Die Entscheidung sei “einvernehmlich” getroffen worden, teilte Volkswagen am Freitag mit. „Dr. Oliver Blume übernimmt den Vorstandsvorsitz und gleichzeitig seine Funktion als Vorstandsvorsitzender der Dr. Ing. hc F. Porsche AG“, teilte der Konzern in einer Mitteilung mit. Blume wird Porsche parallel und langfristig weiterführen und bereitet derzeit einen Börsengang im Herbst vor. Zudem wurde beschlossen, dass VW-Finanzvorstand Arno Antlitz Blume “im operativen Tagesgeschäft” unterstützen soll.
Der frühere BMW-Manager Diess steht seit April 2018 an der Spitze von Volkswagen. Volkswagen sprach von einem Generationswechsel. Blume ist neun Jahre jünger. Der Anstoß für den Wechsel dürfte von den Besitzerfamilien Porsche und Piech ausgegangen sein. Familienvertreter sahen die Notwendigkeit eines Führungswechsels, sagten zwei mit der Angelegenheit vertraute Personen gegenüber Reuters.
Der Aufsichtsratsvorsitzende Hans Dieter Pötsch dankte Diess. In seiner Zeit als Vorstandsvorsitzender der Marke Volkswagen und des Konzerns hat er die Transformation des Unternehmens maßgeblich vorangetrieben.
Blume auf den Flügeln
Blume gilt seit langem als möglicher Nachfolger. Sein Name war mehrfach hinter den Kulissen genannt worden, als sich im vergangenen Jahr ein Konflikt zwischen dem VW-Chef und dem mächtigen Betriebsrat über mögliche neue Sparprogramme verschärfte. Diesem wurde von den Arbeitnehmervertretern immer wieder Alleingänge vorgeworfen.
Schon zuvor hatte es heftige Meinungsverschiedenheiten mit Teilen des Aufsichtsrats von Europas größtem Autobauer über die neue Strategie und einen möglichen drastischen Stellenabbau gegeben.
Reuters/Andreas Gebert Blume wird die VW-Porsche-Tochter parallel weiterführen
Diess hatte aus Sorge, Tesla könne den Konzern verlieren, maßgeblich an der Umstellung von VW auf Elektromobilität mitgewirkt. Aus dem deutschen Mehrmarkenkonzern soll unter Diess in den kommenden Jahren ein auf Softwareplattformen basierendes und nach Markengruppen strukturiertes Unternehmen werden.
Allerdings gab es in letzter Zeit auch einige Probleme, insbesondere mit der langsamen und immer teurer werdenden Entwicklung von proprietärer Software und IT-Systemen. Probleme hatte es vor allem rund um die interne Tochtergesellschaft der Cariad-Gruppe gegeben. Volkswagen musste sich zuletzt mit sinkenden Umsätzen aufgrund von Chip-Engpässen und Problemen in der Lieferkette auseinandersetzen.
Folgen von „Dieselgate“
Die Aktionäre mussten sich weiterhin mit den Folgen des Abgasskandals auseinandersetzen. 2015 wurde bekannt, dass VW illegale Abschalteinrichtungen in Dieselautos eingebaut hatte, um Abgasvorschriften zu umgehen. Auch Diess soll davon gewusst haben. Gegen den ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn läuft ein Verfahren, auch gegen Diess wurden Unterlassungsvorwürfe erhoben. Gegen die Zahlung von 4,5 Millionen Euro wurde ein Verfahren eingeleitet – obwohl auch die Vorgehensweise von Gericht und Staatsanwaltschaft kritisiert wurde.
Nach wie vor verwirrt manche Aktionäre auch, dass 2021 ein teilweise als undurchsichtig wahrgenommener interner Schadensersatzdeal mit Winterkorn und anderen ehemaligen Topmanagern abgeschlossen wurde. Seit Bekanntwerden des Skandals im September 2015 haben die Gesamtkosten von „Dieselgate“ bereits 33 Milliarden Euro überschritten. Ein Sonderausschuss des Aufsichtsrats wurde Ende 2021 aufgelöst. Laut Rechtsdirektor Manfred Döss gibt es weltweit rund 60.000 einzelne Diesel-Zivilverfahren.
Die Vertreter zufriedener Arbeitnehmer
Der Chefwechsel fand am Freitag die Zustimmung der VW-Arbeitnehmervertreter. Neben seiner technologischen Favoritenrolle müsse Volkswagen auch seiner gesellschaftlichen Vorbildfunktion gerecht werden, so Jörg Hofmann, Vorsitzender der IG Metall und stellvertretender Vorsitzender des Volkswagen-Aufsichtsrats. “Die heute getroffenen Entscheidungen ermöglichen es uns, das Tempo beizubehalten und die Führung zu nutzen, die funktioniert hat.” Daniela Cavallo, Leiterin des Betriebsrats, erklärte, dass Arbeitsplatzsicherheit und Rentabilität gleichrangige Unternehmensziele bleiben müssen.