Wirtschaftliche Folgen der Unterdrückung der Uiguren?

Berlin Neue Enthüllungen eines Datenlecks zeigen das Ausmaß der Verfolgung und Massenverhaftungen in Xinjiang im Nordwesten Chinas. Die von Chinas Führung als “verleumderisch” abgetanen Veröffentlichungen veränderten die deutsch-chinesischen Beziehungen.

Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) forderte am Dienstag in einer einstündigen Videokonferenz mit ihrem chinesischen Amtskollegen Wang Yi eine transparente Aufklärung der Vorwürfe. Sein Ministerium sprach von “schockierenden Berichten und neuen Dokumenten zu schwersten Menschenrechtsverletzungen”.

Auch die US-Regierung war von den Berichten überrascht. „Bestürzt über die Polizeiakten von Xinjiang, die die Masseninhaftierung von Uiguren und anderen ethnischen und religiösen Minderheiten in China zeigen“, schrieb die US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen, Linda Thomas-Greenfield, auf Twitter.

Er forderte die Vereinten Nationen und UN-Hochkommissarin für Menschenrechte Michelle Bachelet auf, Chinas Beitritt zur Region zu fordern und nach Antworten zu suchen. Bachelet befindet sich derzeit in China, um über die Behandlung der uigurischen Minderheit in Xinjiang zu sprechen.

Der Sprecher des US-Außenministeriums, Ned Price, sagte gegenüber Washington, dass die Berichte zu den bereits überwältigenden Beweisen für Chinas Gräueltaten in Xinjiang beitragen. Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit gingen dort weiter. Auf die Frage, ob das US-Außenministerium die Verbrechen in Xianjiang als direkt dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping zuzurechnen betrachtet, sagte Price, dass es in einem System wie dem chinesischen schwer vorstellbar sei, dass eine Kampagne wie diese Repression und Inhaftierung nicht den Segen hätte, sie zu haben höchste Regierungsebene.

Christian Lindner

Bundesfinanzminister: “Es sollte wegen unserer wirtschaftlichen Interessen keine Samtbeine geben.”

(Foto: dpa)

Auch FDP-Chef Christian Lindner zeigte sich bestürzt. „Chinas Bilder sind schockierend. Wir müssen chinesische Beamte jederzeit auf die Menschenrechtslage ansprechen“, sagte der Finanzminister dem Handelsblatt.

Die Bilder zeigen eindrucksvoll, wie China die uigurische Minderheit in der Region Xinjiang brutal unterdrückt. Die Aufnahmen sind Teil eines umfangreichen Leaks, den der Spiegel oder der Bayerische Rundfunk (BR) mit weiteren Medienpartnern ausgewertet haben. Die “Xinjiang Police Files” enthalten Informationen über rund 300.000 von den Behörden registrierte Chinesen, die meisten davon Uiguren.

FDP-Chefin Lindner fordert ein klares Vorgehen gegen Menschenrechtsverletzungen. „Es sollte keinen Kuchen geben, der auf unseren wirtschaftlichen Interessen basiert“, sagte er. Besonders bedrückend ist in diesem Zusammenhang die enorme Abhängigkeit der deutschen Wirtschaft vom chinesischen Markt.

Für den Bundesfinanzminister ist es daher „auch ein Gebot wirtschaftlicher Klugheit, unsere Wirtschaftsbeziehungen schnell zu differenzieren“. Dabei geht es nicht um einen Rückzug aus dem chinesischen Markt. Aber andere Märkte sollten relativ größer sein.

Volkswagen und BASF bleiben in Xinjiang aktiv

Für Lindner wäre es mehr als ein Symbol, wenn das Freihandelsabkommen CETA mit Kanada sofort ratifiziert würde. „Hier ermutige ich meinen grünen Koalitionspartner. Unseren Worten müssen Fakten folgen“, sagte er.

Ausländische Unternehmen, auch deutsche, sind weiterhin in Xinjiang tätig. Zum Beispiel hat der Autobauer Volkswagen ein Werk in Urumchi, und der deutsche Chemieriese BASF hat eine Produktionsstätte in der Stadt Korla.

Laut einer Studie der australischen Denkfabrik Australian Strategic Policy Institute (Aspi) betreibt die chinesische Regierung um beide Werke herum Internierungslager, in denen sich vermutlich auch Uiguren aufhalten.

>> Lesen Sie hier: „Don’t let me down“: Wie deutsche Unternehmen in der unterdrückten chinesischen Provinz Xinjiang Geschäfte machen

Trotz jüngster Enthüllungen will VW sein Werk in Urumqi halten. „Volkswagen stellt sich bei seiner weltweiten Geschäftstätigkeit entschieden gegen Zwangsarbeit“, sagte ein Unternehmenssprecher in Wolfsburg. Dies gilt nicht nur für die eigenen Fabriken, sondern auch für die oben genannten Lieferanten. Auch in Xinjiang arbeitet der Konzern mit Lieferanten zusammen, die Menschenrechtsverletzungen ausschließen.

Das relativ kleine Werk in Urumqi besteht seit 2013 und hatte 600 Mitarbeiter. Aufgrund der Corona-Pandemie und den damit verbundenen Produktionseinschränkungen wurde die Mitarbeiterzahl zuletzt auf etwa 400 reduziert. Daher kann die Autofabrik nicht im erwarteten Umfang produzieren und liegt deutlich unter der Jahreskapazität von 50.000 Fahrzeugen.

