Stand: 04.07.2022 19:50 Uhr
Gletscherbrüche wie in den Dolomiten sind laut Meyer-Gletscherforscher in Zukunft vermehrt möglich. Dass es zu einem solchen Vorfall auch in den deutschen Alpen kommt, hält er jedoch für unwahrscheinlich.
Christoph Meyer von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Gletschern, auch in den Alpen. Als Einzelfall beschreibt der Glaziologe den Abbruch eines Teils des Marmolada-Gletschers in Norditalien, der nicht jedes Jahr vorkomme, aber in Zukunft zunehmen könnte.
Hat das Schmelzwasser den Abriss verursacht?
Der Gletscherforscher hat eine Theorie, warum jetzt Teile des Gletschers gebrochen sind: Er vermutet, dass Tauwasser den Bruch verursacht haben könnte.
Vermutlich ist das Schmelzwasser durch die Risse eingedrungen und auf den Gletschergrund gedrückt worden, wodurch der gefrorene Teil abgetrennt wurde. Dadurch stürzte ein relativ großer Block ab.
Dass Teile eines Gletschers brechen, ist bei sogenannten Hängegletschern gar nicht ungewöhnlich. Hängegletscher sind Gletscher, die in sehr steilen Felshängen zu finden sind und einen Ausleger haben. Wenn sich ein Hängegletscher bewegt, bricht regelmäßig ein Stück der Front. Vermeiden Sie es also, an diesen Gletschern vorbeizugehen, sagt Meyer. Der Marmolada-Gletscher hingegen ist kein hängender Gletscher, daher ist das Ereignis jetzt ungewöhnlich.
„Wir spüren die Folgen des Klimawandels vor allem in den Bergen“, sagt Reinhold Messner zum Unfall in den Dolomiten.
Tagesthemen 21:55, 4.7.2022
Hitze und wenig Schnee setzen den Gletschern zu
Dieses Jahr sei ein warmes Jahr, die Gletscherschmelze sei bereits weit fortgeschritten, so Meyer. Außerdem haben viele Gletscher in den Alpen wenig oder gar keinen Schnee. Das ist aber aus zwei Gründen sehr wichtig: Erstens, weil Gletscher Schnee brauchen, um neues Eis zu erzeugen. Zum anderen, weil die Schneeschicht die Gletscher vor dem Auftauen schützt. Weißer Schnee reflektiert das Sonnenlicht viel besser als die Eisdecke, erklärt Meyer.
Auch der Marmolada-Gletscher hat sich in den letzten Jahren stark verändert und die Temperaturen sind dieses Jahr besonders hoch. Der Trend im Alpenraum sei eindeutig: Die Sommer seien meist wärmer und der Schnee reiche nicht mehr aus, um die Gletscher zu halten, so der Wissenschaftler.
Schwer vorhersehbare Unfälle wie in den Dolomiten
Es ist schwierig, einen Schock wie den des Marmolada-Gletschers vorherzusagen. Voraussetzung für einen solchen Abriss ist allerdings, dass ein Steilhang vorhanden ist. Aber das allein reicht nicht. Es müssen mehrere Faktoren zusammenkommen, wie zum Beispiel steigende Temperatur und auftauendes Wasser, das den Gletscher vom Untergrund löst und ins Rutschen bringt.
Um Zwischenfälle wie in Südtirol zu vermeiden, sollten Sie sich jetzt überlegen, auf welche Gletscher Sie achten sollten. Die Überwachung ist sehr teuer, also muss so etwas von einer Behörde übernommen werden. Laut dem Gletscherforscher kann die Wissenschaft das Tracking unterstützen.
Einen Gletschereinbruch in Deutschland mit so drastischen Auswirkungen wie in Italien hält Meyer jedoch für unwahrscheinlich: „Von den vier Gletschern, die wir in Bayern noch haben, sind sie eigentlich zu flach. Der Blaueisgletscher ist nur an einer Stelle steil genug, aber es ist so gut in den Fels eingebettet, dass es nicht verrutscht”.