Der Ernstfall droht: So soll Deutschland überwintern

  • Es gibt ein Gespenst in Deutschland: das der Gasknappheit.
  • Was passiert, wenn Russland den Gashahn der wichtigen Gaspipeline Nord Stream 1 nicht wieder öffnet?
  • Wie schlimm es wirklich wird, hängt von mehreren Faktoren ab, und es gibt Hoffnung.

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Was passiert, wenn Russland den Gashahn der wichtigen Gaspipeline Nord Stream 1 nicht wieder öffnet? Dann droht ein strenger Winter. Wirtschaftsverbände warnen vor einer tiefen Rezession. Der Gashahn könnte geschlossen werden müssen, Städte und Landkreise arbeiten an Notfallplänen.

Aber ist es wirklich so schlimm? Dies hängt von mehreren Faktoren ab. Es gibt auch Hoffnung. Die Bundesregierung sieht eine gesicherte Gasversorgung im Sommer. Sein Hauptzweck ist es, Engpässe zu Beginn der Heizperiode im Herbst und Winter zu vermeiden.

DIE AKTUELLE SITUATION

Aufgrund jährlicher Wartungsarbeiten wird derzeit kein Gas mehr durch die Nord Stream 1-Pipeline in die Ostsee geliefert. Zuvor hatte Russland die Lieferungen unter Berufung auf technische Probleme stark reduziert.

Die große Sorge ist, dass Russland nach der Wartung, die normalerweise bis zu 10 Tage dauert, nicht wieder Gas geben wird. Wird das passieren? Niemand kann es mit Sicherheit sagen. Dies könnte auch von der Lieferung einer Gasturbine von Siemens Energy abhängen.

DIE BEDEUTUNG DER ERINNERUNG

Die Gasspeicher in Deutschland sollen im Winter möglichst voll sein, das hat für die Bundesregierung oberste Priorität. Aktuelle Füllstände liegen laut Bundesnetzagentur bei rund 65 Prozent.

Sie sollen am 1. Oktober zu mindestens 80 % und am 1. November zu mindestens 90 % gefüllt sein, damit Deutschland gut auf den Winter vorbereitet ist. „Als Unternehmen müssen wir alles tun, um die Gasspeicher im Sommer zu füllen“, sagt Ingbert Liebing, Geschäftsführer des VKU-Verbands Kommunale Dienste.

DIE FOLGEN EINES RUSSISCHEN TANKS

„Ein Lieferstopp über Nord Stream 1 stellt uns im Winter vor eine große Herausforderung“, sagt Simon Müller, Deutschlandleiter der Denkfabrik Agora Energiewende. Der Gasverbrauch in Deutschland ist im Winter drei- bis viermal höher als im Sommer. Der Gasverbrauch konzentriert sich stark auf Heizung und Warmwasser. Dazu kommt die Hitze des Prozesses in der Industrie und die sogenannte Nutzung des Materials, zum Beispiel zur Herstellung von Düngemitteln. Gasengpässe seien bei einem Totalausfall der russischen Versorgung nicht ganz zu vermeiden: “Wir können die negativen Folgen aber eindämmen.”

Liebing sagte, es sei schwierig, den ganzen Winter ohne russisches Gas zu verbringen. Timm Kehler, Vorsitzender des Industrieverbands Zukunft Gas, sagte, wenn die Gaslieferungen in Russland ausfallen würden, würden Deutschland zwischen 35 und 50 Prozent des Gases fehlen. Wenn die Gaslieferungen über Nord Stream 1 nicht wieder aufgenommen werden, wird es zunächst schwierig, Gasspeicher in Deutschland zu füllen. Die fehlende Menge kann nur bedingt aus anderen Quellen bezogen werden.

Die Energieexpertin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) sagte, ob es wirklich zu einer Gasknappheit komme, hänge von mehreren Aspekten ab: dem Aufbau von Gaslieferbeziehungen mit anderen Ländern als Russland, einer konstanten Befüllung von Speichern und Gaseinsparungen . . „Die Horror- und Gruselszenarien sind unzureichend“, sagte er. “Die größte Herausforderung besteht ohnehin darin, dass die gesamte Wirtschaft und die Haushalte mit enormen Gaspreissteigerungen fertig werden müssen.”

ROLLE VON LNG-TERMINALS

Mehr verflüssigtes Erdgas (LNG) soll einen wesentlichen Beitrag zur Versorgungssicherheit leisten. Bisher verfügt Deutschland über kein eigenes LNG-Terminal. Der Bund hat vier schwimmende Flüssiggasterminals angemietet, von denen das erste noch in diesem Winter in Wilhelmshaven in Betrieb gehen soll. Kehler sagte: „Der wichtigste Hebel, um unsere Gasversorgung jetzt zu sichern, ist, die LNG-Infrastruktur schnellstmöglich aufzubauen und in Betrieb zu nehmen.“

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Ein Modell der Bundesnetzagentur mit Szenarien zu russischen Gasflüssen sagt: “Die Eigenverbrauchsreduzierung ist entscheidend, um die eigene Versorgungssicherheit und die notwendige Versorgung der Nachbarländer zu gewährleisten.”

