Energiekrise Wie entstehen Strompreise?

Hintergrund

Ab: 30.08.2022 18:25

Die jüngsten Rekordpreise am Strommarkt beunruhigen die Verbraucher. Der Preis folgt einem speziellen Mechanismus. Wie sieht es aus und was tut die Politik dagegen?

Von Detlev Landmesser, tagesschau.de

Was macht ein Stromversorger, wenn er voraussichtlich morgen mehr Strom liefern muss, als er zur Verfügung hat? Kaufen Sie Strom bei zuverlässigen Partnern oder an der Börse, deren Preise auch für den außerbörslichen Handel entscheidend sind. In Deutschland ist dies die „European Energy Exchange“, kurz EEX, mit Sitz in Leipzig.

Der Preis funktioniert dort nach einem europaweit einheitlichen Prinzip. Die Kraftwerke, die den günstigsten Preis anbieten können, gehen immer zuerst. Über viele Jahre führten Kernkraftwerke diesen Nutzungsorden (auf Englisch „Merit Order“) an. Es folgten Braun- und Steinkohlekraftwerke. Die Stromerzeugung durch die Verbrennung von Erdgas oder sogar Öl war schon immer das teuerste herkömmliche Verfahren.

Erneuerbare Energien, insbesondere Strom aus Wind- und Solarkraftwerken, spielen dabei eine besondere Rolle. Unter dem Dach des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG), das diesen Strommengen Vorrang in der Rangordnung vorschreibt, werden die Verfahren immer rentabler. Laut Berechnungsmethode gehören Wind und Sonne heute zu den günstigsten Stromanbietern.

Das teuerste Kraftwerk bestimmt den Preis

Die als Order-of-Merit-Prinzip bezeichnete einheitliche Regelung besagt nun, dass das teuerste Kraftwerk, das zur Deckung der Nachfrage noch benötigt wird, den Strompreis bestimmt. Alle anderen günstigeren Anbieter können diesen Preis ebenfalls verlangen.

Ziel ist es, Lieferanten mit den wirtschaftlichsten und effizientesten Prozessen zu belohnen und ihre Produktion anzukurbeln. Gleichzeitig müssen aber auch die teureren Kraftwerke, die letztlich eine zuverlässige Stromversorgung garantieren, am Markt gehalten werden. Dies hat in der Vergangenheit gut funktioniert und den Aktienkurs tendenziell gesenkt. Dazu tragen insbesondere Erneuerbare-Energien-Anbieter bei, wenn der Wind weht und die Sonne scheint. Je mehr Ökostrom eingeführt wurde, desto weniger teure Kraftwerke wurden benötigt.

Doch was als gute Idee gelten kann, wurde im Zuge der Energiekrise 2022 zum Problem. Denn die teuersten Kraftwerke – Gaskraftwerke – sind durch die Explosion der Gaspreise noch teurer geworden Und Gasstrom wird noch benötigt. Neuerdings stammen rund zehn Prozent des verbrauchten Stroms aus Gaskraftwerken. Und dank des Merit-Order-Prinzips schlagen sich ihre Kosten vollständig im Marktpreis nieder.

Verschiedene Preiscontroller

Dies ist der Hauptpreistreiber im Strommarkt. Hinzu kommt der aktuelle technische Problemstau in französischen Kernkraftwerken, die aufgrund von Wartungsarbeiten derzeit nur etwa die Hälfte ihrer installierten Leistung liefern können. Auch die aktuelle Dürre wirkt sich auf steigende Preise aus, zumal Niedrigwasser den Transport von Kohle auf Flüssen erschwert und damit weniger Kohlestrom zur Verfügung stellt.

Glücklicherweise wirken sich die hohen Preise nicht voll auf die Stromkunden aus. Denn Energieversorger kaufen langfristig große Mengen zu Festpreisen ein. Am Energiebörsen-Terminmarkt der EEX ist dies für bis zu sechs Jahre möglich. Aber der Anteil des teureren Stroms nimmt natürlich seit einiger Zeit zu. Daher wird die Stromrechnung mittelfristig deutlich höher ausfallen.

Die Strompreise sollten weniger von den Gaspreisen abhängen

Zum Schutz der Verbraucher will die Politik den Strommarkt reformieren. Das Grundprinzip der Merit Order sollte aus heutiger Sicht nicht angetastet werden. Stattdessen werden andere Lösungsmodelle diskutiert. Insbesondere wird nach einem Mechanismus gesucht, um die Strompreise für Endkunden von steigenden Gaspreisen zu entkoppeln. Noch vor einer weitergehenden Reform des Strommarktes, die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen für Anfang 2023 angekündigt hat, soll es ein „Notfallinstrument“ geben, das in den kommenden Wochen in Kraft tritt.

Denkbar wäre eine künstliche Preissenkung des Gases, das zur Stromerzeugung eingesetzt werden muss, also eine Subventionierung teurer und kritischer CO2-Gasanlagen mit Steuergeldern. Ein anderer Ansatz zielt auf die viel diskutierten „Übergewinne“ von billigeren Anbietern von Kohle oder Ökostrom ab, die an die Verbraucher umverteilt werden könnten, was wiederum ein altes Argument aufwirft und teilweise den Intentionen des EEG widersprechen würde.

In Deutschland ist die Frage der Laufzeitverlängerung von Kernkraftwerken noch nicht vom Tisch. Ob das Stromnetz ohne deutsche Atomkraft auch in einer Krisensituation überhaupt stabil bleiben könnte, wird derzeit in einem Stresstest abgeklärt.

Mit Informationen von Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio

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