9-Euro-Ticket: Mit Regionalverkehr auf Sylt – ein Erfahrungsbericht

1. Juni 2022 um 14:32 Uhr

Generalprobe 9-Euro-Ticket nach Sylt: Ab Hamburg konnte ich nicht mehr sitzen

Westerländer Strand
Foto: Michael Hoing

Düsseldorf Mit dem 9-Euro-Ticket steht uns die ganze Bahnwelt Deutschlands offen. Zumindest in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Alle Nahverkehrszüge sind inklusive und damit erreichen Sie fast jedes Ziel. Sylt auch? Ja, wenn Sie Kraft und starke Nerven haben.

Wer vom Rhein ans Meer will, muss früh aufstehen. Um 06.17 Uhr startet meine Reise mit der Regionalbahn von Grevenbroich nach Westerland. Die Insel Sylt glaubt, dass mit der Einführung des 9-Euro-Tickets Tagestouristen aus ganz Deutschland einfallen werden. Sobald ich mir die Reiseroute ansehe, bin ich skeptisch. Die Fahrt vom Rheinland nach Westerland dauert nur 10 Stunden und 48 Minuten mit der Regionalbahn. Ich muss 6 Mal umsteigen und habe immer Angst, dass irgendein Zug Verspätung hat und unerwartet eine Stunde Pause in Norddeutschland machen muss. Ich mache die Generalprobe mit dem “Quer-durchs-Land-Ticket” der Bahn. Nur Nahverkehrszüge für 42,00 Euro am Tag. Das sind die Linien, die ab dem 1. Juni für 9,00 Euro pro Monat erhältlich sind.

Die erste Stufe ist einfach. Von Grevenbroich nach Neuss sind es 15 Minuten. Allerdings sind die 4 Minuten Umsteigezeit sportlich. Ich laufe mit meinem großen Koffer um den Hauptbahnhof in meinem Nachbardorf und verfluche schon mein Gepäck. Für einen Aufzug ist keine Zeit. Der Zug kommt pünktlich und ist voll. Reisende wollen nach Düsseldorf. Ich schiebe den Koffer in den Regionalexpress und habe das Vorderrad eines Rentners in den Kniekehlen.

Ich bleibe in Düsseldorf und schwinge mit den Bahnleuten. Du kannst es nicht ertragen. Wenn der Zug bremst, bremst mich das E-Bike. In Düsseldorf angekommen, spiele ich kurz mit dem Gedanken, meinen Koffer zuzumachen und ohne Gepäck nach Sylt zu fahren. Zu groß und klobig. Aber die Aussicht, ohne Wechselklamotten und Toilettenartikel in Westerland zu sein, ermutigt mich, meinen Koffer weiter mit mir zu tragen. Haltet durch, schwingt zusammen. Die 20 Minuten am Bahnhof nutze ich zum Frühstücken. Ein Stehbrötchen und ein Kaffee, bis der nächste Regionalexpress mit leichter Verspätung am Bahnhof eintrifft. Der RE2 durchquert das Ruhrgebiet nach Osnabrück und ich setze mich mit meinem Koffer hin.

16 Bilder Ab sofort reisen Sie mit dem 9-Euro-Ticket günstig durch ganz Deutschland
Foto: dpa / Sven Hoppe

Endlich etwas entspannen. Ich bin auf diesem Platz 2 Stunden voraus und tue alles, was Sie im Zug können. Ich höre Musik, ich lese, ich schaue meine Mitreisenden an. Reisende sind langweilig, aber mich stören sie auch nicht. In Gelsenkirchen steigt eine Schulklasse in den Zug. Dies ist die Aktion, die Sie auch nicht wollten. Musik wird aus Handys gespielt, Kinder sprechen und wechseln im Minutentakt die Plätze. In Recklinghausen bricht die Schulklasse auf und mit ihm mehrere Reisende. Jetzt leert sich der Zug und ich versinke in meinem Buch.

