Fledermäuse leben zurückgezogen in großen Gruppen, die nur nachtaktiv sind. Doch der Mensch greift zunehmend in den Lebensraum dieser Wildtiere ein. Das bedroht nicht nur Biodiversität und Ökosysteme, sondern diese Kontakte bergen auch gesundheitliche Risiken: Fledermäuse gelten als Quelle von SARS-CoV-2 und als Reservoir für bis zu 3.000 weitere Coronaviren.
Forscher der Eco Health Alliance unter der Leitung von Peter Daszak haben nun ein Modell entwickelt, um Kontakte zwischen Menschen und Fledermäusen besser einschätzen zu können; die Studie wurde gerade in “Nature Communications” veröffentlicht.
Tausende Infektionen pro Jahr
In ihren Berechnungen konzentrierte sich das Forschungsteam auf 26 Fledermausarten, die in Südostasien heimisch sind und sich von Südchina bis Indien erstrecken und Heimat von 500 Millionen Menschen sind Hinzu kamen Ergebnisse von Antikörpertests im Blut der einheimischen Bevölkerung, die Hinweise auf Infektionen geben. „Diese Antikörperstudien geben uns Hinweise darauf, ob sich jemand in den letzten Jahren mit einem Coronavirus infiziert hat“, sagt Daszak.
Das Forschungsteam schätzt, dass sich in dieser Region jedes Jahr etwa 66.000 Menschen mit einem SARS-assoziierten Coronavirus infizieren. Damit gebe es jeden Tag eine Infektion mit einem der Wissenschaft unbekannten Coronavirus, sagt Daszak. „Die gute Nachricht ist, dass die meisten dieser Coronaviren nicht in der Lage sind, unsere Zellen und unseren Körper zu übernehmen und sich auszubreiten“, so der Epidemiologe weiter. Aber das gilt nicht für alle.
Langzeitdaten sind erforderlich
Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass das Infektionsgeschehen in dieser Region genauer überwacht werden muss, um künftigen Pandemien vorzubeugen, schlussfolgern die amerikanischen Forscher. Dieses Modell liefert erste Hinweise auf potenzielle Infektionsherde, sagt Nikolaus Huber von der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Um dies verhindern zu können, braucht es jedoch Langzeitdaten und folglich Investitionen in langfristige Forschungsprojekte.
„Diese Modelle können uns zeigen, wie hoch die Biodiversität in diesen Regionen ist und wie stark menschliche Kontakte schwanken“, sagt Huber. Diese Daten sind der Grundstein für die Planung von Kontroll- und Präventionsprogrammen. Je genauer die Daten, desto besser die Prognosewerkzeuge, so Huber weiter.
Zur Vorbeugung erziehen
Um dies zu vermeiden, sei auch Aufklärung wichtig, sagt die Zoologin Claudia Kubista von den Österreichischen Bundesforsten und der Universität für Bodenkultur. Anders als in Europa werden Fledermäuse in Teilen Südostasiens gejagt und verzehrt. Tierische Exkremente, ein starker Pflanzendünger, werden ohne Schutzmaßnahmen in Höhlen gesammelt.
„Wenn ich ein Tier esse, es schlecht verarbeite oder zum Beispiel Obst verzehre, das das Tier vorher angebissen hat, wo der Speichel noch klebt, können Menschen mit potenziell gefährlichen Coronaviren in Kontakt kommen“, sagt Kubista. All das gibt es in Europa nicht. Auch gibt es in Österreich keine fruchtfressenden Fledermäuse. Heimische Arten ernähren sich ausschließlich von Insekten.
Prävention als Artenschutz
Präventionsprogramme seien nicht nur wichtig, um die Ausbreitung von SARS-bedingten Coronaviren zu verhindern, sagt Kubista. Sie würden auch Fledermäuse und ihre Lebensräume schützen, die eine wichtige Rolle in Ökosystemen spielen: Sie ernähren sich von Insekten, darunter viele Schädlinge, düngen Pflanzen, verbreiten Samen und sind wichtige Bestäuber.
Fledermäuse gehören zu den am stärksten bedrohten Säugetierarten Österreichs. Das durch die industrielle Landwirtschaft verursachte Insektensterben führte bereits in den 1950er und 1960er Jahren zu einem dramatischen Rückgang der Populationen, tatsächlich gibt es keinen menschlichen Kontakt. Die Übertragung eines Coronavirus auf den Menschen wurde hierzulande noch nie beobachtet.