Das US-Nachrichtenmagazin “Newsweek” hat sich die Mühe gemacht, sämtliche Krankheiten aufzuzählen, die Wladimir Putin (69) nachgesagt werden. Von Schilddrüsenproblemen ist die Rede, von Blutkrebs, von Parkinson-Schüttellähmung, von Erblindung, Schizophrenie, Konzentrationsproblemen, Kopfschmerzen und einer drohenden Operation, um nur “Mainstream”-Leiden zu nennen.
Beweise hat bisher niemand vorgelegt, und der eine oder andere “Fachmann” räumte freimütig ein, er könne seine Diagnose auch nur anhand von Fernsehbildern machen. Gleichwohl sah sich Außenminister Sergej Lawrow bei einem Interview mit dem französischen Fernsehen gezwungen, direkt zu den umlaufenden Gerüchten Stellung zu nehmen.
Lawrow: “Keine Anzeichen von Leiden”
“Präsident Wladimir Putin tritt jeden Tag in der Öffentlichkeit auf. Sie können ihn auf Bildschirmen beobachten, seine Reden lesen und anhören. Ich glaube nicht, dass vernünftige Menschen an dieser Person Anzeichen einer Krankheit oder eines Leidens erkennen können. Ich überlasse es dem Gewissen derer, die solche Gerüchte trotz gegenteiligen Augenscheins verbreiten, sich klar zu machen, was da dran ist”, so Lawrow. Ähnlich hatte sich bereits mehrfach Kremlsprecher Dmitri Peskow geäußert.
Gleichwohl ist nicht anzunehmen, dass die Spekulationen damit beendet sind. Ganz im Gegenteil, inzwischen wird quer durchs Netz nach den möglichen Urhebern und ihren Interessen “gefahndet”. In der “Newsweek” heißt es, die Gerüchte kämen vielleicht aus dem Kreml, denn ein “kranker” Putin bekomme natürlich mehr Sympathiepunkte als ein gesunder. Russland-Expertin Olga Lautmann, die am Center for European Policy Analysis arbeitet, verwies schon früher darauf, dass der Kreml die volle Kontrolle über alle Informationen hat. Daher sei es nichts weiter als “Theatralik” und “Ablenkung”, wenn Putin Krankheiten angedichtet würden.
“Leute, der Präsident kann jeden Moment sterben”
Ganz anders sieht es der russische Politologe Dmitri Soin in einem Essay für das rechts-nationalistische Portal “Tsargrad”. Es handle sich um eine vom Westen gesteuerte Geheimdienstaktion, mit der die russische Elite unter Druck gesetzt werden solle: “Leute, der Präsident von Russland kann jeden Moment sterben, was bedeutet, dass sich der Kurs ändern wird. Folglich könnten sich diejenigen, die seinen Kurs unterstützen, einschließlich während des Sondereinsatzes in der Ukraine, in einer unangenehmen oder sogar gefährlichen Lage wiederfinden. Denn wenn dieser Präsident geht und ein neuer kommt, ist völlig unklar, wie seine Politik gegenüber dem Westen und gegenüber der Ukraine aussehen wird.”
Das habe der Westen auch schon zu Sowjetzeiten mit den damaligen, meist greisen Generalsekretären der KPdSU so gehalten. Die Diagnosen würden somit nicht etwa von Medizinern, sondern von “Fachleuten der Desinformation” gestellt. Sie hätten drei Ziele im Auge: Erstens sei bei einem “kranken” Präsidenten nicht mehr klar, wie und warum er seine Entscheidungen trifft, zweitens werde die Führungsschicht verunsichert und einem “großen Risiko” ausgesetzt. Drittens werde versucht, die Elite in Panik zu versetzen, weil sie das Gefühl bekomme, von Putins potentiellem und möglicherweise “liberaleren” Nachfolger sehr bald bestraft und entmachtet zu werden.
Londoner Boulevardblätter fantasierten von “Doppelgänger”
Eine der Hauptquelle der Gerüchte um Putins “Krankheiten” scheint Großbritannien zu sein, genauer gesagt der dortige Geheimdienst. Teile der Londoner Boulevardpresse haben Putin schon für “tot” erklärt und behauptet, es sei nur noch ein “Doppelgänger” unterwegs. Nahrung bekamen solche Gerüchte durch die Tatsache, dass Onlineportale Ungereimtheiten in Putins Zeitplänen aufgedeckt hatten.
So behaupteten kremlkritische Moskauer Medien, er habe in wenigen Stunden mehrere Termine absolviert, obwohl schon die Fahrzeiten zwischen den vermeintlichen Schauplätzen länger gewesen sein mussten als die angeblichen Auftritte. Spekulationen über manipulierte Videos gibt es reichlich. Mit Berufung auf russische “Spionagekreise” war sogar im seriösen “Independent” zu lesen, Putin habe nur noch drei Jahre zu leben und werde 2023 zurücktreten.
“Brille ist Zeichen von Schwäche”
Klar, dass ukrainische Medien die Putin-Gerüchte aus aller Welt fleißig weiterverbreiten und nach Möglichkeit dramatisieren oder ironisieren. So wird dort der angebliche russische Geheimdienst-“Überläufer” Boris Karpichkow zitiert, der gern in britischen TV-Shows auftritt und dort sagte: “Putin will keine Brille tragen, weil das ein Zeichen von Schwäche wäre. Früher war er seinen Untergebenen gegenüber zurückhaltend, jetzt bekommt er unkontrollierbare Wutausbrüche. Er ist völlig verstört und vertraut fast niemandem.”
Umgekehrt amüsieren sich auch in der Ukraine kritischere Stimmen über den Hype um Putins Befindlichkeit und kommentierten: “Die russischen Medien zeigten, dass er Judo praktizierte, mit Delphinen tauchte, mit [Verteidigungsminister] Schoigu im Altai-Gebirge jagte, Kraniche in Jamal rettete, einen Su-27-Jäger flog und es somit keinen Grund gibt, an seiner Gesundheit zu zweifeln.”
Blogger mit besonders “exotischer” Diagnose
Mit Sinn für besonders exotische Diagnosen wurde der Blogger Mark Petrowitsch zitiert, der sich bereits 2012 “sicher” war, dass Putin unter dem Klüver-Bucy-Syndrom leidet, das von einer nicht ausgeheilten Hirnhautentzündung im Kindesalter herrühren kann. Die Symptome seien “mangelndes Verständnis für den emotionalen Zustand geliebter Menschen”, Gefühlskälte, verminderte Angstinstinkte und ein eingefrorenes Gesicht. Ob alle gesund sind, die solche Gerüchte in die Welt setzen, darüber gibt es übrigens keine gesicherten Angaben.