Stand: 20.07.2022 06:37 Uhr
Obwohl Russland derzeit fast kein Gas nach Deutschland liefert, wird es dort immer noch in großem Umfang zur Stromerzeugung verwendet. Dies ist ein Problem für die Befüllung von Gasspeichern und für die Strompreise.
Wissenschaftler des Fraunhofer ISE in Freiburg sammeln seit Jahren alle Daten, die die Strombörse liefert, und verarbeiten sie täglich. In diesem Frühjahr erlebten sie eine Überraschung: Während Russland seine Gasversorgung drastisch drosselte, die Politik zu Gaseinsparungen aufrief und die Gaspreise auf nie dagewesene Höhen stiegen, erreichte die Stromerzeugung aus Erdgas im Mai ein Allzeithoch. Dadurch füllten sich die Gasspeicher langsam und die gesetzlichen Reserven für den nächsten Winter sind dadurch schwieriger zu erreichen. Bis heute, Mitte Juli, hat sich daran nichts geändert. Wind und Sonne liefern ähnlich viel Strom wie in den Vorjahren. Warum wird also so viel Gas zur Stromerzeugung verbraucht?
Ersatz von gestörten französischen Kernkraftwerken
Die Gründe dafür sind in Frankreich zu finden. Es gibt 56 Kernkraftwerke, von denen 16 für einige Wochen wegen der regelmäßigen jährlichen Wartung geschlossen sind. Darüber hinaus sind derzeit zwölf weitere wegen Korrosion in den Kühlleitungen oder Verdachtsschäden dieser Art für längere Zeit außer Betrieb. Wo Risse gefunden wurden, hofft der EDF-Betreiber, diese im Herbst reparieren zu können. Allerdings warnt der Konzern bereits vor möglichen längeren Ausfallzeiten. Und selbst wenn einzelne Blöcke wieder hochgefahren werden, müssen sie auch in anderen baugleichen Atomkraftwerken auf Risse geprüft werden, und auch deutsche Kraftwerke werden die Lücke noch lange füllen müssen.
Deutschland exportiert seit Jahren mehr Strom als es importiert. Auch in diesem Jahr – wie gewohnt – einige Terawattstunden in den Benelux-Staaten und Tschechien. Ungewöhnlich jedoch: In Frankreich flossen mehr als acht Terawattstunden, in Österreich weitere zehn Terawattstunden und in der Schweiz mehr als drei Terawattstunden. Ein Großteil davon kam nach Italien, das normalerweise auch französische Atomkraft kauft. So arbeiteten deutsche Gaskraftwerke, um den Ausfall maroder französischer Reaktoren zu kompensieren. Dieser Umstand führte auch in Deutschland zu einem Anstieg der Strompreise.
Warum steigen die Strompreise?
Die Strompreise an den Börsen sind um rund vier Cent auf über 20 Cent gestiegen. Trotzdem trägt Erdgas nur etwa 15 Prozent zur deutschen Stromerzeugung bei. Obwohl der Gaspreis massiv steigt, überrascht eine Vervielfachung des Börsenpreises für Strom. Die Braunkohle wird von den Kraftwerksbetreibern zu nahezu unveränderten Kosten selbst aus dem Boden gefördert; Wind-, Sonnen- und Wasserkraft wurden billiger als teurer. Allerdings bringen die Sonderregeln der Strombörse den Betreibern dieser Anlagen massive Vorteile.
In kurzfristigen Verhandlungen wird zunächst abgeschätzt, wie viel Strom in den nächsten Stunden oder am nächsten Tag benötigt wird und welcher Anteil davon durch Wind und Sonne gedeckt werden kann. Dann beginnt eine Auktion, bei der die billigsten Kraftwerke, meist Braunkohle, zuerst kommen. Je mehr Strom benötigt wird, desto teurere Kraftwerke, oft Kohlekraftwerke, kommen ins Spiel. Schließlich bieten die teuersten, also Gaskraftwerke, ihren Strom an. So weit, so logisch. Am Ende bekommen aber alle Erzeuger – auch die günstigsten – den Preis, den das teuerste Kraftwerk erreicht. Und weil die langfristigen Stromhandelspreise auch auf den kurzfristigen Börsenpreisen basieren, stiegen die Preise auch massenhaft.
Da Energieversorgungsunternehmen den Großteil ihrer Produkte in der Regel ein bis drei Jahre im Voraus bei den Herstellern einkaufen, wird sich dieser Anstieg für Endkunden erst in den kommenden Jahren bemerkbar machen. Allerdings rechnen Experten damit, dass die Endkundenpreise von heute etwa 35 Cent pro Kilowattstunde auf bis zu 55 Cent im nächsten Jahr steigen werden. Für einen durchschnittlichen Vier-Personen-Haushalt bedeutet das eine Mehrbelastung von 760 Euro pro Jahr.
Was tun gegen die „Nutzen des Krieges“?
Gleichzeitig steigen die Gewinne der Kraftwerksbetreiber um rund 60 Milliarden Euro pro Jahr. Auf Vorschlag von Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hat der Bundestag nun ein Gesetz verabschiedet, das vorschreibt, Kohle- und Ölkraftwerke, die bisher nur als Reserve gehalten wurden, wieder an die reguläre Börse zu bringen und auszuschließen. Erdgaskraftwerke. Der Erdgasverbrauch könnte dadurch sinken, aber fast keine Preise. Denn auch Kohle und Öl werden bisher größtenteils aus Russland geliefert und der Preis ist deutlich gestiegen.
Schon im März hatte Minister Habeck öffentlich überlegt, überhöhte Gewinne etwa durch eine Sondersteuer zu beseitigen. Auf Nachfrage der ARD sagte sein Ministerium nun, es sei sehr schwierig: Man arbeite noch an Konzepten dafür.
Kraftwerke, die wieder ans Netz gehen könnten
Über diese und weitere Themen berichtet Plusminus heute ab 21.45 Uhr.