„Je mehr wir jetzt vorsorgen, desto besser überwintern wir“, sagte Andrea Kerstin, Vorsitzende des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft. Um möglichst viel Gas zu speichern, kann und soll jeder helfen, vom Industrieunternehmen bis zum einzelnen Haushalt. „In fast jedem Haushalt und öffentlichen Gebäude gibt es noch Möglichkeiten zum Energiesparen. Jede eingesparte Kilowattstunde Gas hilft uns, besser durch den Winter zu kommen.“

Anstelle von Gaskraftwerken werden nun Kohlekraftwerke in Reserve zur Stromerzeugung genutzt, um Gas einzusparen und zu speichern. Für Industrieunternehmen sind Auktionen geplant. Außerdem muss der sogenannte Fuel Switch vorgesehen werden, damit die Anlagen nicht mit Gas, sondern mit anderen Energien wie Kohle oder Öl betrieben werden können.

Die Branche spare aufgrund der hohen Preise bereits viel Benzin ein, sagte Kemfert. Haushalte sollen beim Gassparen unterstützt werden, Prämien wären sinnvoll. „Hier wird es wegen hoher Gaspreise zu hohen Belastungen kommen, Geringverdiener sollten gezielt unterstützt werden, damit die Gasheizung nicht ausgeht.“ Auch in der Politik gibt es viele Stimmen für ein neues Hilfspaket.

„Jetzt kann jeder Verbraucher etwas tun, auch wenn er derzeit mehr an Kühlung als an eine warme Wohnung im Winter denkt“, sagt Liebing vom VKU-Verband Kommunale Dienste. „Aber: Fast 20 Prozent der erzeugten Wärme werden für Warmwasser benötigt. Wer zum Beispiel kürzer duscht, hilft schon beim Auffüllen von Speichern. Und angesichts der Heizperiode sollten wir alle die Temperaturen senken. A. Ambient eine um ein Grad niedrigere Temperatur spart bis zu sieben Prozent des Energieverbrauchs.“

Müller nennt kurzfristig umsetzbare Maßnahmen wie die Absenkung der Raumtemperatur um ein Grad, den hydraulischen Abgleich von Heizungen und digitale Thermostate. „Wer kann, sollte auch alternative Heizmöglichkeiten nutzen – etwa einen Kaminofen. Eine neue Energiesparbrause, neue Fenster oder eine Photovoltaikanlage – all diese Einsparpotenziale lassen sich relativ schnell realisieren.“

Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) stellte klar: Bei einer Gasknappheit sollten alle Verbraucher Beiträge zum Energiesparen leisten. Die Bundesregierung könnte über das Energiesicherheitsgesetz Energieeinsparverordnungen erlassen. Man könnte zum Beispiel versuchen, die Mindesttemperaturvorgaben beim Heizen zu senken. Es gibt auch einen EU-Solidaritätsmechanismus, damit sich Länder gegenseitig helfen können, aber es ist nicht klar, wie dieser im Notfall aussehen würde.

WAS BEDEUTET DIE NOTFALLSTUFE

Der Notfall wäre die Stufe des Gasnotfalls im Gasnotfallplan; Voraussetzung ist per definitionem eine erhebliche Störung der Gasversorgung. Ziel des Plans ist es, den „wesentlichen Bedarf“ an Gas unter besonderer Berücksichtigung geschützter Kunden sicherzustellen. Das sind Privathaushalte, aber auch Krankenhäuser, Pflegeheime oder Feuerwehr und Polizei. Allerdings könnten Unternehmen von der Bundesnetzagentur gesperrt werden. Mit anderen Worten: Unternehmen könnten nicht mehr produzieren. Wirtschaftsverbände erwarten in diesem Fall massive Schäden für die Wirtschaft.

Für Steuerzahler und Gaskunden könnte es sehr teuer werden. Zum einen verhandelt die Bundesregierung mit dem angeschlagenen Energieversorger Uniper über ein 1-Milliarden-Euro-Rettungspaket. Uniper muss aufgrund des reduzierten russischen Gasangebots Gas am Markt kaufen. Allerdings konnte der Konzern die deutlich höheren Kosten noch nicht an seine Kunden weitergeben, was zu Liquiditätsproblemen führt. Andererseits könnte die Bundesregierung auch eine Umlage für alle Gaskunden einführen, damit die Versorger Preiserhöhungen weitergeben können. (pak/dpa)

Aktualisiert am 07.06.2022 um 14:09 Uhr

Eine Initiative des EU-Parlaments gegen den Vorschlag der EU-Kommission, Gas und Kernenergie als nachhaltig einzustufen, ist gescheitert. Vor allem Frankreich und Deutschland hatten sich für eine sogenannte taxonomische Regulierung eingesetzt.

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