Energiekrise: Gewessler gegen Tempo 100

Energie- und Klimaschutzministerin Leonore Gewessler hat Forderungen nach einem niedrigeren Tempolimit auf österreichischen Straßen zurückgewiesen. „Langsames Fahren ist ein Beitrag, den jeder leisten kann“, sagte er am Freitag dem Ö1-„Mittagsjournal“. Rechtliche Maßnahmen könnten nur im Falle einer Versorgungsnotlage beschlossen werden, die es derzeit nicht gibt.

Der Vorschlag, zumindest vorübergehend niedrigere Geschwindigkeitsbegrenzungen einzuführen, um Energie zu sparen, kam zuletzt von Kärntens Landeshauptmann Peter Kaiser (SPÖ). Auch die Mobilitätsorganisation Verkehrsclub Österreich (VCÖ) begrüßte den Vorschlag. Laut einer Studie des Umweltbundesamtes würde ein Auto, das auf der Autobahn mit nur 100 statt 130 km/h unterwegs ist, 23 Prozent weniger Kraftstoff verbrauchen.

„Ich bin überhaupt nicht zurückhaltend, wenn es um Energiesparen geht“, betonte Gewessler. Die Handlungsmöglichkeit im Energiecontrolling besteht jedoch nur im absoluten Versorgungsnotfall. “Im Moment sind wir nicht in dieser Situation”, sagte der Minister. Als Voraussetzung für eine entsprechende Regelung ist dann eine Zweidrittelmehrheit in der Hauptkommission des Nationalrates erforderlich.

Auch auf die Frage nach sich ändernden CO2-Preisen gab Gewessler keine ganz klare Antwort. Allerdings verwies er auf die ökosoziale Steuerreform der türkisgrünen Regierung: “Natürlich hängt das zusammen.”

“Wir sollten uns nicht sicher fühlen”

Trotz größerer Gaslieferungen aus Russland bleibt die Lage von Energieministerin Leonore Gewessler (Grüne) „sehr angespannt“. Es sei aber “eine positive Entwicklung”, dass wieder mehr Gas fliesse und gespeichert werde, sagte Gewessler nach einem Gasinfrastrukturgipfel mit Unternehmen und gesellschaftlichen Akteuren am Freitag in Wien. “Wir dürfen uns nicht in falscher Sicherheit wiegen.”

Gewessler kritisierte erneut den russischen Präsidenten. “Putin setzt Gas als Waffe ein. Auch wenn heute wieder mehr Gas fließt, sind wir abhängig”, sagte der Energieminister. “Wir müssen unabhängig werden, es ist noch ein langer Weg.” Der Energieminister hat angekündigt, dass am heutigen Freitag die Verordnung zur technischen Umstellung von Kraftwerken geprüft wird. Wo technisch möglich, sollen Kraftwerke mit anderen Energieträgern statt mit Gas betrieben werden. Unter anderem wird über den Wiederanlauf des Steinkohlekraftwerks Mellach durch den Verbund nachgedacht.

Österreich hat lange von Russland profitiert

Auch Wirtschaftsminister Martin Kocher (ÖVP) war auf dem Gipfel vertreten: „Zweck des Treffens war der Informationsaustausch über die aktuellen Maßnahmen in Bezug auf die bestehende Gasinfrastruktur und die Priorisierung bestimmter Gasinfrastrukturprojekte“, so Kocher. Bei dem konstruktiven Treffen wurden unter anderem Infrastrukturprojekte besprochen, um die Energieversorgungssicherheit nicht nur kurz-, sondern auch mittel- und langfristig gewährleisten zu können. Wir werden weiter mit den verantwortlichen Institutionen und Unternehmen sprechen, um die Gasinfrastruktur zu verbessern. Kocher erinnerte auch daran, dass Österreich “lange Zeit” von der billigen Gasversorgung Russlands profitiert habe.

Gazprom-Lieferungen auf Vorwartungsniveau

Nach Angaben von OMV und E-Control hat der russische Gaskonzern Gazprom die nominierten Mengen für den gestrigen Donnerstag faktisch geliefert. Laut einem Sprecher der OMV entsprechen die Gaslieferungen „der Hälfte der von uns vertraglich bezeichneten (angeforderten) Mengen“. Der gleiche Betrag wurde für heute bestätigt. Entspricht dem Stand vor Wartungsarbeiten an Nord Stream 1.

Auch Carola Millgramm, Abteilungsleiterin Gas bei der Regulierungsbehörde E-Control, bestätigte gegenüber der Ö1-Morgenzeitung, dass das Gas wie angekündigt geflossen sei. Es waren genau 29,2 Gigawattstunden pro Stunde. „Wenn man das hochrechnet, kommt man wieder auf einen Wert von etwa 700 Gigawattstunden pro Tag, das ist der gleiche Wert wie gestern“, sagt Millgramm. Damit würden 40 Prozent der technischen Kapazität der Nord Stream 1-Pipeline genutzt.

Gasspeicher zu 50 % gefüllt.

Gasspeicher in Österreich sind derzeit zu 50 % gefüllt. Bis zum Herbst strebt die türkis-grüne Regierung ein Niveau von 80 Prozent an. Das Speicherziel der Regierung ist laut E-Control noch erreichbar. Daher gibt es laut Energieministerium derzeit keinen Anlass, in Österreich die Gaswarnstufe auszurufen. Erschwerend kommt hinzu, dass der Großspeicher der Gazprom GSA in Haidach (Salzburg) derzeit komplett leer ist und nicht wieder befüllt wird. Zudem hat der angeschlagene deutsche Gashändler Uniper seinen Speicher in Österreich derzeit nur zu knapp 40 Prozent gefüllt. Der Gasspeicher der OMV in Österreich ist dagegen bereits zu 79 Prozent und der Speicher der RAG zu 72 Prozent gefüllt. Die Gasspeicherkapazität in Deutschland beträgt derzeit 48 Terawattstunden. Das entspricht mehr als der Hälfte des gesamten Jahresverbrauchs Österreichs. (apa, rot)

Der Artikel wird laufend aktualisiert (Hinweis)

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