Macrons Partei verliert bei den Parlamentswahlen die absolute Mehrheit

Macrons Lager ist ersten Berichten zufolge im Niedergang begriffen. Auf die absolute Mehrheit fehlen je nach aktueller Lage zwischen 29 und 89 Sitze.

Frankreichs wiedergewählter Präsident Emmanuel Macron hat den Hochrechnungen zufolge mit seinem zentralen Lager die absolute Mehrheit in der Nationalversammlung deutlich verloren. Bei der letzten Runde der Parlamentswahlen am Sonntag gewannen die Liberalen 210 zu 250 der 577 Sitze. Das neue Linksbündnis unter Führung des Linkspolitikers Jean-Luc Mélenchon wird zwischen 150 und 180 Sitze im Parlament haben. Für eine absolute Mehrheit sind mindestens 289 Sitze erforderlich.

Das Ergebnis ist ein schwerer Schlag für Macron, dessen Partei derzeit die absolute Mehrheit im Unterhaus des Parlaments hält. Parlamentswahlen, die kurz nach der Präsidentschaftswahl abgehalten werden, werden normalerweise als Bestätigung angesehen, so dass oft dieselbe politische Kraft mit absoluter Mehrheit gewinnt. Das neue Linksbündnis und Mélenchon hingegen waren enorm erfolgreich und verschafften ihnen als mächtigere Oppositionsgruppe mehr Einfluss.

Bei der Parlamentswahl machte sich Macron Sorgen, ob er seine Pläne in seiner zweiten Amtszeit durchsetzen könnte. Dafür brauchte er eine Mehrheit im Parlament. Nun sind Präsident und Regierung mit relativer Mehrheit gezwungen, Unterstützung aus anderen Lagern zu suchen. Je nach Projekt streben sie Mitte-Links- oder Mitte-Rechts-Kräfte an.

Obwohl viele Franzosen mit Macrons erster Amtszeit unzufrieden waren, profitierte der 44-Jährige davon, dass Parlamentswahlen in Frankreich als Bestätigung der Präsidentschaftswahl wahrgenommen wurden. Traditionell nehmen Anhänger des Gewinners an der Abstimmung teil, während andere oft zu Hause bleiben. Das Linksbündnis konnte jedoch genügend Unterstützer mobilisieren, um dem Präsidenten das Leben schwer zu machen.

Einen spektakulären Zuwachs erzielte auch die rechtsnationalistische Partei Rassemblement National, deren Spitzenkandidatin Marine Le Pen in der letzten Runde der Präsidentschaftswahl gegen Macron verlor. Er gewann zwischen 80 und 100 Sitze, mindestens zehnmal so viele wie zuvor, und wird voraussichtlich drittstärkste Partei im Parlament sein. Sie haben derzeit nur sechs Stellvertreter.

„Menschen haben Macron zu einem Minderheitspräsidenten gemacht“

Parteichef Jordan Bardella sprach von einem “Tsunami” für seine Partei. „Das französische Volk hat Emmanuel Macron zu einem Minderheitspräsidenten gemacht“, sagte er gegenüber TF1. Die RN sollen erstmals eine eigene Fraktion bilden, also mehr Geld und mehr Redezeit bekommen. Das gelang dem Vorgänger des Front National zuletzt durch eine Änderung des Wahlgesetzes im Jahr 1986. Anführerin der Gruppe dürfte die langjährige Parteichefin Marine Le Pen sein. Die rechtspopulistische Fraktion dürfte hinter dem Präsidentschaftswahlbündnis und dem grün-linken Bündnis Nupes die drittgrößte werden.

Die bisher stärkste Oppositionskraft im Parlament und die traditionsreichste Volkspartei der am stärksten verbündeten Republikaner gewannen mit 60 zu 78 Sitzen eine herbe Niederlage. Allerdings könnte sich die Macron-Regierung nun stärker an bürgerlich-konservative Republikaner wenden, um parlamentarische Unterstützung zu erhalten.

Das neue Bündnis aus Linker, Sozialistischer, Grüner und Kommunistischer Partei unter Führung von Macrons Gegner Jean-Luc Mélenchon kann mit weit mehr Sitzen im Parlament rechnen als bisher angenommen. Dem 70-jährigen Linken war es zuvor gelungen, das zersplitterte linke Lager hinter sich zu vereinen. Sollten sich die ersten Hochrechnungen bestätigen, werden Präsident und Regierung gezwungen sein, die Unterstützung anderer Lager zu suchen. Das würde es Macron erschweren, seine Pläne ohne große Einschnitte umzusetzen.

Großprojekte stehen vor der Umsetzung

Während sich das politische Geschehen in Frankreich stark auf die Hauptstadt Paris konzentriert, geben Spitzenpolitiker am Sonntag traditionell ihre Stimme in ihren Heimatregionen ab. Macron wählte in Begleitung seiner Frau Brigitte im nordfranzösischen Badeort Le Touquet-Paris-Plage, Mélenchon in Marseille und die Rechtsnationale Marine Le Pen im nordfranzösischen Hénin-Beaumont.

In Frankreich stehen wichtige Projekte an: Verbesserungen im Bildungs- und Gesundheitssystem werden gefordert, viele warten angesichts steigender Preise auf staatliche Unterstützung und viele wollen energischere Schritte in der Klimakrise. Zudem will Macron auf eine umstrittene Rentenreform drängen, die Franzosen sollen länger arbeiten.

Macron bleibt ein verlässlicher Partner

Egal wie reichlich oder knapp die Mehrheit für das Präsidentenlager ausfällt: Frankreich soll unter Macron ein verlässlicher Partner für Deutschland und Europa bleiben. Auch im Konflikt mit Moskau um den Angriffskrieg gegen die Ukraine dürfte das Land fester Bestandteil der geschlossenen Westfront gegen Russland bleiben.

Wie schon im ersten Wahlgang war das öffentliche Interesse an der Abstimmung gering. Wie das Innenministerium in Paris mitteilte, lag die Wahlbeteiligung um 17 Uhr bei 38,11 Prozent. Das waren 1,3 Prozent weniger als zum gleichen Zeitpunkt im ersten Wahlgang. Kurz vor Schließung der ersten Wahllokale schätzten fünf Meinungsforschungsinstitute die Wahlbeteiligung auf 53,5 bis 54 Prozent. In einigen französischen Überseegebieten hatten die Wahlen aufgrund der Zeitverschiebung bereits am Samstag begonnen.

(APA / DPA)

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