Ein Schwein lebt neun Monate, bevor es zu Parmaschinken wird. Sie müssen im Schlachthof mindestens 160 Pfund wiegen und nur eine ausgewählte Diät zu sich nehmen: Mais, Gerste, Soja und Weizenkleie, dazu einige Vitamine und Mineralstoffe. „Meine Schweine wiegen normalerweise 180 Kilo“, sagt Andrea Marchesini nicht ohne Stolz. Der 35-jährige Italiener hat derzeit mehr als 8.000 Schweine in seinen Ställen, 18.000 Masttiere durchlaufen jährlich seinen Hof. In den Buchten drängen sich Vierbeiner zwischen grauen Betonwänden. Jedes verfügt über einen Außen- und Innenbereich, die durch eine Tür frei zugänglich sind. Die Stromversorgung erfolgt computergesteuert über Eisenrohre zu den Trögen.
Marchesini ist einer der größten Landwirte in der Gegend zwischen Brescia und dem Gardasee. Im Laufe der Zeit kaufte er Betriebe in der Umgebung auf, die mangels Nachfolger aufgegeben hatten. Doch seit Wochen steht er vor einer großen Herausforderung: Wie soll er seine Schweine füttern, wenn es aufhört zu regnen?
Marchesini ist gerade mit seinem staubigen Renault-Van über eine unbefestigte Straße gesprungen und hat die Situation erklärt. Rechts vom Weg befindet sich ein Feld mit trockenem Mais in unterschiedlichen Höhen, nicht höher als 1,80 Meter. Gelbliche Pflanzen tragen nur kleine Kolben mit großen Krümeln. „Normalerweise sollte der Mais hier vier Meter hoch sein“, sagt Marchesini. Auf der linken Straßenseite sieht der Mais saftiger und höher aus. Der Bauer hat streng selektiert und nur ein kleines Feld mit ausreichend Wasser versorgt, damit wenigstens die Schweine ordentlich fressen können. Den trockenen Mais wird er bald auf der gegenüberliegenden Seite ernten und als Viehfutter verkaufen. “Aber wegen der schlechten Qualität habe ich fast nichts.”
Ein klappriger Dorn in den Händen von Andrea Marchesini: Foto: Lando Hass
Aktuell fragt der Bauer mehrmals täglich das Wetter auf seinem Handy ab. Auf seinem Hof hat er eine eigene Wetterstation aufgebaut, mit der er Daten an eine Wetterorganisation liefert. Es erfasst Parameter wie Temperatur, Luftdruck, Luftfeuchtigkeit und Wind. Der tägliche Blick auf die Zahlen ist eine einzige Enttäuschung, und das schon seit Wochen. Die Dürre ist in Norditalien so intensiv, dass selbst die älteren Generationen keine Parallelen in der Vergangenheit finden können. „Selbst unsere 96-jährige Großmutter kann sich an nichts davon erinnern“, sagt Marchesini.
Seit 160 Tagen hat es in der Gegend nicht geregnet. Ein Hochdruckgebiet in Afrika bringt neue Hitze zurück. Die Regenwahrscheinlichkeit, die Marchesini auf seinem Handy abliest, liegt für die nächsten Tage nicht über 4 Prozent. Der Landwirtschaftsverband Coldiretti beschreibt 2022 als das wärmste Jahr der Geschichte mit sehr wenig Niederschlag. Seine Aufzeichnungen reichen bis ins Jahr 1800 zurück. Die wärmsten fünf Jahre der letzten zwei Jahrhunderte sind seit 2015 aufgetreten.
Elvira Lazzari in ihrem trockenen Maisfeld. : Bild: Lando Hass
Laut einer Studie der Wheat Initiative, einer Gruppe öffentlicher und privater Getreideforschungsorganisationen, sinken die Weizenerträge weltweit pro Grad Erderwärmung um sieben Prozent. Nach Angaben des Landwirtschaftsverbandes bedroht der Wassermangel die Hälfte der landwirtschaftlichen Produktion Norditaliens. Der Schaden für die Landwirte beträgt mindestens drei Milliarden Euro. Weizen- und Maiserträge könnten in diesem Jahr um mindestens ein Drittel sinken. Sogar die Fisch- und Schalentierzucht ist nach Angaben der Farmen gefährdet, da höhere Wassertemperaturen und weniger Niederschlag den Salzgehalt erhöhen.