Bleib stark. “Das verstehst du”, ruft er, “die Stimmen!” Du hättest ihn angewiesen. Sag mir: Töte sie! „Nur Frauen?“, fragt ein Polizist. “Alle!” Abidirahman J. macht eine Geste, steht auf, setzt sich, streckt die Arme aus, zeigt scharfe Bewegungen mit der rechten Hand, wie damals, in Richtung der Opfer, in Richtung Hals. „Warum in den Nacken?“, fragt der Polizist. „Ich weiß nicht“, sagt J. Er senkt den Arm. Später sagte er: “Ich bin nur diesen Stimmen gefolgt.”
Abdirahman J. ist an diesem Mittwoch gleich zweimal vor Gericht zu sehen, einmal in dem Video, wie er diese Aussagen in einem Kreuzverhör macht, rund vier Monate nachdem im Sommer 2021 mitten in Würzburg drei Menschen gestorben sind und neun weitere Wunden . . Um ihn herum: Dolmetscher, Verteidiger, Polizei. Das zweite Mal nun, als er in einer Estenfelder Turnhalle, die als Gerichtssaal des Landgerichts Würzburg dient, als Zeuge gesehen wurde. J., in Handschellen und dunkler Kleidung, schaut auf die große Leinwand. Es folgt, was die Richter, die Nebenkläger, die Handvoll Zuschauer sehen. Dann senkt J. den Kopf auf den Unterarmen vor sich auf den Tisch. Sie verbirgt ihr Gesicht, als ob sie es nicht ertragen könnte, es anzusehen.
An diesem siebten der geplanten 27 Verhandlungstage zeigt das Video einen beispiellosen Einblick in das Leben des Angeklagten. Nachdem J. über seinen Anwalt gesprochen hatte, können Sie nun seine gesamten Hetzreden im Video hören. J., wie er im Verhör seinen Dolmetscher überzeugt, wie er den LKA-Beamten auf Deutsch befiehlt, “den Fall bitte abzuschließen”. Er wollte in seine Heimat nach Somalia oder in ein anderes EU-Land zurückkehren. Er wurde von deutschen Sicherheitsbehörden „gefoltert“. J., schildert er, habe vier Tage vor dem Mord Stimmen gehört und daraufhin das Kaufhaus Woolworth getötet und schließlich Menschen am Barbarossaplatz angegriffen, die aber vor ihm „auf der Hut“ seien. Ja, sagt er. Ja. Er hoffte, an diesem Tag zu sterben.
Öffnet die Detailansicht
Abdirahman J. trug auch am siebten Verhandlungstag Handschellen in den Gerichtssaal.
(Foto: Heiko Becker / IMAGO / HMB-Media)
Seine Video-Statements werden im Fitnessstudio genau verfolgt. In diesem Prozess geht es weiterhin um die Frage, ob J., der heute vermutlich 32 Jahre alt ist, was die Behörden nicht genau wissen, schuldig oder möglicherweise akut psychotisch war. Der Autor hat keinen Zweifel. Ein Experte folgerte am Mittwoch: „Es war keine verwirrende Messerstecherei“, sondern „gerichtet“. J. ließ die Opfer los, als sie zu Boden fielen. Js Anwalt Hans-Jochen Schrepfer warnt vor den Vorwürfen.
Ein weiteres noch deprimierenderes Video zeigt J. frontal im Krankenbett. Der Mann liegt mit den Handgelenken auf dem Bett auf dem Rücken. Es ist der 25. Juni 2021, kurz nach 23 Uhr. Seit den Ereignissen sind sechs Stunden vergangen. Mit geschlossenen Augen wiederholt er immer wieder die gleichen undeutlichen Sätze im gleichen Ton. Ein Dolmetscher, Bullen, Ärzte reden mit ihm, aber je lauter sie klingen, desto lauter wird er, irgendwann schreit er. Das Verhör ist beendet. Der Vorsitzende Richter vertagte die Verhandlung.
Zeugen, die schließlich Vorfälle mit J. schildern, verstärken das Bild, dass der Mann psychisch krank ist. Eine Frau sah ihn lange vor C&A stehen, regungslos ins Leere starren. Polizei bestätigt Steifheit. Eine andere Beamtin erzählt, wie sie den Streifenpolizisten mit nach Würzburg genommen hat, weil sie zuvor in das Auto eines Fremden gestiegen und nie wieder weg war. Es gibt auch: völliges Fehlen einer Reaktion. Ein Arzt berichtet: „Er war in der Sprechstunde bei mir. Ein ganz normaler Patient.“ Erst später seien psychische Probleme aufgetreten, J. sagte, er werde vom deutschen Geheimdienst kontrolliert.
Wie passt das alles zusammen? Handelte er psychotisch? Ist Ihre Krankheit zu einer Handlung geworden? J. scheint im Raum anwesend zu sein, aber Sie haben es. Im ersten Video sagte er: “Es tut mir leid.” Auch J. klagte zu Prozessbeginn. Am ersten Tag gab er die Taten durch seinen Verteidiger zu. Der Prozess soll am 14. Juni fortgesetzt werden.