Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, 23. Juni 2022. Von MANFRED MITTERWACHAUER. “Der ewige Patient.”


Innsbruck (OTS) – Die Euphorie über die Bundespflegereform hat nachgelassen. Zukunftsoffene Lohnprämien, der Ausschluss ganzer Berufsgruppen: Die Anfangsprobleme liegen auf der Hand. Auch das Tiroler Zusatzpaket muss seine Nachhaltigkeit erst einmal unter Beweis stellen.

Das Ende des Evaluierungszeitraums der zentralen Teile der Pflegereform des Bundes hat am Dienstag für Enttäuschung gesorgt. So sehr Gesundheitsminister Johannes Rauch und die türkis-grüne Koalition zunächst für das 1-Milliarden-Euro-Paket applaudiert wurden, gilt es nun, ihre Schwächen und möglichen Kinderkrankheiten zu beseitigen. Nach den konkreten rechtlichen Rahmenbedingungen für die Umsetzung dessen, was die Bundesregierung im Mai als „großen Erfolg“ feierte, hinterfragten Stakeholder, Organisationen und Fachleute das Paket bis ins letzte Detail auf seine Praxistauglichkeit. Der Gesundheitsminister zeigt sich offen für Verbesserungsvorschläge. Er muss es auch sein. Dass Verbesserungsbedarf besteht, zieht sich wie ein roter Faden durch die Aussagen. Als zentrales Stück wurde der 520 Millionen Euro Pflegegehaltsbonus für die Jahre 2022 und 2023 vorgestellt. Seine Anziehungskraft bleibt vorerst ein bunter Ballon, dessen künftige Ausrichtung erst durch die anstehenden Finanzausgleichsverhandlungen zwischen Bund und Ländern bestimmt wird. Denn: Länder sollen es als Festbetrag überweisen. Beide Seiten sind bereits eingesprungen: Hier ist Rauch, der die Fortsetzung des Bonus für unverzichtbar hält, da ist noch LH Günther Platter, der dafür einen 1:1-Finanzausgleich erwartet. Ausgang: offen. Dass ganze Berufsgruppen, wie etwa Haushaltshilfe oder Behindertenarbeit, komplett vom Bonussystem ausgenommen sind, begünstigt eine weitere Zweiklassengesellschaft zur Pflege. Ob das Tiroler Care-Paket, das Schwarz-Grün am Dienstag ergänzte, nachhaltig wirkt, ist noch nicht sicher. Wie bei der Bundesregierung gilt: Ein wichtiger erster Schritt ist getan, doch die Pflege bleibt ein ewiger Patient. Aber Platter und Co. sie haben ihr Paket nur für eine begrenzte Zeit erstellt. Zudem muss sich der neue Landtag zunächst zentralen Versprechungen stellen. Aber wer glaubt wirklich, dass die Schul- und Studiengebühren, die jetzt abgeschafft werden sollten, nie wieder eingeführt werden? Und Tirol wird sich auch mit dem erneut ausgeklammerten Thema Kurzarbeit auseinandersetzen müssen. In irgendeine Richtung. Dass Tirol dem Bund die 44 Millionen Dollar Gehaltsprämie vorschießt, damit sie im Herbst 2022 und nicht erst im Frühjahr 2023 ausbezahlt werden kann, ist der Landtagswahl im September geschuldet. Eine billige Zwei-Wege-Süßigkeit. Weil es transparent ist, aber auch, weil es das Land keinen Cent kostet.

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