Beitritt Schweden/Finnland – Nato-Blockade: “Erdogan braucht innenpolitischen Erfolg”

Die Türkei lehnt den Beitritt Schwedens und Finnlands zur NATO ab. Deshalb finden heute in Ankara Gespräche zwischen den drei Ländern statt. Aber laut Journalist Thomas Seibert in Istanbul will Erdogan auch etwas von den USA.

Thomas Seibert

Journalistin in der Türkei

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Thomas Seibert ist seit 1997 deutscher „Tagesspiegel“-Korrespondent in Istanbul und berichtet auch für andere Medien, darunter Radio SRF.

SRF News: Worüber reden schwedische, finnische und türkische Regierungsvertreter in Ankara?

Thomas Seibert: Die Türkei wirft den beiden nordeuropäischen Ländern eine zu große Nähe zur kurdischen PKK und ihrer syrischen Schwesterorganisation YPG vor: Schweden und Finnland haben PKK-Mitglieder aufgenommen und würden die beiden Organisationen auch finanziell unterstützen, alle und die PKK in der EU als terroristische Organisation eingestuft. Ankara will nun schriftliche Garantien, dass die Unterstützung endet, und Schweden und Finnland sollten ihr Waffenembargo gegen die Türkei aufheben.

Wie stehen die Erfolgsaussichten bei der heutigen Sitzung?

Die Türkei hat ihre zuvor harte Position in den letzten Tagen etwas aufgeweicht. Präsident Recep Tayyip Erdogan lässt nun Gespräche zu und signalisiert Verhandlungsbereitschaft. Zudem wird nicht mehr gemunkelt, dass Schweden 30 unter Terrorverdacht stehende Kurden an die Türkei ausliefert.

Nato-Chef Stoltenberg wartet auf eine Einigung

Wird der Weg von Finnland und Schweden zur Nato also bald frei sein?

Das kann man nicht sagen, denn die Türkei sorgt sich nicht nur um Finnland und Schweden, sondern auch um Zugeständnisse der USA: Erdogan hat eine neue Militäroffensive gegen die mit den USA verbündete YPG in Nordsyrien angekündigt.

Auch Erdogan will Zugeständnisse der USA.

Er fordert, dass die Vereinigten Staaten die Unterstützung der YPG einstellen, die gegen Terroristen des Islamischen Staates kämpft. Das türkische Vorgehen in Nordsyrien öffnet neue Bruchstellen im Streit mit den USA, und Erdogan nutzt den Nato-Streit weiter für seine eigene Sache.

Gleichzeitig ist der Streit der Türkei mit dem benachbarten Griechenland – ebenfalls Nato-Mitglied – auf seinen Höhepunkt zurückgekehrt. Worum geht es?

Während eines kürzlichen Besuchs in den Vereinigten Staaten forderte Premierminister Kyriakos Mitsotakis den US-Kongress auf, keine Kampfflugzeuge an die Türkei zu liefern; jetzt ärgert sich Erdogan darüber. Er fordert die USA auf, sich zur Lieferung von F16-Kampfflugzeugen zu verpflichten, bevor sie die NATO-Expansion nach Norden akzeptieren.

Streit um amerikanische F-16-Flugzeuge

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Bildunterschrift: Schlussstein

2019 stoppten die USA eine geplante Lieferung von F-35-Kampfflugzeugen an den Nato-Partner Türkei, nachdem Erdogan das russische Raketenabwehrsystem S-400 erworben hatte. Washington wollte verhindern, dass die Russen das zum Verteidigungssystem gehörende Radarsystem nutzen, um Informationen über den Stealth-Kampfjet zu erhalten. Die Türkei änderte später ihre Kaufanfrage an die USA für den F-16-Jet, der noch nicht von Washington genehmigt wurde. (sda)

Warum ist Erdogan so gegen eine Nato-Erweiterung?

Es braucht viel Erfolg in der Außenpolitik, um der schwindenden Unterstützung in der Türkei entgegenzuwirken. Die Inflation liegt bei 70 Prozent, die türkische Lira ist immer weniger wert.

Erdogan braucht etwas aus Schweden, Finnland und den USA, das er als Erfolg präsentieren kann.

Erdogan will sich als Anführer einen Namen machen, der dem ganzen Westen gegenüberstehen kann. Deshalb führt er öffentlich den Nato-Streit. Erdogan braucht etwas aus Schweden, Finnland und den USA, das er als nationalen Erfolg präsentieren kann.

Wie sensibel ist dieses Pokerspiel gegenüber Erdogan bundesweit?

Du musst den richtigen Zeitpunkt zum Springen finden, sonst kann es bei dir schief gehen. Erdogan hatte bereits einen großen Streit mit dem ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump, wonach Trump damit drohte, die türkische Wirtschaft zu “zerstören”. Dann lenkte Erdogan ein.

Die Nato will den Streit auf ihrem Gipfel in Spanien Ende Juni beilegen.

Das heutige Treffen mit den schwedischen und finnischen Vertretern wird zeigen, wie es im aktuellen Fall weitergeht. Doch die Frist ist praktisch gesetzt, denn die Nato will den Streit auf ihrem Gipfel in Spanien in einem Monat beenden. Die nächsten Wochen werden also spannend.

Vera Deragisch führte durch das Gespräch.

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