„Der ‚Ring‘ ist klüger als sein Schöpfer“

29. Juli 2022

Valentin Schwarz, geboren am 12. April 1989 in Altmünster, Oberösterreich, studierte ua Musiktheaterregie in Wien und präsentierte in dieser Zeit erste Produktionen. Er ist nicht neu bei Green Hill, da er bereits 2009 Empfänger der Wagner Scholarship Foundation war. Und doch ist er neu in der wohl wichtigsten Rolle, die die Welt des Musiktheaters zu bieten hat: der Neuinszenierung des „Ring des Nibelungen“ für die Bayreuther Festspiele. Mit 33 Jahren übernimmt er nun diese wichtige Aufgabe.

Zunächst die Frage des Sportreporters: Wie geht es Ihnen kurz vor der Premiere Ihres bisherigen Karriere-Highlights?

Valentin Schwarz: Wir sind hier im Endspurt – der „Ring“ wird langsam fertig. Die Vorbereitungen sind lange her und die Sänger sind voller Tatendrang und wahnsinnig motiviert, endlich präsentieren zu können, woran sie gearbeitet haben. Das bringt mich auch.

Hast du deinen ‚Ring‘ nach dem Not-Kunst-Shutdown 2020 noch angepasst? Auch als Person verändert man sich in dieser langen Zeit…

Schwarz: Das Konzept ist natürlich gleich geblieben. Aber „Der Ring“ funktioniert noch in einem, man muss an einzelnen Sachen weiterarbeiten. Manche Szenen sieht man anders als vorher, ja.

Was ist für Sie ausschlaggebend dafür, ob eine Produktion ein Erfolg wird oder nicht?

Schwarz: Das ist nicht die Reaktion der Öffentlichkeit, auch nicht die Reaktion der Presse oder die Frage, was jemand denkt. Das ist mein persönlicher Erfolg oder mein Versagen. Habe ich erreicht, was ich erreichen wollte? Gerade die Geschichte Bayreuths zeigt, dass die Kultaufführung von Patrice Chéreaus „Ring“ in den Anfangsjahren auf starken Widerstand stieß. Reaktionen können sich ändern. Sie müssen nicht bei Ihrem Standpunkt bleiben, wie Sie es in TV-Talkshows tun. Die kleine Möglichkeit offen zu lassen, dass die eigene Meinung nicht das letzte Wort der Weisheit ist, hilft uns als Gesellschaft.

Als Familientragödie, Fantasy-Abenteuer oder philosophische Welterklärung kann der „Ring“ auf vielfältige Weise gelesen werden. Auf welche der Lesungen konzentrieren Sie sich?

Schwarz: Der „Ring“ handelt von einer Großfamilie. Es braucht viel Fantasie, um nicht an diese familiären Beziehungen zu denken. Die innerfamiliären Konflikte in dieser Großfamilie psychologisch fesselnd darzustellen, bietet heute ein großes Identifikationspotential. Es sind Menschen, die uns teilweise spiegelbildlich ähneln. Der strahlende Held geht auf Leichen und der Bösewicht hat guten Grund dazu. Diese Charaktere möchte ich über mehrere Abende begleiten und ihre Facetten erweitern. Ich sehe den „Ring“, gefolgt von großen Gesellschaftsromanen von Tolstoi, Joyce oder Proust.

Ist es Ihnen ein Anliegen, den „Ring“ mit dem heutigen Publikum zu verbinden und nicht mit Traditionen zu brechen oder das Genre zu dekonstruieren?

Schwarz: 150 Jahre Rezeption des „Rings“ in Bayreuth haben nur einen gemeinsamen Nenner: Man kann den „Ring“ nicht auf einen gemeinsamen Nenner bringen. Jede Produktion hat ihre eigenen Vorzüge und Mängel. Die Erfahrung, Teil dieser Geschichte zu sein, gibt mir die Gewissheit, dass es in der Oper immer um eine Kunst des Augenblicks geht. Das sind keine Aussagen für die Ewigkeit. Eine große globale Erklärung abzugeben erscheint mir sinnlos. Aber ich freue mich, Ihnen etwas anbieten zu können, was Sie noch nie zuvor gesehen haben.

Hat sich Ihre Beziehung zu Wagner als Person im Laufe der Zeit verändert?

Schwarz: Bei Wagner durchläuft man als Mensch verschiedene Stationen. Die Faszination für Märchen weicht schließlich der Empörung über ihn als Antisemiten. Aber was mich an „Der Ring“ besonders beeindruckt hat, ist, wie Wagner als Psychologe die Figuren tief begleitet. Das Werk ist klüger als sein Schöpfer. Was da ist, hätte sich Wagner nicht träumen lassen. Wir müssen alle darauf achten, dass die Überraschung in diesen Zeiten nicht in blinde Bewunderung umschlägt!

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