Auf der Kokainspur

In der Geschichte des Kokains gibt es, wie in jeder Geschichte, Gewinner und Verlierer, Mächtige und Machtlose. Es gibt diejenigen, die das Gesetz machen, und diejenigen, die es brechen. Es war immer eine Geschichte von Gewalt, Ausbeutung und Zerstörung. Und das endet manchmal sogar mit dem Tod.

Jede Linie Koks hinterlässt eine Blutspur. Es beginnt in Kolumbien. In diesem Fall: in der Hauptstadt Bogota. Von dort geht es weiter Richtung Süden des Landes, bis Villagarzon an der Grenze zu Bolivien. An einen Ort, wo es keine Straßen mehr gibt. Dort, im Dickicht des Regenwaldes, findet man mit den richtigen Kontakten die Kokabauern, die Kokabauern.

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Von billiger Pasta bis zu teurem Pulver

Oftmals aus Mangel an Alternativen, weil es für viele einfach die einzige Möglichkeit zum Überleben ist, bauen sie ihre illegalen Pflanzen heimlich an. Aus den schlanken Blättern der Coca, Erythroxylum coca, extrahieren sie den Rohstoff der Droge: das Alkaloid.

Einer dieser Kokabauern ist Rodrigo, der mit bürgerlichem Namen natürlich ganz anders heißt. Viermal im Jahr sammelt er die Blätter, verwandelt sie in eine grünlich-graue Kokapaste und verkauft sie an FARC-Rebellen.

In städtischen Coca-Labors wird die Paste dann zu einem weißen Pulver verarbeitet, das in reichen Ländern durch fest gerollte Dollarnoten extrahiert wird. Das Geld, das Rodrigo für seine Arbeit erhält, reicht hingegen aus, um seine Familie zu ernähren. “Ich habe sehr wenig übrig, gerade genug zum Überleben.” Es ist ein Leben ohne Perspektiven und ohne Hoffnung.

ORF/Rainer Mostbauer Erythroxylum coca: der Kokastrauch, aus dessen Blättern der Rohstoff für die Droge, das Alkaloid, gewonnen wird.

Kolumbien als größter Kokainproduzent der Welt

Klar ist: Kokabauern wie Rodrigo gehören mit einem Jahresgehalt von rund 2.000 Euro weit unter dem Durchschnitt nicht zu den Gewinnern der Geschichte. Vor allem kriminelle Kartelle profitieren vom milliardenschweren Handel mit dem “weißen Gold”. Narco-Terroristen und Kokainbarone, die angeblich nicht mehr zählen, sondern ihre Geldbündel wiegen. Und deren Macht bis zu den Wurzeln des Staates vordringt.

Buch Referenz

Roberto Saviano: „Null Null Null. Wie Kokain die Welt regiert“. dtv, 481 Seiten, 13,90 Euro.

Das schreibt Roberto Saviano in seinem Buch „Zero Zero Zero. Wie Kokain die Welt regiert: „In einem Land, in dem der Drogenhandel die umsatzstärkste Industrie ist, hat der mächtigste Kopf der Industrie eine höhere Position als ein Minister.“

Laut Europol werden in Kolumbien jedes Jahr 2.000 Tonnen Kokain produziert. Zwei Millionen Kilo Kokain werden grammweise im hohen zweistelligen Bereich verkauft. Berichten zufolge stammen mehr als 60 Prozent der weltweit konsumierten Substanz aus Südamerika, 40 Prozent aus Kolumbien. Damit ist Kolumbien der größte Kokainproduzent der Welt. Und Coca-Cola ist das wichtigste Exportprodukt des Landes.

Über den Atlantik nach Antwerpen

Ein Großteil des weißen Pulvers gelangt auf farbigen Containerschiffen nach Europa. Über den Atlantik zu den großen Häfen, nach Antwerpen, nach Rotterdam. Laut Europäischem Drogenbericht wurden im Jahr 2020 trotz Pandemie rund 215 Tonnen Kokain beschlagnahmt. 2021 waren es 240 Tonnen. Ein Großer und ein Bruchteil zugleich.

„Forscher sagen weiterhin, dass nur 10 Prozent des für den europäischen Markt bestimmten Kokains beschlagnahmt werden. Es ist äußerst schwierig, in den Körper eingeschmuggelte Kokainkapseln zu erkennen. Es ist schwierig, Schiffe abzufangen, die auf See sind oder sich nachts irgendwo an der Küste befinden”, sagte Saviano.

Reuters/Cola Kolumbien Kolumbiens Marine gilt als wichtigstes Exportgut Kolumbiens – nur ein Bruchteil kann beschlagnahmt werden

Der Drogenhandel ist kaum zu stoppen

Laut der belgischen Zollagentin Florence Angelici ist Kokain „Antwerpens größtes Problem“. Auch der niederländische Journalist und Forscher Teun Voeten stimmt zu: “Der Hafen von Antwerpen ist der beliebteste Einreisehafen für kriminelle Organisationen.” Es sei “unmöglich”, die “Milliarden und Abermillionen” eingehender Container zu überwachen. Ein Container mit Obst, ein Container mit Obst und Kokain, ein Container mit einem Folterstuhl.

Patrouillenboote, Flugzeuge der Küstenwache, Suchteams, Taucher, clevere Computersoftware und hochentwickelte Röntgengeräte tun wenig, um die kriminellen Aktivitäten im Zusammenhang mit dem Drogenhandel zu stoppen.

