Schulpolitik: Die Co-Vorsitzende der SP warnt vor der Kampagne gegen linke Lehrer

– Der Co-Vorsitzende der SP warnt vor der Kampagne gegen linke Lehrer

Der Aargau will mit einer Umfrage ermitteln, inwieweit seine Gymnasien politisch neutral sind. Auslöser war das reife Spiel dreier junger Liberaler.

Gepostet: 01.07.2022, 20:07

Inwieweit ist der Unterricht politisch neutral? Drei Gymnasiasten sagen: Es gibt wenig Toleranz für rechte Ansichten.

Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Die Woche hätte für Mick Biesuz nicht besser laufen können. Er verfügt über ein Maturitätszeugnis der Kantonsschule Baden. Und nun löst seine mit zwei Kollegen verfasste Dissertation eine bundesweite Debatte aus. Ihr Thema: Haben Schulklassen eine Linkskurve?

Denn dass diese Frage nun wissenschaftlich untersucht werde, sei für Cédric Wermuth ein „verheerendes Zeichen“. In der «Aargauer Zeitung» schreibt der Co-Präsident der SP, die geplante Umfrage sei ein «Versuch, die politische Meinung einzuschüchtern».

«Das ist ein Angriff auf das Bildungssystem», sagt Nationalrat und SP-Vizepräsident Cédric Wermuth.

Foto: Dominique Meienberg

Biesuz hat gemeinsam mit den Co-Autoren Jan Suter und Fabian Zehnder in einer Umfrage herausgefunden, dass ein Drittel der Schülerinnen und Schüler die badischen Kantonsschulklassen als linker wahrnehmen. Zudem ordnen zwei Drittel ihre Lehrer dem linken Spektrum zu.

Rechte sind umständlich

Das hat laut den drei Autoren, die alle der Jungen FDP angehören oder ihr nahe stehen, zur Folge, dass je weiter rechts die Abiturienten platziert sind, desto weniger wohl fühlen sie sich, ihre Meinung zu äußern.

„Bei Gymi gibt es wenig Toleranz für rechte Ansichten“, sagt Abiturient Mick Biesuz.

Foto: zvg

Mick Biesuz ist Präsident der Jungen Liberalen in Baden und im Vorstand der dortigen FDP. Seine persönliche Erfahrung wird durch die Ergebnisse seiner Umfrage bestätigt: “Bei Gymi gibt es wenig Toleranz für die Meinungen der Rechten.”

Das Theaterstück Matura machte Politikern Angst. FDP-Landesrat Adrian Schoop forderte eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema im Parlament. Bildungsdirektor Alex Hürzeler fing den Faden blitzschnell auf: Noch bevor der Aargauer Rat am Dienstag auf Schoops Vorstoß verwies, hatte der Regierungsrat der SVP das Meinungsforschungsinstitut Sotomo mit der erforderlichen Studie beauftragt. Das Institut des Politgeographen Michael Hermann wird in einer repräsentativen Umfrage untersuchen, ob die politische Neutralität an den Aargauer Gymnasien gewahrt wird.

SP-Co-Vorsitzender Wermuth sieht den Forschungsauftrag als „politische Aktion“. Das ist ein Angriff auf das Bildungssystem. Bildungsdirektor Hürzeler benimmt sich wie “Orban in Ungarn, Trump in den USA, Putin in Russland”.

Mick Biesuz ist schockiert über Wermuths Wut: „Eigentlich sollte ich das größte Interesse an politischer Neutralität an Schulen haben, die seriös und wissenschaftlich untersucht werden.“

Wissenschaftliche Malerei?

Sotomo hat dafür bereits ein Konzept entwickelt. Projektpartnerin Sarah Bütikofer beschreibt es so: „Wir sammeln Informationen darüber, wie die Unterrichtsatmosphäre bei politischen und gesellschaftlichen Debatten wahrgenommen wird und wie Schüler diese Diskussionen im Unterricht wahrnehmen.“ Dazu befragt Sotomo online alle Schüler und Lehrer der Gymnasien im Aargau.

Das Meinungsforschungsinstitut verleihe einem politischen Einschüchterungsversuch “eine wissenschaftliche Note”, kritisiert Bildungsexperte Philippe Wampfler auf Twitter. Auf Nachfrage sagt er: “Natürlich ist es ein berechtigtes Anliegen, genauer hinzuschauen, wenn sich bürgerliche Studierende ausgegrenzt fühlen.” Die Studienaufgabe ist Wampfler jedoch zu vage.

Bütikofer, Partner im Sotomo-Projekt, entgegnet, dass die Maturaarbeit zum Thema methodische und theoretische Schwächen habe. «Regierung und Parlament des Kantons Aargau wollen den aufgeworfenen Fragen auf den Grund gehen.» Sotomo werde dies „sorgfältig und nach wissenschaftlichen Kriterien“ tun.

„Kein Generalverdacht“

In einem Brief an ihre Gymnasiallehrer will auch die Aargauer Erziehungsdirektion der Kritik den Wind in die Segel blasen. Der Regierungsrat habe die Lehrer „in keiner Weise unter Generalverdacht unzulässiger politischer Parteinahme gestellt“, schreibt der Departementsvorsteher. Und: „Ich vertraue darauf, dass die Meinungsvielfalt im Unterricht gewahrt bleibt und keine Maßnahmen verhängt werden.“

«Keine Massnahmen nötig»: aus dem Brief an die Gymnasiallehrer im Aargau.

Doch der Wille, die Einhaltung der politischen Neutralität in den Schulen zu prüfen, beschränkt sich längst nicht mehr auf den Aargau: Die FDP hat auch eine dem Kanton Basel-Landschaft entsprechende Initiative vorgelegt.

Für Mick Biesuz selbst ist das Kapitel abgeschlossen. Er wird bald zur Schule gehen, dann im Gastgewerbe arbeiten und schließlich ein Studium an der Wirtschaftsuniversität in St. Petersburg beginnen. Gallen. „Wie das gängige Klischee eines jungen Liberalen“, sagt er.

Edgar Schuler ist Bundesredakteur und schreibt regelmäßig den Newsletter „Der Morgen“.

Weitere InformationenVeröffentlicht: 01.07.2022, 20:07

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