Nachlässigkeit und Verachtung „Team Wallraff“ dokumentiert die Erniedrigung Pflegebedürftiger
23. Juni 2022, 18:35 Uhr
Die Bilder sind kaum zu ertragen, alte Menschen liegen in dreckigen Betten und werden vom Pflegepersonal brutal behandelt. Journalisten filmen diese Situationen immer wieder. Sind das wirklich nur Einzelfälle? Das „Team Wallraff“ ist noch mit einem Operator unterwegs.
Seit Jahren dokumentieren die Enthüllungsjournalisten des „Team Wallraff“ skandalöse Zustände in Pflegeheimen und deutschen Heimen. Erst im Februar zeigten sie die Folgen von Personalmangel und Sparmaßnahmen in privaten Pflegeeinrichtungen.
Die Bilder waren so schockierend, dass nur einen Tag nach ihrer Ausstrahlung die von Augsburg kontrollierte Einrichtung der Pflegekette „Sereni Orizzonti“ geschlossen wurde, angeblich wegen eines Corona-Ausbruchs. Auch Mitarbeiter hätten die gemeldeten Zustände bestätigt. Seitdem melden sich Pflegekräfte und Angehörige bei RTL und berichten von erschütternden Erfahrungen in der Altenpflege. Sie alle beschrieben ähnliche Zustände in verschiedenen Gesundheitseinrichtungen, die Journalisten während ihrer verdeckten Operationen im Spätsommer 2021 erlebt haben: heruntergekommene Zimmer, Personalmangel und Überfüllung sowie Fehler in der Gesundheitsversorgung.
Ein Betreiber stach in den Briefen besonders hervor: der private Anbieter „Alloheim“. Im Februar stellte das Unternehmen unter anderem fest, dass es sich nur um bedauerliche Einzelfälle handele. Aber legen die vielen aktuellen Hilferufe nicht etwas anderes nahe? „Team Wallraff“ ging den Spuren nach und ging erneut verdeckt in drei verschiedenen Privatanlagen der „Alloheim“-Gruppe auf. Die besorgniserregenden Ergebnisse zeigt RTL heute um 20.15 Uhr in der Neuauflage „Team Wallraff – Jetzt noch mehr!“.
Sanktionen für nass werden
Mit mehr als 240 Pflegeheimen in ganz Deutschland und 23.600 Pflegeplätzen ist das Unternehmen „Alloheim“ Deutschlands zweitgrößter privater Anbieter. Eine Pflegekraft des Pflegeheims „Ederbergland“ in Frankenberg meldete sich mit einem Hilferuf beim „Team Wallraff“. Er berichtet, dass Bewohner teilweise aggressiv behandelt und schwere Pflegefehler begangen wurden. Bei einem sechstägigen verdeckten Einsatz wurde ein RTL-Reporter am ersten Tag Zeuge, wie ein über 80-jähriger Bewohner von einer Krankenschwester beschimpft und gedemütigt wurde, weil er in sein Bett uriniert hatte. Dass der alte Herr schon lange einen Katheter braucht, ist bekannt. Der Journalist wird mehrfach Zeuge, wie der Anwohner dafür bestraft wird, dass er nass geworden ist.
In einer Stellungnahme gegenüber RTL schreibt „Alloheim“: „Alloheim hat klare Richtlinien für die Behandlung inkontinenter Bewohner: Menschen, die (…) unter unfreiwilligem Urinverlust leiden, erhalten adäquate Hilfsmittel, um unkontrolliertem Wasserlassen im Bett entgegenzuwirken.“ Weiter sagt er: „Wir legen großen Wert darauf, den Bewohnern, die uns vertrauen, mit Respekt und Würde zu begegnen. Anderes Verhalten unserer Mitarbeiter gegenüber unseren Bewohnern wird nicht akzeptiert.“
Mangel an Fachpersonal und schwerwiegende Betreuungsfehler, die auch im Seniorenheim „Alloheim“ „Brunswik“ vorliegen sollen. Diesen Vorwürfen geht eine RTL-Journalistin im Frühjahr 2022 während eines zweiwöchigen Praktikums im Raum „Young Care“ nach. Pflegebedürftige Menschen im Alter von 18 bis 65 Jahren werden in einem Pflegeheim untergebracht und betreut. Nutzt das Unternehmen mit diesem neuen Konzept ein Vakuum im Gesundheitssystem aus, um mehr Profit zu machen?
