Romantik in Russland zur falschen Zeit

Rein dramaturgisch betrachtet ist „Sibirien“ als diesjährige Hausoper keine ganz unlogische Wahl, wurde die Oper doch 1903 anstelle der unvollendeten „Madame Butterfly“ von Giacomo Puccini an der Mailänder Scala uraufgeführt. Während Giordano mit seinen zuvor komponierten Opern „Andre Chenier“ und „Fedora“ bleibende Denkmäler errichten konnte, verschwand „Siberien“ trotz seines Erfolges bei der Uraufführung schnell aus dem Repertoire.

Der Schauplatz von Luigi Illicas Libretto, das angeblich von Leo Tolstois „Auferstehung“ inspiriert wurde, ist Sibirien, ein Ort, der wahrscheinlich symbolischer als jeder andere mit Kälte und unwirtlichen Bedingungen verbunden ist.

Große Gefühle in der kalten Steppe

Für Giordano, einen wichtigen Vertreter des italienischen Verismo, war dies der ideale Rahmen für die für das Genre so wichtige brutale Realität: In “Sibirien” findet die St. Petersburger Edelprostituierte Stephana die große Liebe in Lieutenant Vassili, die er nicht hat keine Ahnung. seiner Vergangenheit Es entwickelt sich ein Liebesdrama, das im Gulag und Stephanas Tod endet.

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“Das Drama der Leidenschaft”

Mit der Farbe der russischen Musik – orthodoxer Chorgesang und Volkslieder – mischte Giordano die großen Emotionen der italienischen Oper mit dem Ziel, ein „Drama der Leidenschaften“ zu schaffen. Eingängige Schlager-Arien und Duette mit Anziehungskraft hat die Komposition allerdings nicht. In der Kürze (in Bregenz mit einer Pause von etwa zweieinhalb Stunden) passiert viel Inhalt mit wenig musikalischer Reflexion und fast keinem Raum für die Entfaltung der Charaktere.

Österreich

Prominente Gäste bei der Premiere der Oper

Dirigent Walentin Urjupin (Valentin Uryupin), der bereits „Eugen Onegin“ (2019) im Opernstudio Bregenz dirigiert hat, macht mit den ausgewogenen Wiener Symphonikern das Beste daraus, überschätzt das eingeschriebene, aber kraftvolle Pathos nie.

Die kanadische Sopranistin Ambur Braid als Stephana dominierte Alexander Michailow (Mikhailov) als Vassili nicht nur stimmlich im besten Sinne: Man könnte sich von ihr mehr Abwechslung, mehr Schwung von ihm wünschen. Scott Hendricks hingegen ist sowohl gesanglich als auch darstellerisch deutlich ausgeglichener und überzeugender.

Mathis Fotografie Großen Applaus spendierte das Premierenpublikum am Donnerstagabend im Palau de Festes in Bregenz

Erinnerungen an Sankt Petersburg

Der russische Regisseur Vasily Barchatow (Vasili Barkhatov) erzählt die Geschichte rückblickend aus der Sicht einer älteren Frau (Clarry Bartha), die sich als Kind des im Gulag geborenen Paares entpuppt und ihre Eltern rekonstruiert. vorbei an Barchatow illustriert seine Reise zu den Stätten der Geschichte mit Schwarz-Weiß-Videos, die an den Originalschauplätzen gedreht wurden.

eine Warnung

„Sibirien“ ist am 24. Juli um 11 Uhr und am 1. August um 19.30 Uhr bei den Bregenzer Festspielen zu sehen. Die Ö1-Übertragung der Premiere ist noch sieben Tage in der Radiobibliothek zu hören, ORFIII zeigt am 31. Juli um 22.45 Uhr einen Mitschnitt der Premiere.

In jedem Akt verschmelzen großformatige Projektionen mit der Szenografie von Christian Schmidt und machen den Zeitsprung deutlich. In der majestätischen Wohnung in St. Petersburg, wo das Drama seinen Lauf nimmt, die Tapete per Überblendung ihre Farbe ändert und die Spiegel in die Vergangenheit blicken lassen – das Konzept wurde mit vielen kleinen Details konsequent umgesetzt. Auch die Kostüme von Nicole von Graevenitz fügen sich stimmig in das Gesamtbild ein und erinnern an ein fulminantes Musical.

“Historischer Disney-Film”

Aus der Geschichte soll ein “historischer Disney-Film” werden, “in dem jeder Mensch schöner aussieht, als er wirklich ist”, sagt Regisseur Barchatow. Eine kleine Hütte im Gulag, ein aus „Les Miserables“ entlehnter Chor: Man muss sehen, inwieweit diese Form der Inszenierung noch aktuell ist.

Ein verherrlichter Blick auf Russland scheint im Moment jedenfalls schwierig. Natürlich sind die Laufzeiten der Oper lang, und die Arbeiten an der Inszenierung müssen weit fortgeschritten gewesen sein, als im Februar der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine begann. Bittersüß ist allerdings, dass “Sibirier” heute kommentarlos gezeigt wird.

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