Leistungen für alle Rentner sind nicht mehr zeitgemäß

Beat Michel, Christian Kolbe, Lea Hartmann, Daniel Ballmer

Vier von fünf Rentnern sind mit ihrer finanziellen Situation zufrieden. Viele Rentner müssen nicht von ihren Ersparnissen leben, können ihr Vermögen aber noch weiter vermehren. Das zeigt eine aktuelle Umfrage von Swiss Life. Schweizer Rentnern geht es finanziell besser denn je, Studienautor und Vorsorgeexperte Andreas Christen (37) spricht von einer «goldenen Generation». Ein großer Teil der über 65-Jährigen kann sich mehr leisten als viele jüngere Arbeitnehmer.

Deshalb stehen Rabatte für Rentner unter Druck. Mit der AHV-Karte wird es billiger ins Kino, in den Zoo, ins Museum: «So ein Rabatt nur nach dem Alter ist absurd», sagt Wirtschaftsprofessor Reiner Eichenberger (60) von der Universität Freiburg und geht besser. : “Es ist unhöflich, jemandem ein Privileg zu geben, nur wegen seines Alters.”

Verteilung von Zuschüssen speziell

Auch Avenir Suisse sieht keine Zukunft in Rabatten für eine Altersgruppe. Direktor Jérôme Cosandey (51): „Dieser Rabatt macht keinen Sinn mehr. Er ist ein Überbleibsel aus der Zeit, als es nur die AHV als Rente gab. Warum sollte man mit öffentlichen Geldern Menschen unterstützen, die sie gar nicht brauchen?“ Gerade bei ÖPNV-Tickets ist das sehr problematisch: „Es wäre viel klüger, diesen Zuschuss gezielter an Menschen zu verteilen, die ihn wirklich brauchen“, sagt der Forschungsleiter „Portable Social Policy“ des Wirtschaftsverbandes.

Rabatte für Rentner gelten auch bei Seniorenverbänden nicht mehr als zeitgemäß. Heidi Stöckli (43) von Pro Senectute Kanton Luzern bevorzugt eine gezieltere Unterstützung für Bedürftige: «Leistungen nach dem Irrigationsprinzip helfen den Betroffenen nur bedingt.» Heinz Weber (69) von den Grey Panthers Nordwestschweiz spielt das gleiche Horn. Er bestätigt, dass es vielen Rentnern gut geht und gleichzeitig viele jüngere Menschen finanzielle Probleme haben: „Bei der Armutsbekämpfung ist es besonders wichtig, dass staatliche Unterstützung für Menschen in Not leicht zugänglich ist.“ Dabei spielt es keine Rolle, welcher Altersklasse sie angehören.

Einkommen statt Alter als Kriterium

Auch Valérie Piller Carrard (44), Nationalrätin der SP und Präsidentin von Pro Família, sieht die Notwendigkeit einer gezielteren Unterstützung für Menschen mit knappem Budget. „Gerade für Familien sind die Kosten in den letzten Jahren rasant gestiegen“, sagt er. Gleichzeitig haben viele Leistungsträger Rabatte für Familien gestrichen. Er möchte jedoch nicht, dass Familien auf Kosten von Rentnern unterstützt werden: “Es gibt viele ältere Menschen, die auf Sozialleistungen angewiesen sind.”

Warum nicht eine Art Bedarfsrabatt statt Rentenrabatt? Davon profitieren auch bedürftige Rentner. Ein einfaches Rezept für einen Kurswechsel gebe es nicht, sagt André Bähler, Leiter Politik und Wirtschaft der Stiftung Konsumentenschutz: «Es wäre sinnvoller, statt des Alters das Einkommen als Kriterium für Rabatte zu verwenden, aber das ist weniger praktikabel.»

Daran wollen junge Parteien nichts ändern

Vor allem die jungen Parteien wollen alles beim Alten lassen. Marc Rüdisüli (24), Präsident der Jungen Mitte: «Auch wenn der arme und drapierte Senior ein Mythos ist, der Rabatt im Kino oder im Rentnerbad sollte nicht gestrichen werden.» Der Präsident der Jungfreisinnigen, Matthias Müller (29), sieht das ähnlich: „Noch immer befinden sich viele Rentner in einer prekären materiellen Lage.“ Juso-Präsidentin Nicola Siegrist (25): „Rabatte für Senioren müssen erhalten bleiben, damit alle Zugang zum gesellschaftlichen Leben haben.“ JSVP-Chef David Trachsel (27) glaubt, dass Jungen mehr Sorgen haben, zum Beispiel um die eigene AHV.

Für Wirtschaftsprofessor Eichenberger ist der AHV-Rabatt die «billigste Art, Stimmen zu fangen und zu denken seit dem Mittelalter». Er will kämpfen.

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