Öffentlich-rechtlicher Rundfunk in Frankreich: Warum Paris die Sendequote kippt

Kritiker der deutschen Rundfunkgebühr reiben sich die Hände, Frankreich zeigt, was scheinbar so einfach ist: Paris hat die Rundfunkgebühr schnell und schmerzlos abgeschafft, ohne Strukturreformen, aber mit dem Versprechen, die Finanzierung der öffentlich-rechtlichen Medien weiterhin zu garantieren.

Emmanuel Macron hat damit sein erstes Wahlversprechen vor den Sommerferien erfüllt. Im März dieses Jahres kündigte er vor nur rund 200 Unterstützern die Abschaffung der Emissionsabgabe von 138 Euro pro Jahr an mit dem Argument, er wolle die Kaufkraft der Haushalte stärken.

Doch das sich wandelnde Gesicht Frankreichs lässt sich nicht einfach auf die Bundesrepublik übertragen, denn die Medienlandschaften lassen sich nur schwer vergleichen. In Frankreich gab es vor allem formale Gründe für die Abschaffung der Rundfunkgebühr. Derzeit sind die 138 Euro zusammen mit der Wohnungssteuer eingenommen worden. Da Macron letzteres auslaufen lässt und 2023 endgültig für alle Haushalte abgeschafft wird, wäre der Verwaltungsaufwand für die Fortführung der Rundfunkgebühr enorm gewesen.

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Öffentliche Medien

Auch die Abschaffung der Jahresgebühr entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Umlagetrick: Vordergründig sind die Gebührenzahler entlastet, doch Macron will die fehlenden 3,7 Milliarden Euro mit Einnahmen aus der Mehrwertsteuer ausgleichen. Die Mehrwertsteuer gehört bekanntlich zu den Steuern, die einkommensschwache Haushalte am stärksten belasten.

Außerdem wird vorgeschlagen, dass für die Sender alles beim Alten bleibt. Aber wenn das Parlament über den Jahreshaushalt der Radio- und Fernsehgesellschaft abstimmt, kann niemand die versprochene Kontinuität der Finanzierung der Sender garantieren, die in der Verfassung verankert ist. Selbst diejenigen, die eine Abschaffung für überfällig halten, kritisieren sie jetzt als verfrühte, ja übereilte Reform.

Der konservative Senator Jean-François Husson kritisierte die Regierung dafür, „den Abspann vor Beginn der Show auszurollen“. In einem Bericht hatte er wenige Wochen zuvor die Fusion von Fernseh- und Radiosendern gefordert.

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Laut einer Studie der Medienwissenschaftlerin Julia Cagé für die linke Fondation Jean Jaurès befürworten mehr als die Hälfte der Befragten in Frankreich eine Beibehaltung oder Reform des aus ihrer Sicht gerechteren Lizenzpreises. Nur 20 Prozent halten die Abschaffungsentscheidung für richtig. Cagé warnt in seiner Analyse vor einer Schwächung der demokratischen Streit- und Meinungsbildungskultur.

Sie plädiert für eine Reform nach skandinavischem Vorbild. In Finnland, Schweden und Norwegen wird die Rundfunkgebühr einkommensabhängig erhoben und ist damit „steuergerechter“. Damit werde die Quote von der Bevölkerung “besser angenommen und akzeptiert”, so der Experte.

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Bereits 2008 hatte Ex-Präsident Nicolas Sarkozy die Werbung auf Bezahlkanälen abgeschafft und damit finanziell geschwächt. Macron bezeichnete öffentlich-rechtliche Sender einmal als „Schande“. Gemeint waren vor allem die eingebetteten Verwaltungsstrukturen und der mangelnde Aufwand, ein junges Publikum für sich zu gewinnen.

Die Medien in Frankreich gehören den Milliardären

Wie in Deutschland spiegeln die Pros und Kontras der Debatte auch in Frankreich eine gesellschaftliche Spaltung wider: Programme öffentlich-rechtlicher Sender gelten als elitär und linkslastig. Was auf den ersten Blick wie eine beliebte Maßnahme erscheint, ist daher auch populistisch. Die Abgeordneten der Partei Rassemblement Nation (RN) von Marine Le Pen stimmten jedoch gegen die Abschaffung der Rundfunkgebühr, weil sie der Meinung sind, dass die Reform nicht weit genug geht.

Viele reaktionäre Stimmen begrüßen die Abschaffung und wünschen sich, dass dies nur ein erster Schritt in Richtung Privatisierung sei. Unter ihnen ist der gescheiterte rechte Präsidentschaftskandidat Éric Zemmour, der seine Popularität einer täglichen Sendung auf einem Privatsender des Milliardärs Vincent Bolloré verdankt. Letzteres ist keine Ausnahme.

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Ein Dutzend Milliardäre in Frankreich besitzen mehr als 80 % der nationalen Zeitungen, 95 % der politischen Zeitschriften und mehr als die Hälfte der Radiosender. Daher sehen viele die staatlich finanzierten Medien als wichtigen Ausgleich in Zeiten von Fake News.

Das kulturkonservative Magazin „Causeur“ stellt jedoch zufrieden fest, dass es zu keinen Aufschreien in der Bevölkerung gekommen sei und wertet die Kommentare in den sozialen Netzwerken als Bestätigung des Zerwürfnisses zwischen „Volk und Elite“: „Die Service-Medien werden öffentlich genutzt ein Reservoir fortschrittlicher Moral und der Bobo-Kultur der Pariser Elite”.

Wenn Sie regelmäßig die Abendnachrichten des staatlichen Fernsehsenders France 2 sehen, können Sie sicherlich nicht den Eindruck gewinnen, dass Sie eine Elitesendung sehen. Nicht nur in den Sommerferien wirkt die Hauptnachrichtensendung wie eine bunte Übersicht gemischter Berichte. Politisch relevante Themen oder gar außenpolitische Entwicklungen werden oft erst nach Meldungen über Autobahnbrände oder Schneestürme angesprochen.

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Zeit großer Instabilität

Nationale Radiosender hingegen sind in ihrem Programm so vielfältig, dass nicht nur die Autoren auf ihre Kosten kommen. Alles bis auf ein Minderheitsprogramm für die Pariser ist die Morgensendung von France Inter, die einen Marktanteil von 14,5 Prozent hat.

Nach Vorwürfen, sie sei zu links, kamen täglich Gastkommentatoren aller politischen Richtungen zu Wort. Mit fast sieben Millionen Hörern ist France Inter der meistgehörte Radiosender in Frankreich.

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