Bayerns Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) erwähnte die geplante Neuerung eher beiläufig: Schwangere könnten wieder im Unterricht unterrichten, sagte Piazolo am Dienstag gegen Ende der Pressekonferenz der bayerischen Kabinettssitzung. als kaum jemand Neuigkeiten erwartete.
Schwangeren ist wegen Corona weiterhin der Zutritt zu bayerischen Schulen untersagt. Sie können zu Hause arbeiten, dürfen aber nicht im Klassenzimmer stehen. Die entsprechende Allgemeinverfügung soll laut Piazolo nun geändert werden.
„Künftig wird die Schwangere das je nach Situation mit ihrem Arzt und auch mit dem Direktor besprechen und dann kann auch ein Lehrauftrag erledigt werden“, erklärte der Stadtrat.
Voraussetzung werde sein, dass Lehrer „es wollen“ und „auch medizinisch verantwortlich“ seien. Es werde keinen Zwang geben, versicherte der Freie-Wahl-Politiker. Konkrete Details zur geplanten Regelung nannte er auf Nachfrage nicht: Die Details würden noch festgelegt, „das geht nicht von heute auf morgen“.
3.000 Schwangere verpassen den Unterricht
Insgesamt fehlen in Bayern fast 3.000 schwangere Lehrerinnen zum neuen Schuljahr. In diesem Zusammenhang verwies Piazolo in der vergangenen Woche auf die Fürsorgepflicht des Freistaats als Arbeitgeber: Der Schutz der Gesundheit von Schwangeren und des Lebens des Ungeborenen müsse höchste Priorität haben. Das Bildungsministerium steht in diesem Beratungsprozess im Austausch mit dem Gesundheitsministerium und dem Sozialministerium.
Obwohl das Thema in Bayern bereits seit einigen Wochen diskutiert wird, gab Piazolo die Neuigkeit am ersten Tag des neuen Schuljahres bekannt. Die Nachricht überraschte auch Lehrer und Lehrergewerkschaften. Viele Mitschüler finden Unverständnis, “dass diese Frage nicht vor Schulbeginn geklärt werden konnte”, sagte Michael Schwägerl, Präsident des Verbandes Bayerischer Philologen (BPV). Und der Landesvorsitzende des Bayerischen Realschullehrerverbandes (BRLV), Jürgen Böhm, kritisierte Piazolos Äußerungen als „zur falschen Zeit“.
Lehrerverbände: Unsicherheit in Schulen
Die Ankündigungen über den Einsatz schwangerer Lehrerinnen hätten für Verunsicherung an den Schulen gesorgt, sagte Böhm auf Anfrage von BR24. “Sie setzen gerade zu Beginn des neuen Schuljahres alle Beteiligten unnötig unter Druck und schieben die Verantwortung ab.” Hier braucht es erst klare Entscheidungen oder Regelungen, dann verbindliche Ankündigungen. „Die Verantwortung muss hier beim Arbeitgeber liegen.“
Das sieht auch der Leiter des BPV Schwägerl so: Die Ankündigung von Piazolo schürt viele Spekulationen und sorgt bei den betroffenen Schwangeren, Lehrern und Schulleitungen für große Verunsicherung und Unbehagen. „Wir brauchen jetzt schnellstmöglich klare Entscheidungen darüber, ob die Schulen für Schwangere wieder geöffnet werden, und wenn ja, verlässliche Regelungen, die den Schutz von Mutter und Kind sicherstellen.“
GEW: Sollen die Lücken gefüllt werden?
Kritik an Piazolos Plänen kam auch von der bayerischen Landesvorsitzenden der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Martina Borgendale. Auf Nachfrage von BR24 betonte er, dass der Arbeitsschutz an erster Stelle stehen müsse. Piazolo spricht über Freiwilligenarbeit. Aber: „Der psychische Druck, der entsteht, ‚freiwillig‘ zu wollen, ist nicht zu unterschätzen“, warnt Borgendale. “Deshalb sehen wir es sehr kritisch.”
Auch sie war vom Zeitpunkt von Piazolos Ankündigung überrascht. „Das erweckt den Eindruck, dass diese Maßnahme spontan die Lücken füllen soll“, kritisierte der Landespräsident der GEW.
Wie viele Lehrer fehlen: Hunderte oder Tausende?
Hunderte Lehrer fehlen in Bayern nach Angaben des Kultusministers vor allem in Grund-, Haupt- und Sonderschulen. Eine genauere Zahl wollte Piazolo auch nach mehrmaligem Nachfragen nicht nennen. Gleichzeitig betonte er, dass es in Bayern noch nie so viele Lehrkräfte gegeben habe wie jetzt – mit mehr als 100.000 im staatlichen Bereich. Damit ist die Schulpflicht gewährleistet.
Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, sagte kürzlich gegenüber BR24live, dass noch nie so viele Lehrer gefehlt hätten wie in diesem Schuljahr. Gehen Sie davon aus, dass es insgesamt zu einem Personalmangel im vierstelligen Bereich kommen wird. Nach Berechnungen des Bayerischen Lehrerverbandes (BLLV) fehlen allein in Bayern 4.000 Lehrkräfte an Grund-, Haupt- und Sonderschulen.
Deshalb wird es laut BLLV vielerorts größere Klassen geben, Kürzungen bei Fächern wie Musik, Kunst oder Sport, bei Förder- und Differenzierungsangeboten, bei Arbeitsgemeinschaften und vielem mehr. Die Präsidentin des Vereins, Simone Fleischmann, betonte: „Es findet kein Unterricht statt. Der Unterricht fällt aus. Eher werden die Kinder nach Hause geschickt.“
Bildungsminister Piazolo widersprach dem BLLV: In Bayern gebe es ein solides Bildungssystem. Bei der Berechnung fehlender Lehrer vergleicht der Verband Äpfel mit Birnen. “Ich halte nicht viel von Zahlenspielen.”