Sommer 2018: Alex Wilson (31) erscheint gut gelaunt zum Interview in Basel. Er lacht, redet ununterbrochen, seine Augen strahlen. Sommer 2022: Alex Wilson kommt mit schlechter Laune aus dem Dopingprozess im Sporthaus Ittigen. Er sieht traurig aus, still, seine Augen unsichtbar, als er mit gesenktem Kopf davoneilt.
Zwischen diesen beiden Momentaufnahmen liegen vier Jahre. Der einstige Liebling des Schweizer Sports ein Dopingsünder? Ja, sagte die Schweizer Sportkammer diese Woche und sperrte ihn für vier Jahre wegen vorsätzlichen Dopings mit Trenbolon. Es ist ein weiteres Kapitel in Alex Wilsons verrücktem, turbulentem Leben. Vom Schuhverkäufer über den Schnurrbart der Nation, den Sprinthelden bis hin zum gefallenen Stern. Zuhause Alex!
Wilson wollte Soldat werden
Wilson verbrachte die ersten 15 Jahre seines Lebens in Jamaika. Er lebt in bescheidenen Verhältnissen. „Mit 13 hatte ich noch nicht einmal die richtigen Schuhe. Aber wir waren glücklich. Damals war Geld kein Problem. Wir brauchten nicht viel. Hemd, alles war in Ordnung”, sagte er im Sommer 2018 gegenüber Blick. Ihre Welt ist noch in Ordnung.
Aufgewachsen auf der vaterlosen Karibikinsel? Kein Problem für ihn. „Ich weiß gar nicht, wie es sich anfühlt, einen Vater zu haben. Deshalb kann ich ihm nichts vermissen. Ich hatte und habe immer noch eine starke Mutter. Das reicht.“ Sein Berufswunsch damals: “Ich wollte Soldat werden, um der Korruption in Jamaika entgegenzuwirken.”
Als der kleine Alex sieben Jahre alt war, zog ihre Mutter mit ihrem neuen Schweizer Ehemann in die Schweiz. Er bleibt bei seiner Tante. Eine schwierige Zeit. “Es war sehr streng. Manchmal haben wir einen auf dem Deckel. Ich musste sogar den Stock auswählen, mit dem meine Tante mich geschlagen hat. Weil ich dumm war, habe ich immer zuerst die Kleinen ausgewählt, aber sie passten mehr. In einigen Moment Das ist mir aufgefallen und ich habe fortan nach größeren Stöcken gesucht.“
Damit hatte er nie zu kämpfen. Andererseits. “Es hat mich stärker gemacht und ich bin der, der ich heute bin.” Mit 15 zog Alex zu seiner Mutter in die Schweiz. Es ist ein schwieriger Start in ein neues Leben. „Damals dachte ich, wir fahren nur für ein paar Wochen in die Schweiz in den Urlaub. Ich hatte keine Ahnung, dass es für immer sein musste. Seit meiner Ankunft im Dezember war es sehr kalt und sehr dunkel. Es lag viel Schnee, was ich vorher nicht wusste. Ich erinnere mich noch an meine vom Schnee erfrorene Hand. Dann habe ich sie blöderweise unter sehr heißes Wasser gestellt, um sie aufzuwärmen. Deshalb tut meine Hand immer noch weh, wenn ich sie unter heißes Wasser halte.”
“Ich fühlte mich wie Gott”
In der Schweiz wird Alex Wilson Sportler. Danke an seinen ersten Trainer Christian Oberer. “Er sagte mir: ‘Du bist in Ordnung, du kannst es im Sport schaffen.'” Aber auch das Training geht nicht schief. Nach der Schule absolvierte er ein Jahr lang ein Praktikum bei der Migros. „Ich habe viele Schlitten an die Sportabteilung verkauft, bis sie aufgebraucht waren. Und auch in der Schuhabteilung lief es gut, weil ich überzeugen konnte.“
Später machte er eine Lehre als Gärtner. „Das Beste am Gärtnern: Sie sehen das Ergebnis Ihrer Arbeit. Ich liebe das. Ich werde einen schönen Kürbis pflanzen und später siehst du das Ergebnis auf deinem Teller. Einfach wunderbar.” Im Sport lief es anfangs nicht so gut. Seine Anfangsjahre waren geprägt von wenig Erfolg und vielen Verletzungen. An sich hat er aber nie gezweifelt. „Dann war ich wie ein Haus auf Sand gebaut Wasser kommt, alles wird verschwinden.“
An der Europameisterschaft 2018 in Berlin hat er endlich sein Traumziel erreicht: Bronze über 200 Meter, in Schweizer Rekordzeit. “Als ich auf die Aufwärmstrecke kam, fühlte ich mich wie Gott. Ich wusste, es wird heute funktionieren.” Spätestens seither ist Wilson unser neuer Liebling, der sich mit seinen Interviews und Sprüchen in die Herzen der Fans versenkt.
“Ich werde niemals meinen Kopf nirgendwo hinstecken müssen”
Wilson im Jahr 2018: Es ist der bisherige Höhepunkt seiner Karriere. Und es soll der Startschuss für mehr Erfolg sein. “Jetzt will ich auch eine WM-Medaille!” Ein Plan, der nicht funktioniert. Eine Fußverletzung stoppt ihn in Doha 2019. Die Abwärtsspirale beginnt.
Bis er kurz vor den Olympischen Sommerspielen 2021 aus dem Nichts für spektakuläre Schlagzeilen sorgte: 9,84 Sekunden über 100 Meter und 19,89 Sekunden über 200 Meter – so schnell ist er in den USA unterwegs. Oder auch nicht, denn dann werden die Zeiten nicht homologiert und die beiden Schweizer Rekorde fallen weg.
Wenige Tage später der Schock: Wilsons Dopingprobe vom 15. März 2021 war positiv auf Trenbolon getestet worden. Der Skandal ist perfekt. Und Alex Wilson spielt in dieser Tragödie die Hauptrolle. Das ist nicht das, was ein Oscar verdient. Erstens soll die Ursache für die positive Probe kontaminiertes Fleisch gewesen sein. Später ändert sich die Begründung. Seine neue Version: Irgendjemand soll ihm etwas beigemischt haben.
Die Schweizerische Sportkammer glaubt an beide Theorien nicht. Vier Jahre Sperre! Bussen über 13 750 Franken. Wie geht es jetzt weiter? Wie geht’s? Das weiß nur er selbst. Als er vor vier Jahren gefragt wurde, ob er jemals den Kopf gesenkt habe, sagte er? «Mai, Mai, Mai. Ich werde nie irgendwo meinen Kopf rausstrecken müssen.“ Mann Alex!