Vor fünf Jahren hat das Schweizer Stimmvolk Ja zum Atomausstieg gesagt. Dann kam der Krieg in der Ukraine und damit eine globale Energiekrise. Axpo-Chef Christoph Brand, 52, warnt nun: «Die Rationierung wird kommen.» Dies gibt Stimmen Auftrieb, die eine Neubewertung der Atomkraft fordern. Sie wollen, dass bestehende Kraftwerke so lange wie möglich laufen, manche wollen sogar neue Kraftwerke umbauen.
Atomenergie produziert radioaktiven Abfall und ist verantwortlich für große Katastrophen, von Tschernobyl bis Fukushima. Aber es liefert zuverlässig Strom vom Band, sagen Atom-Befürworter. Und niemand stimmt zu.
Aber Atomkraft ist weitaus weniger zuverlässig als bisher angenommen. Das zeigt eine neue Studie des deutschen Forschungsinstituts DIW und der Technischen Universität Berlin im Auftrag der Stiftung Energie Schweiz (SES).
«Schweizer Kernkraftwerke unterliegen grossen Unsicherheiten, zum Beispiel durch ungeplante sicherheitsrelevante Ausfälle oder verlängerte Inspektions- und Reparaturzeiten», sagt Fabian Lüscher (33), Leiter SES Nuclear Energy.
Das gilt nicht nur für das Kernkraftwerk Beznau 1, das von 2015 bis 2018 ganze 1100 Tage stillstand. Auch für das Kernkraftwerk Leibstadt zeigt die neue Studie starke Schwankungen. 2016, 2018 und 2021 gab es noch längere Unterbrechungen.
16 Tage Pause in Gösgen
Auch Gösgen arbeitet nicht ständig. 2019 musste beispielsweise die Produktion wegen eines Kurzschlusses für 16 Tage am Stück komplett eingestellt werden.
Ungeplante Reaktorkatastrophen sind keine Seltenheit: Zwischen 2011 und 2020 gab es sieben solcher Vorfälle in Leibstadt und drei in Gösgen. Zwischen 1995 und 2010 geschah dies in den beiden Kernkraftwerken nur sechs Mal. Bedeutet: Die Ausfälle nehmen mit dem Alter der Systeme zu.
Der Bundesrat geht in seinen Energieszenarien davon aus, dass das 38 Jahre alte Kernkraftwerk Leibstadt und das 43 Jahre alte Kernkraftwerk Gösgen auch im Jahr 2035 weiter betrieben werden. Doch wie steht es um die Versorgungssicherheit? in der Schweiz, wenn beide Werke noch funktionieren? Schlimmer als ohne, lautet das Fazit der Studie.
«Die Energieversorgungssicherheit ist grösser, wenn die Schweiz den Ausbau der Photovoltaik vorantreibt und keine Kernkraftwerke mehr betreibt», sagt Energieexperte und Studienautor Mario Kendziorski (32). Er resümiert: «Die Schweizer Kernkraftwerke stellen ein erhebliches Risiko für die Versorgungssicherheit dar.»
Frankreich kämpft mit Ausfällen
Wie schnell es gehen kann, experimentieren die Franzosen: Im Nachbarland steht seit einigen Tagen der halbe AKW-Park platt. Kendziorski: „Das zeigt, dass der gleichzeitige Ausfall mehrerer Kraftwerke eine sehr realistische Bedrohung darstellt.“ Für den Forscher ist klar: „Nicht nur wegen der Gefahr schwerer Unfälle ist es ratsam, aus der Atomenergie auszusteigen und den Ausbau der Erneuerbaren voranzutreiben. Das lohnt sich auch mit Blick auf die Versorgungssicherheit.“
Die Studie demonstriert dies, indem sie zwei Szenarien für das Jahr 2035 entwirft. Das erste geht davon aus, dass Leibstadt und Gösgen noch in Betrieb sind. Die zweite rechnet ohne sie, aber mit einem starken Ausbau der Photovoltaik, die den Leistungsverlust der Kernkraftwerke von 16 Terawatt pro Stunde (TWh) pro Jahr kompensiert. Die Studie beinhaltet einen entsprechenden Ausbau der Speicherkapazität, wie er bereits in Deutschland durchgeführt wird.
In beiden Szenarien geht die Studie auch zwei Varianten verfügbarer Stromimporte durch. Bei ersterem handelt es sich um wenig Austausch mit den Nachbarländern, was durch den drohenden Ausschluss der Schweiz aus dem europäischen Strommarkt zu befürchten ist. Bei der zweiten Variante bleibt die bisherige Änderung bestehen.
Dies zeigt, dass die Monate März und April der Engpass sind. Dann ist der Zustand der lokalen Speicherwasserkraftwerke am geringsten und das Klumpenrisiko der beiden Kernkraftwerke am größten. Schliessen Leibstadt und Gösgen in dieser Phase, ist die Stromversorgungssicherheit auch mit einer strategischen Energiereserve ruiniert, wenn die Schweiz ohne Kooperationsabkommen mit der EU bleibt.
Photovoltaik einfacher kalkulierbar
Anders sieht es aus, wenn die Eidgenossen Kernkraftwerke stilllegen und vollständig auf erneuerbare Energien angewiesen sind. Die Versorgungssicherheit ist laut Studie in keiner Weise gefährdet.
Aber: Die Sonne liefert doch nicht nur unregelmäßig Saft, oder? „Es gibt gewisse Unsicherheiten in der Prognose der photovoltaischen Stromerzeugung“, räumt Mario Kendziorski ein. „Aber sie sind viel einfacher zu kalkulieren als bei der Kernenergie und können von vornherein bei der Planung berücksichtigt werden. Außerdem ist es unmöglich, dass alle Solarmodule gleichzeitig ausfallen. Es ist klar, dass es anders ist als bei Kernkraftwerken.“
Fabian Lüscher von der Stiftung Energie Schweiz sagt: «Ohne Kernkraftwerke ist die Versorgungssicherheit der Schweiz grösser.» Die Vorteile der Erneuerbaren zeigen sich laut Lüscher auch bei den zu errichtenden Reserven: „Wenn wir weiter mit Kernenergie arbeiten, brauchen wir sicherlich Sicherheitsreserven. Bei der Photovoltaik brauchen wir sie nicht. Wir reden also nur über zusätzliche Gaskraftwerke wegen Atomkraft.“
Was die Studie auch deutlich macht: Ob mit oder ohne Atomkraftwerke, internationale Zusammenarbeit ist hier Gold wert, wenn es um Versorgungssicherheit geht. «Noch überraschender ist, dass die Schweiz diese Zusammenarbeit aufs Spiel setzt», sagt Energieexperte Kendziorski.
Der Verband der Kernkraftwerksbetreiber Swissnuclear teilt das Ziel der Studie nicht. «Die Kernkraftwerke Beznau, Gösgen und Leibstadt liefern rund ein Drittel des in der Schweiz produzierten Stroms», sagt CEO Wolfgang Denk (46). “Ein schneller Shutdown würde die Versorgungssicherheit verringern und die Abhängigkeit von anderen Ländern weiter erhöhen.” Im Kontext der aktuellen geopolitischen Unruhen ist dies ein äußerst ungünstiges Szenario.