Auch in dieser Einrichtung sind eine Vielzahl von Missständen dokumentiert, darunter erhebliche Mängel in der täglichen Hygiene der Bewohner mit teilweise schmerzhaft aussehenden Entzündungen. Einige Mitarbeiter geben zu, dass sie keine angemessene Schulung erhalten haben. „Alloheim“ verneint dies und schreibt in der Stellungnahme gegenüber RTL: „Alle in der Jugendpflege tätigen Pflegehelfer erhalten eine vierwöchige Schulung in ‚Jugendpflege‘ inklusive einer Schulung zu Krankheitsbildern und deren Behandlung.“ Dies erfolgt unabhängig von und in ergänzend zu einer Ausbildung zur Pflegehelferin. (…) Ein Einsatz von Pflegehelferinnen und Pflegehelfern erfolgt in der ‚Jungen Pflege‘ gemäß den Vorschriften unter Aufsicht einer Pflegefachkraft.“
Das Pflegeheim gibt bekannt, dass es verschiedene Therapie- und Beschäftigungsmöglichkeiten für pflegebedürftige „Young Nurses“ anbietet. Eine Unterkunft in diesem Bereich wird mit knapp 6.000 Euro im Monat abgerechnet. Allerdings erfährt die Journalistin während ihres Praktikums nichts von den Therapieangeboten. „Alloheim“ schreibt in seiner Stellungnahme, dass Pflegekräfte zahlreiche Fortbildungen, auch psychosoziale, absolvieren würden und begründet: „Ziel der jungen Pflege ist es, die Mobilität zu erhalten und zu fördern und zu einer möglichen Rehabilitation, einem Weg unabhängiger von der Wohnung oder einem selbstbestimmteren Leben zurückzukehren (…) Den (…) Vorwurf, dass die Bewohner der ‘Jungen Pflege’ nicht ausreichend aktiviert werden, weisen wir entschieden zurück (…) (…) Darüber hinaus wehren wir uns gegen den Vorwurf, dass dies der Fall ist ‘Alloheim’ geht es hauptsächlich nur um mehr Nutzen“.
Lauterbach hält die Privatisierung für einen Fehler
Auch das „Team Wallraff“ konfrontierte Gesundheitsminister Karl Lauterbach mit Videoaufnahmen der verdeckten Operationen. Wie könnte dies erreicht werden? Der Fehler liegt für den Gesundheitsminister in der Privatisierung des Gesundheitswesens mit der Einführung der Krankenversicherung 1995. „Jetzt ist es so, dass diese Privatinvestoren einfach nicht enteignet werden können“, sagte Lauterbach im RTL-Interview. „Das ist rechtlich nicht machbar. Rückblickend hätte ich es für richtig gehalten, wenn die Pflege weiterhin eine kommunale Aufgabe gewesen wäre.“
„Konzerne wie ‚Alloheim‘ müssen viel strenger kontrolliert werden, und wenn sie Renditedruck und menschliche Aufmerksamkeit nicht vereinen können, müssen sie schließen“, bilanziert Günter Wallraff nach den neuen Ermittlungen. Grundsätzlich sollte kein Pflegeheim den Nutzen auf Kosten der Bewohner maximieren. Die Kette „Alloheim“ spricht von einzelnen Ausfällen und Einzelfällen. “Ich überlasse es Ihnen zu urteilen.”