Ein Ausbruch an Enthusiasmus für die Krone scheint das Vereinigte Königreich erfasst zu haben. Jubel, Feierlaune und Fähnchenschwenken kennen keine Grenzen mehr. Zum 70. Amtsjubiläum der Queen – ihrem “Platinum Jubilee” – sieht man ganze Völkerschaften begeistert durch London ziehen und in anderen Landesteilen Festivitäten begehen. Alle Welt will Elizabeth II. hochleben lassen. Selbst eingefleischte Republikaner zollen ihr Respekt.
So bemerkenswert diese Woge der Emotionen ist, so wenig kann sie überraschen. Inmitten politischer Turbulenzen und globaler Krisen nimmt sich die alte Dame, die hier gefeiert wird, wie ein unverrückbares, dringend benötigtes Urgestein aus. All die Jahre über hat sie Stabilität und Kontinuität personifiziert, etwas gleichsam Unwandelbares, das sich aus ihrer speziellen Rolle ergab und sich übertrug auf die Institution der Krone. Im Rückblick auf diese siebzig langen Jahre scheint sie vielen ihrer Mitbürger, in Zeiten steter Umbrüche, ein ruhiger Pol, ein dankbar wahrgenommener Halt gewesen zu sein.
Picknicks, Partys, Paraden: Die Briten feiern das Thronjubiläum der Queen.
– © AFP / Ben Stansall
Sie war einfach immer da. Kaum jemand auf den Britischen Inseln hat je ein anderes Staatsoberhaupt gekannt als die heute 96-Jährige. Vierzehn Premierminister hat sie (bis heute) erlebt. Und sie beweist auch im hohen Alter Humor. So veröffentlichte der Buckingham-Palast ein kurzes Video, in dem die Queen ihr “Platinum Jubilee” mit Paddington Bär (der dank der Kinderbücher von Michael Bond seit 1958 selbst eine britische Ikone ist) feiert – und zwar natürlich mit einem Marmeladebrot, das sie aus ihrer Handtasche herausholt, zum Tee.
Sie ist die personifizierte Kontinuität: Elizabeth II.
– © AFP / Chris Jackson
Gerade ihre Distanz zur Tagespolitik und ihre Langlebigkeit haben ihr ein Image verliehen, das sie absetzt von den immer neuen, bitteren Konflikten auf der politischen Bühne. Dass der jetzige Amtsinhaber in No 10 Downing Street auch noch allen persönlichen Respekt eingebüßt hat, mit seinen Lügen und Finten, lässt sie umso attraktiver, umso vertrauenswürdiger erscheinen.
Natürlich trägt auch anderes bei zur nationalen Feierlaune. Zwischen dem Covid-Elend und der nun sich abzeichnenden finanziellen Existenzkrise für viele Familien dürstet die Nation nach etwas Positivem, nach ein wenig Ablenkung, aber auch nach innerem Zusammenhalt. Und fürs erfolgreiche Ausrichten großer Festivitäten, die zugleich glamourös und populär sind, sind die Briten ja berühmt.
Würdige Zurückhaltung
Auch ist die britische Monarchie eine Weltmarke wie keine andere. Und wie immer hat die Feierlaune etwas Ansteckendes. Diesmal kommt das Gefühl dazu, dass es die letzte Festivität dieser Art sein wird – eine Gelegenheit, die man nicht auslassen darf.
Aber das Ganze reicht auch tiefer. Großbritanniens Monarchie ist mittlerweile, nicht zuletzt dank der Queen, zum wohl wichtigsten Magneten nationalen Zugehörigkeitsgefühls geworden. Die Kirche von England, die einmal eine ähnliche Rolle spielte, hat ihre Anziehungskraft weitgehend verloren. Die Streitkräfte kämpfen um ihre finanzielle Basis. Die BBC muss mit ganz neuen Konkurrenzbedingungen fertig werden und fürchtet ums Überleben. Der Nationale Gesundheitsdienst ist auf den Knien. Und das Parlament hat viel an Ansehen, an Glaubwürdigkeit eingebüßt.
In dieser Situation sieht sich die Krone mehr denn je in der Pflicht, eine komplexe Gesellschaft, aber auch die verschiedenen Teile des Königreichs zusammenzuhalten. Leichter geworden ist die Identifikation mit Elizabeth II. dadurch, dass sie sich nie von bestimmten Interessen einvernehmen ließ. Sie bemühte sich immer, sich aus politischen Kontroversen herauszuhalten. Ihre persönlichen Ansichten behielt sie für sich.
Zugleich zeigte sie sich betont pflichtbewusst, nahm die Aufgabe ernst, die sie glaubte, erfüllen zu müssen. Als eine würdige Gestalt, vor allem mit zunehmendem Alter, sahen und sehen ihre Landsleute sie.
Dass ihr nun, da ihre Kräfte sichtlich nachlassen, so viel Sympathie, so viel persönliche Anerkennung zuteilwird, ist nicht zuletzt ihr eigenes Verdienst gewesen. Viele derer, die sie jetzt feiern, bewegt zugleich die Sorge, dass auf ihre Ära eine für die Monarchie und deren Anhänger sehr viel schwierigere Zeit folgen wird.
Schon jetzt weiß auch die Königin, dass Elemente des Königreichs auseinanderdriften, dass der alte imperiale Glanz Geschichte ist, dass immer mehr jüngere Britinnen und Briten, jenseits der Jubel-Partys, sich für konstitutionellen Wandel zu erwärmen beginnen. Die Popularität der Queen liegt deutlich höher als die der Institution, die sie repräsentiert.
Gefeiert wird, solange es geht
Darüber wollen die Royalisten, die um ihre Queen bangen, lieber nicht sprechen. Gefeiert wird jetzt, solange es geht. Später kann man sich dann – wie es einmal sehr schön der Kommentator Andrew Rawnsley sagte – mit der Tatsache beschäftigen, dass der Erfolg einer modernen Monarchie immer mehr von der Persönlichkeit der jeweiligen Monarchin oder des jeweiligen Monarchen abhängt. Dass eine auf der Erbfolge basierende Institution paradoxerweise “nur so lange existieren kann, wie sie einen endlosen öffentlichen Popularitäts-Wettbewerb gewinnt”.