Daniele Ganser: Rudolf-Steiner-Schule lädt umstrittenen Historiker zum Experten für Ukrainekrieg ein

Veröffentlicht 1. Juni 2022, 20:11 Uhr

Der umstrittene Basler “Friedensforscher” Daniele Ganser verbreitet in seinen Vorträgen zum Krieg in der Ukraine die These, man dürfe Experten nicht unbeantwortet lassen. Das durfte er auch vor mehreren Klassen einer Steiner-Schule in Basel.

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Am Mittwoch konnte der umstrittene „Friedensforscher“ Daniele Ganser seine These zum Krieg in der Ukraine bekannt geben.

Pino Covino / Tamedia AG

Ein Experte kritisiert die Schule dafür, dass sie ihm dieses Forum gegeben hat. Über den Krieg in der Ukraine könne man viel diskutieren, bei den Verschwörungstheorien seien aber Grenzen überschritten, sagt Michael Butter, Professor an der Universität Tübingen.

Pino Covino / Tamedia AG

„Der Schulleitung war bekannt, dass es zu den Thesen von Daniele Ganser kontroverse Meinungen gab“, sagt Schulvorstand Daniel Thiel.

Rudolf-Steiner-Schule Basel

An der Rudolf-Steiner-Schule Jakobsberg in Basel konnte der umstrittene Basler «Friedensforscher» Daniele Ganser am Mittwochvormittag vor rund 150 Schülerinnen und Schülern einen Vortrag über den Ukrainekrieg halten. Dies ist Teil des Unterrichts der Oberschicht. „Das erscheint uns sehr fragwürdig“, schreibt ein Schulfreund. „Verschwörungstheorien haben in einer Schule nichts zu suchen und schon gar nicht als schulische Pflichtveranstaltung“, so die Quelle, die anonym bleiben möchte.

Die Konferenz entstand auf Wunsch der Zwölftklässler. Wie die Rudolf-Steiner-Schule Basel auf Anfrage mitteilt, habe man im April angefragt, ob Ganser eingeladen werden könne. „Der Schulleitung war bekannt, dass es zu den Thesen von Daniele Ganser kontroverse Meinungen gab“, sagt Schulvorstand Daniel Thiel. Für die Studenten ging es darum, die Grundlagen für einen unabhängigen Versuch zu schaffen. Dazu gehöre aus Sicht der Schulleitung auch, „sich sehr unterschiedliche, teilweise kontroverse Standpunkte anzuhören und selbst einzuordnen“.

“Uns war bewusst, dass es zu den Thesen von Daniele Ganser kontroverse Meinungen gab.”

Daniel Thiel, Mitglied der Geschäftsleitung

Es kann auch mit dem Klassenzimmer verbunden werden. Die Konferenz ist auch Teil einer Veranstaltungsreihe zum Ukrainekrieg. Es wurde am 17. März von Frithjof Benjamin Schenk, Professor für Osteuropäische Geschichte an der Universität Basel, eingeweiht. Schenk vermittelte in seinem Vortrag die historischen Hintergründe des Krieges. Weitere Taten sollen folgen, so die Schulleitung.

Gansers Bericht zum Krieg in der Ukraine ist der Redaktion nicht bekannt. Vorerst ist er aber mit einem Vortrag zum Thema unterwegs und hat seine Sicht der Dinge in den sozialen Medien bereits ausführlich dargelegt: Der Historiker verurteilt den russischen Angriffskrieg, legitimiert ihn aber auch mit seiner Version der Hintergründe der Krieg.

Für seine kritischen Äußerungen gegenüber der Nato und den USA ist Ganser auch ein gern gesehener Gast in den russischen Staatsmedien, wo er erklärte, im Ukrainekrieg sei die rote Linie Moskaus überschritten worden. „Russland ist in seiner Geschichte letztlich das Opfer“, sagt Michael Butter, Professor für amerikanische Literatur- und Kulturgeschichte an der Universität Tübingen. “Auf der anderen Seite verliert Ganser kein Wort über russische Kriegsverbrechen.”

“In seiner Erzählung ist Russland schließlich das Opfer”

Michael Butter, Professor an der Universität Tübingen

Butter hat sich intensiv mit Gansers Werk auseinandergesetzt. Dass er an eine Steiner-Schule eingeladen wurde, war für ihn „nicht so überraschend“. „Alternative Erzählungen“ waren dort schon während der Corona-Pandemie verbreiteter als an öffentlichen Schulen.

„Ich hoffe, dass Ganser von Schülern und Lehrern widersprochen wurde“, sagt Butter. Über den Krieg in der Ukraine lässt sich vieles diskutieren, aber die Grenze der Verschwörungstheorien ist überschritten. Butter enthält auch Gansers „Maidan-Theorie“ über den Sturz der damals pro-russischen ukrainischen Regierung im Jahr 2014. Er trat nach landesweiten Protesten zurück und wurde in einer demokratischen Wahl ersetzt.

“Es gab einen Putsch und ich denke, die Amerikaner waren dafür verantwortlich”, sagte Ganser, als er 20 Minuten lang mit Kritik konfrontiert wurde. Es ist ihm wichtig, die Geschichte des Krieges zu thematisieren. Nach dem Vortrag seien auch kritische Fragen von Studierenden gekommen, sagt Ganser.

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