Bodenpersonal beruhigt Lufthansa-Chef rechnet mit jahrelang hohen Preisen
08.05.2022 03:34 Uhr
Der Neustart der Lufthansa am Flughafen verläuft holprig, aber die Bilanzen sind deutlich besser: Im zweiten Quartal hat die Airline erstmals seit Ausbruch der Pandemie wieder einen Gewinn erwirtschaftet. Das soll das ganze Jahr über so weitergehen, verspricht CEO Spohr und wendet sich an die Mitarbeiter.
Trotz anhaltender Streikgefahr und Abfertigungschaos an den Flughäfen ist Lufthansa wieder in die Gewinnzone zurückgekehrt. Als das Unternehmen und die Verdi-Delegation wenige Meter entfernt um einen Tarifvertrag für das Bodenpersonal kämpften, verkündete Lufthansa-Chef Carsten Spohr den ersten operativen Jahresgewinn seit Ausbruch der Corona-Krise Für das laufende Jahr rechnet der gerade erst vom Staat gerettete Konzern nun mit einem Gewinn (bereinigtes EBIT) von mehr als einer halben Million Euro. Für 2021 hatte Lufthansa bei dieser Kennzahl einen Verlust von mehr als 2,3 Milliarden Euro ausgewiesen.
Lufthansa 6.55
Trotz der Rückkehr in die Gewinnzone bremse Lufthansa 2023. Das Wichtigste sei, den Betrieb zu stabilisieren und für die Kunden verlässlicher zu machen, sagte Spohr. Nach den Erfahrungen des aktuellen Sommerchaos will der MDax-Konzern im nächsten Jahr zwischen 85 und 90 Prozent des Vorkrisenprogramms anbieten. Im laufenden Jahr werden es nach Corona-Lockerungen im Frühjahr und mehreren Flugstreichungen im Sommer rund 75 Prozent sein.
Angesichts hoher Energierechnungen und Inflation könne er sich nicht vorstellen, dass die private Nachfrage so weitergehe, sagte Spohr. Positiv wirken sich jedoch die Öffnung des japanischen und chinesischen Marktes sowie die Rückkehr von Geschäftsreisenden aus. Kunden sollten sich auf deutlich höhere Preise einstellen, die laut Spohr stärker steigen könnten als die allgemeine Preisentwicklung. „Reisen und Fliegen werden teurer“, sagte der Lufthansa-Chef.
Angesichts der Verzögerung bei der Auslieferung neuer Flugzeuge könnte die Hochpreisphase mehrere Jahre andauern, da auch Wettbewerber keine zusätzlichen Kapazitäten aufbauen können. Spohr zeigte sich optimistisch, dass Tarifstreitigkeiten vor allem beim Mutterkonzern Lufthansa beigelegt werden könnten. Bei den Bodenpersonalverhandlungen wurden am Abend zweistellige Gehaltserhöhungen vereinbart. Vor allem in den unteren Gehaltsklassen gibt es laut Lufthansa deutlich mehr Geld, bis zu 19,2 Prozent mehr bei 18 Monaten Laufzeit. Weitere Warnstreiks des Bodenpersonals wie am Mittwoch vergangener Woche sind vom Tisch.
Personalstress „war riesig“
Spohr äußerte Verständnis für den Unmut der Belegschaft “nach zweieinhalb extrem harten Jahren”. “Die Spannung war riesig.” Sie bot streikwilligen Piloten der Lufthansa-Hauptmarke an, das zwischenzeitlich gekündigte Flottenengagement zu erneuern. Ende vergangenen Jahres durften 325 der mehr als 700 Flugzeuge der Konzernflotte nur von tariflich bezahlten Piloten geflogen werden. Auch mit dem Verband Cockpit besteht Einvernehmen über das Ziel, insbesondere die untersten Lohngruppen zu begünstigen.
Auf der Personalseite scheint der Kran die Einsparungen überbewertet zu haben, wie Spohr zuvor einräumte. Von gut 140.000 Beschäftigten vor Corona waren Ende Juni noch 106.000 an Bord. Viele Einheiten sind in diesem Sommer voll ausgelastet und es ist geplant, dieses Jahr 5.000 weitere Mitarbeiter einzustellen. Auch im nächsten Jahr will Lufthansa 5.000 zusätzliche Stellen schaffen, vor allem in Flugzeugen, beim Bodenpersonal und in der Technik. Verdi hatte während seines Warnstreiks immer wieder um Entlastung durch Neueinstellungen gebeten.
Der Streik kostete 35 Millionen Euro
Das Management-Chaos kostete die Fluggesellschaften des Konzerns im Frühjahr 158 Millionen Euro für Ersatzflüge oder Hotels und Entschädigungen für Passagiere. Insgesamt werden für dieses Jahr zwischen 450 und 500 Millionen Euro erwartet. Allein der Verdi-Streik am vergangenen Mittwoch mit mehr als 1000 gestrichenen Flügen habe rund 35 Millionen Euro gekostet, sagte Finanzvorstand Remco Steenbergen. Angesichts der gestiegenen Durchschnittsrenditen war die Gruppe jedoch leichter zu handhaben. Pro Ticket nahm Lufthansa im zweiten Quartal 24 Prozent mehr ein als ein Jahr zuvor, im Vergleich zum Vorkrisenjahr 2019 waren es immerhin noch 10 Prozent mehr.
Wie andere europäische Fluggesellschaften gelang auch Lufthansa in den Monaten April bis Juni die Rückkehr in die Gewinnzone. Der Konzernumsatz stieg von 3,2 Milliarden auf knapp 8,5 Milliarden Euro. Das operative Ergebnis (bereinigtes EBIT) erreichte 393 Millionen Euro nach weniger als 827 Millionen Euro in der Pandemiezeit des Vorjahres. Unter dem Strich machte Lufthansa einen Gewinn von 259 Millionen Euro nach einem Verlust von 756 Millionen im Vorjahr. Es war der erste Nettogewinn seit Beginn der Corona-Krise.
Das Passagiergeschäft nahm zu, aber es reichte immer noch nicht, um Gewinne zu erzielen. Die Zahl der Fahrgäste vervierfachte sich auf 29 Millionen. Dass Lufthansa konzernweit wieder schwarze Zahlen schreibt, liegt vor allem am Frachtgeschäft: Allein Lufthansa Cargo erwirtschaftete im zweiten Quartal einen operativen Gewinn von fast einer halben Milliarde Euro. Auch Spohr setzt bei seiner Gewinnprognose für 2022 auf die Frachtsparte: Cargo soll bei Vollauslastung in diesem Jahr den Rekordgewinn von knapp 1,5 Milliarden Euro aus dem Jahr 2021 in etwa wiederholen.