– Last-Minute-Manager sind verhaftet
Im Tessin kam es zu einer Razzia beim Online-Reiseanbieter. Dabei handelt es sich um eine angebliche Täuschung, während der Pandemie 28,5 Millionen Franken Arbeitsentschädigung erhalten zu haben.
Veröffentlicht: 22.07.2022, 19:22
Im Visier der Tessiner Justiz: der an der Schweizer Börse kotierte Online-Reiseanbieter Lastminute.
Foto: Ennio Leanza (Keystone)
Tausende Unternehmen in der Schweiz haben während der Pandemie Kurzarbeit in Anspruch genommen. Staatliche Hilfen für Unternehmen waren schnell und unbürokratisch; Glücklicherweise konnten so Massenentlassungen vermieden werden.
Das unkomplizierte Verfahren kann aber auch ein Einfallstor für unreine Praktiken sein. So ermittelt die Tessiner Staatsanwaltschaft im Umfeld des Online-Reiseunternehmens Lastminute. Das an der Schweizer Börse kotierte Unternehmen mit operativem Hauptsitz in Chiasso erhielt für die knapp 500 Mitarbeitenden seiner Schweizer Tochtergesellschaften Kurzarbeitergeld in Höhe von 28,5 Millionen. Falsch?
Am Freitagmorgen gab das Unternehmen bekannt, dass die Tessiner Staatsanwaltschaft für Firmengründer und -chef Fabio Cannavale sowie vier weitere aktuelle und ehemalige Führungskräfte bis zu drei Monate Gefängnis beantragt habe. Am Freitagabend lag die Entscheidung des Zwangsmaßnahmenrichters vor: Vier von fünf Verdächtigen müssen festgenommen werden.
Ein fünfter Verdächtiger, der vorläufig festgenommen worden war, wurde inzwischen von demselben Ermittlungsrichter freigelassen. Um welche Personen es sich handelt, wird nicht mitgeteilt. Im Zuge ihrer Ermittlungen sperrten die Behörden zudem Gelder der Gruppe in Höhe von insgesamt 7 Millionen Franken auf verschiedenen Konten.
Lastminute Gründer und CEO: Fabio Cannavale aus Norditalien.
Foto: PD
Die Lastminute Group ist einer der weltweit führenden Player in der Online-Reisebranche und betreibt ein Portfolio bekannter Marken wie Lastminute.com, Bravofly, Rumbo, Volagratis und Jetcost. Das Unternehmen beschäftigt weltweit rund 1.500 Mitarbeiter, davon 500 in der Schweiz, und erzielte im vergangenen Jahr einen Umsatz von rund 143 Millionen Euro.
Seit Dienstag inhaftiert
Die Tessiner Behörden ermitteln wegen Betrugsverdachts, illegaler Inanspruchnahme von Sozialleistungen oder Sozialhilfe und Verletzung des Schweizer Arbeitslosenversicherungsgesetzes, wie Lastminute, Polizei und Staatsanwaltschaft Tessin am Mittwoch mitteilten. Betroffen sind die Schweizer Tochtergesellschaften BravoNext SA, BravoMeta CH SA und LMNext CH SA.
Bereits am Dienstag gab es eine Razzia an ihren Standorten in der Nähe von Mendrisio. Lokale Behörden durchsuchten die Räumlichkeiten, führten Befragungen durch und beschlagnahmten Material. Sieben Personen wurden festgenommen. Die Behörden sagten, es handele sich um italienische Staatsangehörige im Alter zwischen 33 und 57 Jahren. Drei davon sollen wieder frei sein.
Nicht aber die Männer in der Geschäftsleitung: Neben CEO Fabio Cannavale sitzt die Nummer zwei, Chief Operating Officer (COO) Andrea Bertoli, noch immer in Haft, wie das Unternehmen am Freitagmorgen schreibt. CEO Cannavale kommt aus Mailand und ist Diplom-Ingenieur. Zu Beginn seiner Karriere arbeitete er mehrere Jahre als Berater bei McKinsey. Außerdem hat er in den letzten 20 Jahren mehrere Online-Reiseplattformen gegründet. Dazu gehören eDreams Italien, Bravofly und Volagratis.com. Die beiden letzteren gehören heute zu Lastminute.
Andrea Bertoli ist seit April 2020 COO und Nummer zwei von Lastminute.
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Der Lebenslauf von Andrea Bertoli weist viele Parallelen auf. Der Software-Unternehmer ist seit April 2020 COO von Lastminute. Er hat ebenfalls in Mailand studiert, eDreams Italien mitgegründet und mehrere Jahre als Berater bei McKinsey gearbeitet, teilweise parallel zu Cannavale. Er war auch Direktor mehrerer Skigebietsbetreiber in den italienischen Dolomiten. Für beide gilt die Unschuldsvermutung.
die aktien rendite
Das Unternehmen, das seinen rechtlichen Sitz in den Niederlanden hat, zeigte sich am Mittwoch noch zuversichtlich, dass die Ermittlungen “kein Fehlverhalten” ans Licht bringen würden. Der Ton änderte sich am Freitag; Jetzt heißt es nur noch: Das Ordnungsamt wird weiterhin bei Ermittlungen unterstützt.
Darüber hinaus wurden bereits Maßnahmen ergriffen, um eine „ausreichende“ Kontinuität im Tagesgeschäft der betroffenen Tochtergesellschaften zu gewährleisten. Das Unternehmen wollte sich auf Nachfrage am Freitag nicht weiter zu den Vorwürfen äußern. Nähere Angaben zum laufenden Verfahren will die zuständige Staatsanwaltschaft nicht machen.
Immerhin läuft das Geschäft wieder rund: Anfang des Jahres verzeichnete der Konzern ein Allzeithoch der Nachfrage, Umsatz und Rohertrag auf Vorpandemie-Niveau. Jeden Monat erreicht die Gruppe über ihre Websites und mobilen Anwendungen mehr als 40 Millionen Nutzer in 17 Sprachen und 40 Ländern. Die Lastminute-Aktie verlor im Schweizer Handel infolge der Ereignisse dieser Woche rund ein Viertel ihres Wertes.
Anielle Peterhans ist seit 2021 Praktikantin beim «Tages-Anzeiger». Sie hat an der Universität Zürich Politikwissenschaft und Neuere Geschichte studiert. Weitere Informationen@Anielle_Pe
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