Autofahrer kennen das: Sie stehen auf dem Dreieck Funkturm im Stau. Am Sonntag hatten Zehntausende Radfahrer das zweifelhafte Vergnügen. Erstmals durften sie bei einer vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) organisierten Kundgebung den Südring nach Charlottenburg umrunden und kamen dann nicht weiter.
Vom Kurfürstendamm galt es, unter den zahlreichen Eisenbahnbrücken bis zum Ausgang des Messegeländes vorzudringen: Das war der Engpass. Die Hälfte kam über die A100, die andere Hälfte über die Avus. In der Masse unterscheiden sich Fahrradfahrer in Bezug auf Staus nicht von Motorradfahrern.
Aber auch Autofahrer gerieten an diesem Tag in den Verkehr, und die Kantstraße in Richtung Westen war ein einziges wütendes Horn von Autofahrern. Es dauerte locker eine Stunde, bis Zehntausende Radfahrer den Messedamm überquert hatten.
Viele beschwerten sich auf Twitter, dass die Medien von „Straßensperrungen“ berichteten, obwohl so viele Menschen nur mit Fahrrädern und ausnahmsweise nicht mit Autos unterwegs waren.
Es war die 46. ADFC-Kundgebung. Das Motto der diesjährigen Demonstration lautete „Rauf aufs Rad, jetzt den Verkehr wechseln“. Es haben sich mehr Menschen angeschlossen als in den Vorjahren, der ADFC schätzt 30.000, die Polizei 25.000.
[Für alle aktuellen Nachrichten live auf Ihr Handy empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]
Angefangen hat es ganz klein an den Enden der Sternfahrt Strahlen. Um 6.45 Uhr beispielsweise verließen 100 schnelle Radfahrer den Bahnhof Frankfurt (Oder). Tourenleiter Jens Erik Geißler war erwartungsgemäß erst 50 Jahre alt und gut gelaunt. Denn um zu dieser Zeit in Frankfurt zu sein, mussten die Berliner sehr früh aufstehen und um halb sechs den Zug nehmen.
Wir sind endlich über die Autobahn gefahren! Highlights für viele Teilnehmer. Jörn Hasselmann
30 Radfahrer schlossen sich Fürstenwalde an und fahren seitdem langsamer. In Erkner kamen 80 hinzu, später blieben an allen Kreuzungen Menschen stehen und warteten darauf, abgeholt zu werden. In Treptow waren es 750, das war meine letzte Zählung.
Dann wurden immer mehr Menschen. In der engen Silbersteinstraße von Neukölln mussten erstmals Menschen geschoben werden, sehr zum Unmut vieler Teilnehmer, die Konzentration durfte nicht durch den Britztunnel passieren. Die Polizei hatte Sicherheitsbedenken und hat die Tunnelstrecke seit 2021 verboten.
Warum Radfahrer ein größeres Risiko haben sollten, eine massive Panik zu erleiden als überfüllte Autofahrer, war für viele während der Fahrt ein Gesprächsthema. „Das ist Unsinn“, sagte ein alter Mann. Niemand widersprach. Dafür hatte die Polizei den gesamten Südring geräumt, und in den Tunneln unter Innsbrucker Platz und Rathenauplatz läuteten die Glocken mit der gleichen Schönheit und Lautstärke.
„Wir feiern das Fahrrad als schnelles, gesundes und klimafreundliches Fortbewegungsmittel“, hatte der ADFC zuvor angekündigt. Der Stern hatte wieder 18 Strahlen, es gab 80 feste Startpunkte und eine Gesamtstrecke von mehr als 1000 Kilometern.
„Zehntausende Menschen kämpfen seit Jahrzehnten für bessere Bedingungen für den Radsport bei der ADFC-Rallye“, heißt es in der ADFC-Erklärung weiter. Vor allem am Stadtrand sahen Radfahrer, wie weit Berlin von einer Verkehrsumleitung entfernt ist, vielerorts gibt es keine Radwege. Deshalb fordert ADFC-Chef Frank Masurat den Senat und die Bezirke auf, „das Fahrradnetz endlich stadtweit auszubauen“.
Um 5.15 Uhr verließen ein Dutzend Radfahrer den Bahnhof Zoo, zunächst mit dem Zug nach Frankfurt (Oder).
Dort begann um 6.45 Uhr die Rennradtour nach Berlin, eine Schnellstrecke mit einer Geschwindigkeit von 25 Stundenkilometern.
Mit dem Lastenrad unter Polizeieskorte unterwegs von Frankfurt/Oder nach Berlin. Jörn Hasselmann
Um 12:45 Uhr startete eine Nachtführung in Leipzig. In Dessau ging es um 3.45 Uhr los.
Die Strecken der Rallye 2022. Grafik: Tsp / Quelle: ADFC
Aus allen Himmelsrichtungen kommende Wege laufen in Berlin zu zwei Hauptachsen zusammen. Die eine führt auf der Avus vom Kreuz Zehlendorf zur City-West, die andere auf der A100 von Neukölln und Tempelhof.
Kurze Pause bei der Radrallye. Jörn Hasselmann
Beide Achsen treffen auf das Dreieck Funkturm und folgen der Stadtautobahn bis zur Ausfahrt Kaiserdamm.