Osnabrück um 9.10 Uhr morgens hat fast etwas Gemütliches. Es gibt nicht so viele Reisende und Touristen tauchen langsam auf. Die meisten haben einen kleineren Koffer als ich und vor allem einen leiseren Koffer. Meine schwarze Schubkarre hat harte Räder und macht beim Ziehen ein entsprechendes Geräusch.

Ich werde mir einen neuen Koffer kaufen und meine nächste Reise nach Bremen nutzen, um gründlich zu recherchieren. Der RE 9 braucht knapp anderthalb Stunden nach Bremen. Wenn alles gut geht. Aber das tut er nicht. Der Zug hält zwischen Diepholz und Barnstorf (Han). Also auf offener Straße. Im Zug herrscht einige Minuten lang Stille, bis der Fahrer sagt, er werde bald weiterfahren. Es dauert 10 Minuten und der Zug setzt sich wieder in Bewegung. Allerdings in zügigem Tempo und nicht in gewohnter Geschwindigkeit. Da wird ein Reisender nervös. In Bremen habe ich laut Fahrplan einen 42-minütigen Zwischenstopp.

Allerdings bin ich jetzt erst 28 Jahre alt und noch nicht so weit. 5 Minuten später stehen wir wieder. Wahrscheinlich wird uns bald ein ICE überholen. Ich darf es nicht benutzen, weil das Ticket nur für Nahverkehrszüge gilt und die irgendwie immer warten. Ich schaue verträumt aus dem Zugfenster und stelle fest, dass es mehr als 7 Stunden dauern wird, bis ich nach Westerland komme. Die Sitze werden langsam unbequem und ich rutsche unruhig hin und her. Wenig später kehrt der Zug zurück und Bremen rückt etwas näher.

18 Fotos Neun-Euro-Ticket: Von Düsseldorf aus die schönsten Reiseziele Deutschlands erleben
Foto: Pixabay / Gründungscoach

Ich bin um 11.15 Uhr in der Hansestadt und die Mittagspause ist noch nicht lange her. Statt 42 Minuten bleiben mir nur 15 Minuten zum Umsteigen. Ich stocke Vorräte auf und bezahle 7 Euro für ein Brötchen und eine Flasche Wasser.

Der Zug von Bremen nach Hamburg sieht anders aus. Es ist das Metronom, eine Privatbahn in Norddeutschland. Das bringt Abwechslung in den Reisetag. Von Hamburg aus sind es nur 45 Minuten, wenn der Zug nicht vor Rotenburg an der Wümme hält. Ich bin nicht verärgert. Irgendwann wirst du sparsam und langweilig. Jetzt regnet es draußen wie aus Eimern und ich bin froh, im Zug zu sitzen und nicht nass zu werden. Zur Motivation schaue ich mir das Wetter auf Sylt an: 22 Grad und Sonne. Kurz vor Hamburg bleibe ich im Zuggang stehen. Ich kann nicht mehr sitzen.

Ich möchte nur mit dem Zug fahren. Aber der Koffer hält mich zurück, also mache ich einfach ein paar Dehnübungen auf dem Sitz neben mir. Es mag albern klingen, aber es entlastet vorübergehend Ihre Beine und Ihren Rücken. Der Transfer nach Hamburg ist hektisch. Aus den geplanten 23 Minuten wurden durch ungeplante Verspätungen vor Rotenburg nur noch 3 Minuten. Zum Glück muss ich nur auf den gegenüberliegenden Bahnsteig und schon wartet dort der Zug nach Elmshorn auf mich. Es ist 13:06 Uhr und von hier aus sind es noch 4 Stunden bis Westerland und ich fahre seit 6 Stunden. Ich habe die Strecke unterschätzt. Der Zug ist komplett überfüllt.