Ferdinand Dudenhöffer: VW steckt in einem Dilemma

Volkswagen betreibt das Werk nicht alleine, sondern im Rahmen eines Joint Ventures mit der Shanghai State SAIC Group. „Hier arbeitet kein Mitarbeiter unter Zwang“, sagte der VW-Sprecher. Neue Mitarbeiter werden nur aufgrund ihrer Qualifikation eingestellt, unabhängig von Alter, Religion oder ethnischer Zugehörigkeit.

Aus Sicht von Ferdinand Dudenhöffer, Professor für Automobilwissenschaften am Automotive Research Center (CAR) in Duisburg, befinden sich Hersteller wie Volkswagen in einem Dilemma. Die Wolfsburger Gruppe kann es sich nicht leisten, die kommunistische Führung in Peking zu sehr zu schwächen. “Die Chinesen sind sehr sensibel”, sagte Dudenhöffer. Volkswagen muss das Werk in Urumqi weiter betreiben. Schließt der VW-Konzern das Werk, geht das gesamte Geschäft mit China verloren.

Der sogenannte Bereich der Umerziehung

Die jüngsten Enthüllungen weisen auf massive Menschenrechtsverletzungen hin.

(Foto: Reuters)

Der Volkswagen Konzern verkauft rund 40 Prozent seiner Fahrzeuge auf dem chinesischen Markt; Damit ist die Volksrepublik die mit Abstand wichtigste Absatzregion für die Wolfsburger. Seit Jahren transferieren chinesische Joint Ventures Milliardengewinne in die Konzernzentrale nach Deutschland.

Autolehrer Dudenhöffer empfiehlt dem VW-Konzern, die Produktion in Urumqi so weit wie möglich zu schließen, um weniger anfällig zu sein. Für die Pekinger Führung ist das wohl auch eine Lösung, um das Gesicht zu wahren, denn irgendwie tut sich was in der Fabrik. Dudenhöffer warnt vor zu energischem Vorgehen von Volkswagen. “In China kann man mit einem hohen Zeigefinger genau das Gegenteil machen”, sagt Dudenhöffer.

Für Volkswagen-Chef Herbert Diess ist ein Rückzug aus China schwer vorstellbar. „Wenn wir nur mit echten Demokratien Geschäfte machen würden, würden wir nur zwischen sieben und neun Prozent der Weltbevölkerung erreichen“, sagte er auf der Bilanzpressekonferenz. Das bedeutet, dass ein tragfähiges Geschäftsmodell für einen großen Autokonzern wie Volkswagen auf Dauer nicht aufrechterhalten werden kann.

„Wir evaluieren kontinuierlich unsere Geschäftsbeziehung“

Der Chemiekonzern BASF sei sich der Probleme im Raum Xinjiang bewusst. Auf die Frage, ob das Unternehmen sein Engagement dort prüfe, sagte er: „Wir evaluieren laufend unsere Geschäftsbeziehung. Immer wenn uns Menschenrechtsverletzungen in unserer Wertschöpfungskette bekannt werden, werden wir unsere Partner auffordern, diese zu stoppen.“

BASF behält sich auch das Recht vor, eine Geschäftsbeziehung zu beenden, aber dies ist immer „der letzte Ausweg“. Grundsätzlich will die Gruppe aber auch Einfluss auf die Verbesserung der Menschenrechtslage nehmen.

Für die beiden Joint Ventures von Korla gelten der konzernweite Verhaltenskodex, der keinerlei Form von Kinderarbeit, Zwangsarbeit, Sklaverei oder Menschenhandel duldet, sowie internationale Arbeitsnormen. Ein internes Audit hat im Jahr 2019 keine Verstöße ergeben.

Aufgrund neuer Veröffentlichungen zu Xinjiang hat BASF die Arbeitsbedingungen vor Ort während der Corona-Krise im Jahr 2020 erneut überprüft, einschließlich Vereinbarungen mit Lieferanten. „Als Ergebnis können wir sagen, dass keine dieser Kontrollen Hinweise auf Zwangsarbeit oder andere Menschenrechtsverletzungen ergeben hat. Bei diesen Überprüfungen wurden keine Verletzungen der Religionsfreiheit festgestellt“, sagte BASF.

sehr wachsam

Die chinesische Polizei sperrt ein Umerziehungslager in Westchina ab. Neue Enthüllungen zeigen das Ausmaß der uigurischen Unterdrückung.

(Foto: AP)

Zahlreiche westliche Modemarken und Sportartikel wie H&M und Adidas haben unter den Folgen ihres Rückzugs aus der Region gelitten. Die Unternehmen hatten im Rahmen der Better Cotton Initiative erklärt, wegen der Menschenrechtslage in Xinjiang keine Baumwolle mehr aus der westlichen Region Chinas kaufen zu wollen. Adidas beispielsweise bezieht seine Baumwolle mittlerweile nur noch aus Ländern wie Indien, Brasilien und den USA.

Als Reaktion auf die Sanktionen verhängte China einen Boykott westlicher Marken. Das macht es Unternehmen schwer, die auf China als große Wachstumshoffnung angewiesen sind. Die Verkäufe von Adidas in China gingen im ersten Quartal um 35 Prozent zurück, was durch weitere Blockaden verstärkt wurde. Infolgedessen musste die gesamte Gruppe …

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