Und so gelangt das Kokain in die Hände jener Drogenhändler, die das Zeug in ganz Europa verteilen. Meistens in „Bodypacks“, also in Plastiktüten verpackte Cola am Körper. Das machen Kuriere grenzüberschreitend. In Deutschland, Frankreich, Österreich.

AFP/Francois Walschaerts belgische Zollagenten durchsuchen einen Container im Hafen von Antwerpen

“Ich sage immer Gift, wenn es um Drogen geht”

„Jeder weiß, wie sein Körper funktioniert. Aber wie viel glaubst du, kannst du in deinem Körper verstecken? Der Rekordhalter schaffte etwa zwei Kilo Koks.“ Coca Cola, Gift. Wenn es um Drogen geht, spricht Daniel Lichtenegger immer von Gift. Menschenhändler sind für ihn Killer auf Zeit.

Den Drogenhandel habe er auf der Straße gelernt, jetzt sei er in seiner Funktion als Leiter des Büros zur Bekämpfung der Drogenkriminalität “eher ein Büroangestellter”, sagt Lichtenegger nicht ohne Schmunzeln. Denn nun lässt er von seinem Büro in Wien-Spittelau aus die kriminellen Gruppierungen ans Werk gehen.

Darknet und Messaging-Dienste für den Verkauf

Die Zeiten hätten sich sowieso sehr geändert. Darknet, Messaging-Dienste und Social Media spielen mittlerweile eine große Rolle im Vertrieb. Die Botschaften auf diesen Plattformen geben einen tiefen Einblick in menschliche Abgründe: „Was man dort schwarz auf weiß sieht, zeigt das Potenzial dieser kriminellen Gruppierungen, die vor nichts zurückschrecken.“

Bilder, Videos und Audiodateien zeigen, wie Menschen gefoltert, erstochen und erschossen werden. In der Welt, aber auch in Österreich. „Wir sind schon lange keine Insel der Seligen mehr“, sagt Lichtenegger. “Manchmal ist es wie ein schlechter Film.”

ORF.at/Tamara Sill Lichtenegger, Leiterin der Abteilung Drogenkriminalität des Bundeskriminalamts, hält Drogen für das „Grundübel der Gesellschaft“.

Kartelle als Konzerne, Unternehmer als Täter

Und noch etwas hat sich geändert: Kriminelle Gruppen kommen nicht mehr aus afrikanischen Ländern, sondern vom Westbalkan. „Vor allem die Serben sind jetzt die Nummer eins“, erklärt der Brigadier. „Sie sind sehr gut organisiert. Als sehr gut aufgestelltes Unternehmen muss man das fast sagen.“

Der Kriminelle? “Geschäftsmann”. Verbraucher? An alle Gesellschaftsschichten.

Ein Gramm gibt es in Wien schon ab 50 Euro. In der Szene heißt es “Wiener Linien”. Es enthält Streckmittel wie das Entwurmungsmittel für Tiere Levamisol. Mögliche Nebenwirkungen seien Blutungen in Mund, Nase, Rachen, Genitalien und Analschleimhaut, erklärt der Arzneimittelexperte.

Vom FBI zur Polizei

In dem Gespräch verweist Lichtenegger immer wieder auf die Vielfalt des Drogenhandels: „Sie haben damit verbundene Straftaten. Verbrechen im Zusammenhang mit Drogen, Diebstahl, Gewalt, Finanzverbrechen.“ Es besteht auch eine internationale Zusammenarbeit mit Europol, Interpol, der Drogenkontrollbehörde der Vereinten Nationen (UNODC), Ratsarbeitsgruppen in Brüssel, EU-Mitgliedstaaten, der Drogenkontrollbehörde der US-amerikanischen DEA. , das DHS des Heimatschutzministeriums und das FBI.

In Österreich sind rund 660 Beamtinnen und Beamte und damit rund zwei Prozent der Exekutive hauptverantwortlich für die Bekämpfung der Drogenkriminalität. Ihr Anteil liegt bei rund neun Prozent aller Straftaten.

ORF.at/Tamara Sill Laut Bundeskriminalamt sind in Österreich rund 660 Beamte für die Bekämpfung von Drogenkriminalität zuständig

Spiel “Käufe und Räuber”.

“Es ist auch ein Spiel, zwischen Gut und Böse, auch ein bisschen.” Ein Spiel von “Räuber und Gendarm”. “Wenn du es falsch machst, kann das Spiel in einer Sekunde verloren sein.” Sieht er sich als einer der Guten? “Einhundert Prozent.” Schließlich ist es manchmal Aufgabe der Polizei, Menschen vor sich selbst zu schützen. Einige mehr als andere.

„Wir sind Menschen und Menschen sind nicht immer vernünftig. Ich kenne genug Möglichkeiten, was Leute tun, wenn sie dort sind. Sie würden ihre Mutter erschießen, weil sie außer Kontrolle geraten.“ Drogen sind für Lichtenegger ein Grundübel der Gesellschaft. Obwohl es sich nie ganz vermeiden lässt, wie er zugibt.

Kokain als am zweithäufigsten konsumierte Droge in der EU

Aktuelle nationale und internationale Drogenberichte scheinen ihm zuzustimmen. Der aktuelle Jahresbericht der EU-Drogenbeobachtungsstelle (EBDD) berichtet über die Rekordverfügbarkeit von Kokain. Laut Europol ist in Europa jetzt mehr Kokain erhältlich als je zuvor.

Mit Folgen: Im Vorjahr nahmen rund 3,5 Millionen EU-Bürger Kokain zu sich, also 1,2 Prozent der Gesamtbevölkerung. Damit ist Kokain nach Cannabis die am zweithäufigsten konsumierte Droge in der EU. Im…

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