Richtungsstreit in Riesa: AfD trifft sich erneut zur Konfrontation

Richtungsstreit in Riesa Die AfD wird durch eine Auseinandersetzung wieder zusammengeführt

Von Sebastian Huld, 17.06.2022 um 06:25 Uhr

Auf AfD-Parteitagen grüßt zuverlässig ein Murmeltier namens Richtungsstreit. So auch am kommenden Wochenende, wenn der Chef der Chrupalla-Partei um seine Position in Riesa bangen muss und ihm ein braunes Gespenst namens Höcke nachjagt.

Hätte die AfD keine Flügelstreitigkeiten, müssten sie erfunden werden. Kaum etwas zieht die Aufmerksamkeit der Partei so zuverlässig auf sich wie die Frage, ob Moderate, meist Westdeutsche, weiterhin mitbestimmen können oder ob die AfD zunehmend von Spitzenkräften in Landesverbänden dominiert wird: „Ostdeutschland, die sind noch weiter ein Weg. auf der rechten Seite. So auch diesmal, wenn sich von Freitag bis Sonntag 600 AfD-Delegierte im sächsischen Riesa treffen. Neben der Wahl von 13 bis 14 Mitgliedern des Bundesvorstands stehen auch eine Reihe von Sachfragen auf dem Spiel. Sie treten jedoch in den Hintergrund, da die AfD weder der Bundesregierung noch einem der Länder und der Frage, ob der Thüringer Nationalist Björn Höcke endlich die Parteiführung übernehmen wird, nichts zu sagen hat.

Letzteres gilt als etwas unwahrscheinlich. Höcke hat angekündigt, mehr Verantwortung in der Bundesregierung übernehmen zu wollen. Dies deutet jedoch eher auf eine Kandidatur als Vorstandsmitglied hin. Würde Höcke, der nach eigenen Angaben nur als Einzelvorsitzender und nicht in einem Doppelvorstand kandidierte, tatsächlich zum Parteivorsitzenden gewählt, würde die Partei wohl auseinanderfallen. Bundesparteisprecher Jörg Meuthen hatte bereits über eine Spaltung in eine gemäßigtere Fraktion mit Aussicht auf eine Regierungskandidatur und eine wütende, total oppositionelle bürgerliche Partei nachgedacht. Meuthen, der in den gemäßigtsten westlichen Verbänden geschätzt wird, hat die Partei inzwischen ebenso verlassen wie seine Vorgänger Bernd Lucke und Frauke Petry.

Chrupallas Gegner wollen den Kern erneuern

Es ist wohl auszuschließen, dass die amtierenden Präsidenten Tino Chrupalla und Alice Weidel der AfD bald den Rücken kehren. Beide, allen voran Chrupalla, stehen unter Druck: Mit dem Fraktionsvorsitzenden Norbert Kleinwaechter konnte bereits ein direkter Konkurrent gefunden werden. “Wir reformieren die Partei komplett und verpassen ihr einen neuen Anstrich”, schrieb Kleinwächter auf die Agenda des Parteivorsitzes. Theoretisch könnten weitere Kandidaten auf den Parteitag kommen. Auch der Brandenburger Kleinwächter ist im Match eine kaum beschriebene Seite. Chrupalla muss die Herausforderung dennoch ernst nehmen, denn das zuletzt für die AfD enttäuschende Wahlergebnis wird von vielen in der Partei mit Chrupalla in Verbindung gebracht.

Bei drei Landtagswahlen in Folge verlor die AfD an Zuspruch und verlor wohl mindestens eines der zehn sächsischen Landratsämter. Die Partei hat zu den großen Themen der Zeit, der Pandemie und dem Angriff Russlands auf die Ukraine, keine schlüssige Linie gefunden und damit die Ressentiments einer Minderheit nicht ausgenutzt. Im Bundestrend stagniert die AfD seit mehr als zwei Jahren bei 7 bis 10 Prozent. Der Verfassungsschutz listet die Partei als verdächtig auf, was potenzielle Wähler und Beamte und Jäger von einer Mitgliedschaft abschreckt, weil sie um Jobs oder Waffenscheine fürchten.

Gauland will AfD in der Opposition

Auch die Frage, ob sich die Partei künftig als Fundamentalopposition präsentieren will oder sich um eine Annäherung an Union und FDP bemüht, um eines Tages an der Regierung mitzuwirken, ist ebenfalls nicht geklärt. Dazu bräuchte es eine klarere Trennung des rechtsextremen Umfelds innerhalb und außerhalb der AfD. Da die AfD mit ihrer radikalsten Linie im Osten erfolgreich ist und die Grundwählerschaft trotz nachrichtendienstlicher Beobachtungen stabil bleibt, sehen weder Ostpolitiker noch prominente westdeutsche Parteien wie Weidel oder Ehrenpräsident Alexander Gauland keinen Grund für einen Richtungswechsel.

“Die Partei ist eine klare Oppositionspartei. So sollte es weitergehen. Ich würde jeden Versuch, eine Art regierungsähnliche Partei zu werden, für falsch halten. Aber ich glaube nicht, dass das auf diesem Parteitag ein Problem ist”, sagte Gauland Der dpa-Parteitag. Er sprach sich auch für Chrupalla und Weidel als Führungsduo aus und bezweifelte, dass Höcke mehr als einen Sitz im Bundesvorstand haben wolle. Daher ist die Zusammensetzung dieses Gremiums vielleicht die ermutigendste Option, falls Chrupalla bei den für Freitag angesetzten Wahlen an der Spitze der Partei bleiben könnte.

Eins oder zwei?

Bislang dominierten die meisten nach AfD-Maßstäben moderierten Westdeutschland-Abgeordneten den Rat. Die nächste Zusammensetzung wird zeigen, wie die Orientierung an der Partei verteilt ist. Bislang gingen Parteimitglieder auch davon aus, dass etwa ein Drittel mehr vom inzwischen aufgelösten Flügel von Björn Höcke vertreten wird, ein Drittel sich eine gemäßigtere Partei wünscht und ein Drittel unentschlossen ist. Eine der gemäßigtsten Kräfte ist die von Hesse Joana Cotar, Mitglied des Bundesvorstands, die bald und prominent ihre Zweifel an der Richtung von Chrupallas Partei äußerte.

Gleichzeitig unterstützt Cotar ebenso wie Höcke die Partei, die für eine Einheitsspitze statt der bisherigen Doppelspitze votiert. Wie aussichtsreich Höckes Bewerbung ist, ist unklar. Schließlich würden beide Lager riskieren, künftig allein von einem Vertreter der anderen Seite geführt zu werden.

Auch wenn die Vorstandswahlen am Freitag und Samstag relativ unspektakulär verlaufen, bleibt der Partei noch Raum, ihre Inhalte in der Öffentlichkeit zu debattieren: Die Themen reichen von der Frage des Euro-Austritts oder gar aus der Europäischen Union bis zum künftigen Verhältnis zu Deutschland. Russland, die Rückkehr zur Atomkraft, der Aufbau eines eigenen Fernsehsenders nach amerikanischem Vorbild Fox News, eigene Umfragen und der Umgang mit dem gestürzten, aber hochgeschätzten Ex-Mitglied Andreas Kalbitz. Allerdings kann mit einiger Sicherheit ausgeschlossen werden, dass eines dieser Themen und nicht der ewige Streit um die Führung den Parteitag dominiert.

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