WEF-Bilanz: Tiefe Sorgen, fehlende Instrumente und etwas Optimismus

Christian Kolbe, Lea Hartmann, Fabienne Kinzelmann und Nicola Imfeld

Die Sonne scheint am ersten Tag des Jahrestreffens der Ausgabe 2022 des Weltwirtschaftsforums und auch am letzten. Dazwischen liegen ein paar nasskalte Tage, die gut zur aktuellen Weltlage passen. „Die Stimmung in Davos ist optimistisch mit vielen Sorgen“, fasst Ökonom Erik Brynjolfsson (60) die Stimmung vieler Teilnehmer zusammen. „Das klingt nur nach einem oberflächlichen Widerspruch. Denn viele Menschen haben auf lange Sicht viel Selbstvertrauen, aber es gibt noch viele Probleme, die früher gelöst werden müssen.“

Nur dieses Jahr in kleinerem Rahmen, wie Christoph Mäder (62), Präsident von Economiesuisse, betonte: «Es waren viel weniger Leute am WEF als sonst.» Das Interesse an einem Treffen in Davos GR ist aber weiterhin gross.

Krone ist fast vergessen

„Alle Sitzungen waren vom Krieg überschattet“, spricht Zentralnationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter (58) das beherrschende Thema an. Damit verbunden ist die immer noch uneingeschränkte Solidarität mit der Ukraine. „Die fast einhellige Meinung in diesem Forum ist, dass der Westen die Pflicht hat, die Ukraine auf jede erdenkliche Weise zu unterstützen, weil sie in diesem Kampf auch für uns kämpfen“, sagt der lettische Präsident Egils Levits (66).

Interessant: Corona ist aus dem Elite-Sorgenbarometer des WEF fast verschwunden. „Allerdings war die Stimmung gedrückt, nicht ungewöhnlich bei all diesen schlimmen Themen wie Krieg, Inflation, Klimawandel oder Nahrungsmittelknappheit“, fasst Stéphane Bancel, 49, CEO von Moderna, die Jahrestagung zusammen. Die Pandemie erwähnt er nicht, obwohl sein Impfstoff spätestens im Herbst wieder stark nachgefragt sein dürfte.

Benachteiligter Süden

Alle Beteiligten haben im Vorfeld mehr oder weniger tiefe Sorgenfalten. “Es ist schön, sich wiederzusehen. Verstörend, all die Gefahren, denen die Welt ausgesetzt ist. Die zweite Jahreshälfte wird schwierig”, sagte Alain Dehaze, 59, CEO von Adecco. Ian Bremmer (52) spricht das Gefühl der Ohnmacht an viele: „Das Treffen war noch nie so von geopolitischen Themen geprägt. Und im Gegensatz zum Treffen von 2009 gibt es nach der Finanzkrise keine Instrumente, um alle problematischen Punkte zu bekämpfen.

Ugandas 25-jährige Klimaaktivistin Vanessa Nakate schlägt einen Perspektivwechsel vor: „In den Gesprächen ging es darum, wie man die Gewinne steigert und nicht, wie man die Umwelt schützt. Niemand sprach über die Interessen des globalen Südens. Es geht immer darum, den Wohlstand des reichen Nordens zu sichern.“

Weltwirtschaftsforum 2022 in Davos

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