilmittel werden seit Jahrhunderten verwendet [4]. Aber, Tradition oder nicht, ist Johanniskraut wirksam?
Johanniskraut: wirksam bei leichten bis mittelschweren Depressionen
Wahrscheinlich wenn. Bei leichten bis mittelschweren Depressionen wirken Johanniskrautpräparate wahrscheinlich besser als ein Placebo. Dies zeigen die zusammengefassten Ergebnisse der besten verfügbaren Studien [1]:
- Mit Johanniskrautextrakt besserten sich etwa 56 von 100 Betroffenen.
- Etwa 35 von 100 Personen mit einem Placebo verbesserten sich.
Wahrscheinlich wirken Johanniskraut-Präparate genauso gut wie Antidepressiva. Dazu gehören zum Beispiel die Wirkstoffe Citalopram, Sertralin oder Fluoxetin.
Es ist unklar, ob die Wirkung von Johanniskraut anhält oder mit der Zeit vielleicht nachlässt. In den Studien wurden die Teilnehmer nicht länger als 8 Wochen nachbeobachtet.
Johanniskraut und Antidepressiva können Symptome lindern, aber wohl kein Mittel kann Depressionen dauerhaft heilen. Bei schweren Depressionen sollte man sich nicht allein auf die Wirkung von Johanniskraut verlassen. Hier ist die Wirksamkeit des Pflanzenextraktes nicht ausreichend belegt.
Es ist besser verträglich als Medikamente
Johanniskrautpräparate sind im Allgemeinen gut verträglich, anscheinend sogar besser als Antidepressiva. Dies zeigen auch die zusammenfassenden Ergebnisse der Studie [1].
Johanniskraut kann trotzdem Nebenwirkungen haben – zum Beispiel Übelkeit, Hautirritationen oder Kopfschmerzen. Johanniskraut kann bei Sonneneinstrahlung auch sonnenbrandähnliche Symptome hervorrufen, die Experten als phototoxische Reaktionen bezeichnen. [4,5].
Achtung Interaktion!
Sie sollten vorsichtig sein, wenn Sie Johanniskraut mit anderen Arzneimitteln kombinieren. Johanniskrautpräparate können ihre Wirkung negativ beeinflussen. Medikamente zur Blutverdünnung oder zur Unterdrückung des Immunsystems (Immunsuppressiva) beispielsweise können bei gleichzeitiger Einnahme weniger wirksam sein. Auch die Zuverlässigkeit der Antibabypille kann abnehmen.
Johanniskraut verträgt sich jedenfalls nicht mit Antidepressiva: Die unerwünschten Wirkungen der Substanzen können in Kombination zunehmen. [4,5].
Wer Johanniskraut einnimmt, sollte unbedingt seinen Arzt informieren, um gefährliche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten zu vermeiden. Eine Selbstmedikation ohne ärztliche Aufsicht ist nie eine gute Idee: Wer eine Depression vermutet, sollte mit einem Arzt darüber sprechen.
Mehr als melancholisch
Depressionen sind eine Volkskrankheit. Etwa 16 bis 20 von 100 Menschen entwickeln im Laufe ihres Lebens eine depressive Störung [2]. Depressionen machen dich apathisch und nehmen dir die Freude an den Dingen, die du früher gern getan hast. Die Patienten haben oft Konzentrationsschwierigkeiten, schlafen schlecht oder haben das Gefühl, dass ihr Verstand nicht richtig funktioniert. Dazu kommen Zweifel und Schuldgefühle. Depressionen können zu Suizidgedanken, schlimmstenfalls zum Suizid führen.
hilft bei Depressionen
Wenn Sie diese Symptome bemerken und vermuten, dass Sie an einer Depression leiden, wenden Sie sich an eine Person Ihres Vertrauens und suchen Sie gemeinsam professionelle Hilfe. Ansprechpartner können der Hausarzt oder Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie sein. In Notfällen erreichen Sie die österreichische Telefonberatung unter 142 rund um die Uhr.
Weitere Informationen zu Depressionen, wie sie entstehen können und welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt, finden Sie unter www.gesundheitsinformation.de.
Versionshistorie: 11.07.2022: Bei einer erneuten Suche haben wir einen aktuellen Übersichtsartikel gefunden. Ihre Ergebnisse haben das Vertrauen in unsere vorherige Auswertung gestärkt. 16.01.2015: Erstveröffentlichung des Artikels.
Einzelhandelsstudien
Welche Studien haben wir berücksichtigt?
Bei unserer Suche suchten wir nach randomisierten kontrollierten Studien. Menschen mit Depressionen werden nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen eingeteilt. Eine Gruppe nimmt Johanniskraut ein und die andere Gruppe ein gewöhnliches Placebo oder Antidepressivum. Um einen Placebo-Effekt auszuschließen, sollten die Teilnehmer nicht wissen, zu welcher Gruppe sie gehören; daher sollte die Studie „blind“ sein. Da Medikamente gegen Depressionen einige Wochen brauchen, bis sie wirken, sollten Studien mindestens sechs Wochen dauern, um aussagekräftige Ergebnisse zu liefern.
Wir fanden eine systematische Übersichtsarbeit, die die Ergebnisse all dieser randomisierten kontrollierten Studien zu Johanniskraut zusammenfasst. [1]. Insgesamt nahmen mehr als 6.000 Personen an diesen Studien teil.
Der Übersichtsartikel wurde 2016 veröffentlicht. Daher haben wir die Datenbanken auch nach später veröffentlichten Studien durchsucht, aber nichts gefunden. Daher scheinen die Ergebnisse der Überprüfung die aktuellsten verfügbaren zu sein.
Welchen Sinn hat das Studium?
Die Überprüfung wurde nach strengen wissenschaftlichen Kriterien durchgeführt, und wir können die daraus resultierenden Analysen und Schlussfolgerungen nachvollziehen. Die Qualität der zusammengefassten Studien ist jedoch sehr unterschiedlich. Unter Vertrauen in das Ergebnis ist relativ hoch. Allerdings gibt es eine gewisse Unsicherheit. Denn einzelne Studien sind sehr unterschiedlich und haben häufig die gleichen Dinge nicht auf die gleiche Weise untersucht.