Aktualisiert am 24.07.2022 um 16:40 Uhr
- Affenpocken haben sich in wenigen Monaten auf der ganzen Welt verbreitet.
- Ausbruch kann gestoppt werden, sagt WHO-Chef, fordert höchste Alarmstufe.
- Kann der Erreger noch eingedämmt werden?
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Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat aufgrund von Affenpocken, auch bekannt als Affenpocken/MPX, einen „Notfall von internationaler Bedeutung“ ausgerufen. Was über Affenpocken bekannt ist und wie die Klassifizierung helfen soll, sie einzudämmen.
Warum spricht die WHO von einem internationalen Notfall?
WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus begründete die Entscheidung mit der starken und schnellen Ausbreitung der Affenpocken, die mittlerweile Dutzende Länder betreffe. Das ist ungewöhnlich. Bisher sind die Ausbrüche weitgehend auf Afrika beschränkt. Ein Gremium unabhängiger Experten hatte sich jedoch nicht auf eine Empfehlung einigen können. Dass Tedros trotzdem die höchste Alarmstufe ausgerufen hat, soll die Dringlichkeit der Lage unterstreichen.
„Das ist eine sehr schwierige Entscheidung“, sagt Jürgen Rockstroh vom Universitätsklinikum Bonn. „Das kommt auch im gemeinsamen Votum der Gremienmitglieder zum Ausdruck.“ Die Datenlage ist schwierig, aber der WHO wurde oft vorgeworfen, zu langsam auf Krisen zu reagieren.
Was bedeutet das Ranking?
Die WHO-Klassifikation hat keine direkten praktischen Auswirkungen. Vor allem sollen die Regierungen der Mitgliedsländer ermutigt werden, Maßnahmen zur Eindämmung des Ausbruchs zu ergreifen. Sie sollen zum Beispiel Ärzte sensibilisieren, bei Verdachtsfällen Schutzmaßnahmen ergreifen, die Bevölkerung aufklären und Test- und Impfmöglichkeiten bereitstellen. „Ich denke, das Gesamthandling hat einige Vorteile“, sagt Rockstroh. Die Staaten entscheiden jedoch selbst, ob sie Maßnahmen ergreifen und wenn ja, welche Maßnahmen zu ergreifen sind.
Wie hat sich der Ausbruch bisher entwickelt?
Nach Angaben der WHO wurden am Wochenende mehr als 16.000 Pockenfälle in 75 Ländern und Territorien gemeldet. Daher ist das Übertragungsrisiko in Europa besonders hoch. In Deutschland sprach das Robert-Koch-Institut (RKI) am Freitag von 2.268 Fällen. Laut WHO gab es bisher fünf Todesfälle; Laut Rockstroh kamen sie alle in Afrika vor. Zwei Fälle wurden kürzlich bei Kindern in den Vereinigten Staaten bestätigt. Rockstroh sagt, ein solcher Pockenausbruch sei noch nie zuvor gesehen worden. Mancherorts gibt es jedoch Anzeichen dafür, dass sich die Infektionszahlen einpendeln. Der Experte glaubt nicht, dass der Erreger ansteckender geworden ist.
Wie wird das Affenpockenvirus übertragen?
Die Übertragungswege zwischen Menschen sind noch nicht abschließend geklärt. Voraussetzung ist laut RKI meist ein enger Körperkontakt. Typische Hautläsionen enthalten besonders hohe Viruskonzentrationen. Manchmal sind aber auch Infektionen durch Speichel, große Tröpfchen und eventuell auch Sperma möglich. Darüber hinaus können kontaminierte Kleidung, Bettwäsche und Handtücher vorhanden sein. Anders als beispielsweise das Coronavirus werde der Erreger nicht durch Aerosole übertragen, etwa durch Atmen, Sprechen oder Husten, wie Rockstroh betont.
Nach einer Studie mit mehr als 500 Patienten berichten Forscher, dass sich 95 Prozent durch sexuelle Aktivität infiziert haben, aber nicht 100 Prozent. Eintrittspforten sind laut RKI häufig Hautläsionen und Schleimhäute, zum Beispiel Genitalien, After, Mund, Nase und Augen. Laut RKI sind Infizierte ansteckend, solange sie Symptome haben, in der Regel zwei bis vier Wochen. Die Inkubationszeit beträgt in der Regel 5 bis 21 Tage.
Wie manifestiert sich eine Affenpocken-Infektion?
Nach der Analyse von 528 Fällen hatten 95 % der Patienten Hautläsionen, aber 64 % hatten weniger als 10 Läsionen. Bei etwa zehn Prozent der Untersuchten wurde nur eine Läsion gefunden. Am häufigsten traten Hautveränderungen im Anal- und Genitalbereich auf, gefolgt von Rumpf, Armen und Beinen.
„Einzigartige genitale Hautläsionen und Läsionen an den Handflächen und Fußsohlen können leicht zu Fehldiagnosen wie Syphilis und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten führen, was wiederum die Erkennung verzögern kann“, schreibt das Team, dem Rockstroh angehört, vom New England Journal of Medicine. Daher muss medizinisches Personal darin geschult werden, Affenpocken zu erkennen. Bei Verdacht kann die Diagnose durch Analyse eines Schleimhautabstrichs oder Pockenläsionen mittels PCR-Test geklärt werden, sagt Rockstroh.
Für viele Betroffene ist der Zustand äußerst schmerzhaft, je nachdem, welche Stelle von den Hautveränderungen betroffen ist. Laut Rockstroh werden etwa 10 Prozent der Betroffenen ins Krankenhaus eingeliefert, meist wegen starker Schmerzen. In der Regel richtet sich die Therapie nach den jeweiligen Symptomen.
Wie gut schützt der Pockenimpfstoff von Imvanex?
Der gängige Pockenimpfstoff Imvanex, der kürzlich auch gegen Affenpocken zugelassen wurde, bietet laut Rockstroh einen Schutz von 85 Prozent. Eine Impfung hilft auch, Symptomen nach einer Infektion vorzubeugen, wenn sie rechtzeitig verabreicht wird.
Laut WHO sind 98 Prozent der Infizierten Männer. Die Impfung wird in Deutschland besonders für Männer empfohlen, die Sex mit Männern haben und häufig den Partner wechseln, weil erfasste Infektionen bisher hauptsächlich diese Bevölkerungsgruppe betreffen.
Zur Grundimmunisierung wird der Impfstoff zweimal im Abstand von mindestens 28 Tagen verabreicht. Allerdings gab es in Deutschland zuletzt nur etwa 40.000 Impfdosen, im dritten Quartal werden weitere 200.000 erwartet.
Wie kann der aktuelle Ausbruch eingedämmt werden?
Tedros betont, dass der Ausbruch noch gestoppt werden kann. “Wir haben die Werkzeuge.” Auch Rockstroh hält eine Eindämmung für möglich: „Dass die Zahlen in vielen Ländern nicht so unglaublich hoch sind und die Regionen mit den meisten Infektionen – nämlich Europa – zumindest in einigen Städten bereits abflachende Kurven zeigen, deutet darauf hin, dass diese Maßnahmen getroffen werden da Quarantäne und auch Impfbeginn Strategien sind, die zur Eindämmung führen können.“ (dpa/sbi)
Aktualisiert am 14.06.2022 um 14:39 Uhr
Die Europäische Union plant, etwa 110.000 Dosen des Affenpocken-Impfstoffs zu kaufen. Tagsüber muss eine entsprechende Vereinbarung unterzeichnet werden. Die ersten Dosen sollen Ende Juni ausgeliefert werden.