Ich finde keinen Sitzplatz und bleibe im Fahrradabteil. Um mich herum sind Reisende, die eine Kreuzfahrt machen wollen. Jeder hat einen Koffer und die richtige Kleidung. Bunte Chinos, karierte T-Shirts und lässige Pullover über den Schultern. Ein Reisender aus Hannover erzählt mir, dass es mit dem Boot „Rund um Oslo“ möglich ist. Viele Passagiere können ihre Taschen nicht physisch bewegen. Ich helfe wo ich kann und bin froh in Elmshorn wieder umsteigen zu können. Hier wartet der letzte Zug des heutigen Tages auf Sie.

Der RE6 geht nach Westerland und ist ebenfalls prall gefüllt. Dieser Zug braucht zweieinhalb Stunden und fährt einmal durch Schleswig-Holstein. Sitzen will ich nicht, aber so weit weg wie Westerland will ich auch nicht sein. Ein Dilemma. Ich suche einen der wenigen Plätze, die noch frei sind und bereite mich vor. Nach zweieinhalb Stunden konnte ich einen guten Platz für meinen Koffer sichern und fand auch einen sehr bequemen Platz für mich.

Ich schließe langsam meine Augen und versuche zu schlafen. Ich schlafe sehr schnell ein, bis 10 Minuten nach Abfahrt ein ohrenbetäubender Gong für den RE ertönt. Der Fahrer begrüßt die zugestiegenen Fahrgäste und wünscht ihnen eine gute Fahrt. Leider bekomme ich davon nicht viel mit, da das Lautsprechersystem so hart aufgestellt ist, dass ich oft aus dem Repeat-Modus geholt werde. Heide, Lunden, Friedrichstadt, Husum, Bredstedt, Langenhorn – jede Haltestelle wird mit einem Gong angekündigt. An manchen Haltestellen hält der Zug lange. Das ist geplant und steht auch im Kalender. Perfekte Gelegenheit, um die Füße auf der Plattform zu strecken. Die Sonne ist da und der Zug ist inzwischen aufgewärmt. Da auf allen Bahnen noch eine Maskenpflicht besteht, wird es jetzt langsam ungemütlich, vor allem im Gesicht. Die Gummibänder an meiner FFP-2-Maske wurden bereits in meinen Ohren abgeschnitten. Es gibt jetzt leichte Luftprobleme. Klanxbül ist die letzte Station auf dem Kontinent. (Vielen Dank für die Tipps. Ursprünglich hatten wir Morsum hier zur letzten Festlandstation erklärt.)

Ab sofort drücken alle Reisenden ihre Nase ans Fenster. Es ist schon etwas Besonderes, wenn der Zug über den Hindenburgdamm nach Sylt fährt. Wir sehen das Meer und allen ist trotz Maske die Erleichterung im Gesicht anzusehen. Das Meer ist für mich der Lohn von mehr als 10 Stunden Bahnfahrt. Sondern im Zug sitzen, auf dem Bahnsteig rennen, mit dem verdammten Koffer schleppen. Ach, wie schön ist es. Kaum waren wir zum Hindenburgdamm gefahren, kamen wir genauso schnell wieder runter.

Westerland kommt nach Keitum an und die lange Zugfahrt soll um 17.05 Uhr enden. Die Massen strömen aus dem Zug. Alle mit Koffern auf Rädern, die auf dem Kopfsteinpflaster laut klingen. Alle wollen so schnell wie möglich ins Hotel. Ich auch. Ich bewege meinen steifen Körper in der Fußgängerzone von Westerland. Allerdings zieht der laute Koffer bei den vielen Touristen in den Straßencafés nervige Blicke auf sich. Jetzt ist es mir egal und ich gehe einen Schritt schneller. Nach 10 Minuten zu Fuß kam ich in meinem Hotel an. Mehr als 11 Stunden nachdem ich das Rheinland verlassen habe, bin ich erschöpft und habe keine Lust mehr. Die Schönheit der Insel ist mir im Moment scheißegal. Sylt ist eine Reise wert. Aber nie wieder mit öffentlichen Verkehrsmitteln!

Informationen Meine Reise nach …

Leave a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *