Ist es stigmatisierend, wenn als Folge des Affenpocken-Ausbruchs behauptet wird, schwule Männer seien derzeit besonders betroffen? Ein Sprecher der Deutschen Aidshilfe hatte kürzlich kritisiert, dass nicht der Eindruck erweckt werden dürfe, nur Schwule könnten sich anstecken oder seien gar an der Ausbreitung schuld, so Holger Wicht. Er fand in einem FAZ-Podcast heraus, dass das Wort „Risikogruppe“ so zu verstehen sei, dass schwule Männer ein besonderes Risiko darstellen würden.
Gemeint ist aber, dass diese Männer ein besonderes Ansteckungsrisiko haben. Dies wurde am Freitag von Wissenschaftlern auf einer Pressekonferenz im Science Media Center (SMC) bekräftigt, die über den aktuellen Forschungsstand zur Verbreitung des Affenpockenvirus berichteten. Die aktuelle Risikogruppe muss gewarnt werden können, damit sie im Verdachtsfall Vorsorge treffen und rechtzeitig einen Arzt aufsuchen kann, auch um die Ausbreitung zu stoppen.
“Bestimmtes Verhalten, das derzeit die Ausbreitung fördert”
„Wir haben einen gewissen Fokus auf den Ausbruch und auch ein bestimmtes Verhalten, das die Ausbreitung derzeit begünstigt“, sagt Clemens Wendtner, Chefarzt des Münchner Klinikums Schwabing, das den ersten deutschen Patienten behandelt. Der Brasilianer ist klinisch stabil und wird nur im Krankenhaus abgestellt, weil er nicht in Deutschland lebt und eine Hotelunterkunft wegen Quarantäne nicht geeignet ist.
Mittlerweile wandeln sich bekannte pockenähnliche Krätze auf der Haut, die ebenfalls ansteckend sein können.
Es gebe derzeit „eine generelle Ausbreitung von Affenpocken nach ungeschütztem Sex ohne Schutz, also haben wir ein gewisses Muster, und ich sage das bewusst unabhängig vom Geschlecht“, so Wendtner weiter, „denn die Virusinfektion kann prinzipiell jeden treffen, aber im Fokus steht derzeit in der MSM-Szene.“
Affenpocken: Männer, die Sex mit Männern haben, sind eine Risikogruppe
Das heißt: Männer haben Sex mit Männern. „Es geht um den Schutz dieser Gruppe, darüber machen wir uns viele Gedanken“, sagt Wendnter und betont gleichzeitig: „Es würde mich nicht wundern, wenn wir in naher Zukunft die Infektion bei Frauen sehen würden.“ Begrenzte Szene, “aber riskantes Verhalten führt unabhängig vom Geschlecht zu einer Ansteckung.”
Offenbar bedeutet riskantes Verhalten meistens: ungeschützter Sex. Denn Wissenschaftler konnten das Affenpockenvirus nun auch im Sperma von Infizierten nachweisen, wo es beispielsweise in höheren Konzentrationen als im Blut vorlag.
Wichtig sei aber, dass die Daten noch sehr unzureichend seien, sagt Roman Wölfel, Leiter des Instituts für Mikrobiologie der Bundeswehr, ebenfalls in München. Die Übertragung soll nicht durch Sperma erfolgen, sondern kann auch durch Tröpfchen- oder Schmierinfektion ausgelöst werden: „Tatsächlich ist schon enger Körperkontakt gefährlich“, sagt Wölfel, „und bei Kindern ist das Sperma definitiv nicht der Übertragungsweg, aber enger Kontakt. “
Eine andere Sorge treibt Wissenschaftler in diesem Zusammenhang um: „Wenn sich die öffentliche Diskussion in Richtung Stigmatisierung entwickelt“, sagt Gérard Krause, Leiter der Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig, seien einige Länder in Versuchung geraten, generell ein Problem mit Homosexualität zu haben Verdachtsfälle nicht zu melden, indem man sich auf diese Risikogruppe konzentriert. „Es wäre schlimm“, sagte Krause, „wenn die Ausbrüche in einzelnen Ländern aus Angst vor Stigmatisierung nicht gestoppt werden könnten, weil sie nicht zugeben wollten, dass sie auch Fälle hatten.“
In Deutschland sieht er die Gefahr nicht, aber HIV war vor 40 Jahren auch in einzelnen Ländern ein Problem.
Wolfgang Weihs/dpa
Seit dem Ende der Pockenimpfung – die erste Impfpflicht wurde in der BRD 1976 und in der DDR 1982 aufgehoben – sind immer weniger Menschen gegen das Pockenvirus immun.
Affenpocken: Laut dem Wissenschaftler liegt der R-Wert wahrscheinlich unter 1
Auf die Frage, welcher R-Wert derzeit auf Affenpocken angewendet wird, wiederholte Mirjam Kretzschmar, eine Expertin für mathematische Krankheitsmodellierung in den Niederlanden, dass die verfügbaren Daten für die Modellierung noch nicht ausreichten. Es hat jedoch eine Wiedergabezahl von weniger als 1.
„Die Pockenimpfung wirkt auch gegen Affenpocken“, sagt Kretzschmar. Ältere Menschen, die bis 1982 gegen menschliche Pocken geimpft wurden, hätten wahrscheinlich immer noch einen 85-prozentigen Immunschutz gegen die neue Ausbreitung des Virus.
Auf die Frage, ob sich das Affenpockenvirus nur an den Menschen anpasse, sagte Wendtner, die Mutationsbereitschaft sei „deutlich geringer als die von RNA-Viren“, und Wölfel ergänzte: „Die Daten des Genoms, die wir jetzt von Patienten haben, werden derzeit untersucht sind sehr große Genome, im Gegensatz zu Corona.“ Bislang seien keine großen Veränderungen im Erbgut zu beobachten, „aber sehr kleine Veränderungen an der falschen Stelle können zu großen Veränderungen führen.“ Das sei noch Gegenstand der Forschung.
Inzwischen ist die Zahl der Infizierten in Berlin auf elf gestiegen, berichtete der Tagesspiegel in seinem Tagesbulletin Checkpoint. Auf Anfrage der Berliner Zeitung war diese Zahl zum Zeitpunkt der Pressemitteilung noch nicht vom Robert-Koch-Institut und dem Landesgesundheitsamt bestätigt worden. Die Zahl der offiziell Infizierten weltweit hat am Freitag die Marke von 300 überschritten.
Das erste infizierte Kind befindet sich nun in Kanada. In Deutschland hatten vor allem Eltern in den sozialen Medien ihre Befürchtung geäußert. Doch gerade wegen der hohen Säuglingssterblichkeit in Afrika bestehe eine Gefahr für Kinder, betont Wendtner. Kinderärzte hätten hierzulande bereits deutlich gemacht.
Ganz wichtig sei es auch, die Gefahrenlage nicht falsch zu verstehen, so Wölfel: „Die Pocken des Affen sind nicht die echten menschlichen Pocken, sie sind viel leichter.“ „Menschliche Krankheit“, das ist nicht vergleichbar mit den aktuellen Ereignissen um Affenpocken. Deshalb können die Maßnahmen von damals nicht als Referenz für aktuelle Überlegungen zur Eindämmung oder Impfung herangezogen werden.“ Es wäre ein Fehler, die alten Planungen zu entfernen Katastrophen- oder Pockenimpfung in den letzten Jahrzehnten“, sagt Forscher Helmholtz.
Stattdessen gehe es jetzt darum, „Menschen so eng wie möglich zu verfolgen und international gut abzustimmen“, sagt Krause. Daraus leiten sich die Risikoprofile und die Hauptübertragungswege ab und daraus wiederum Empfehlungen und mögliche Maßnahmen. Molekularbiologische Arbeiten sind ebenfalls sehr wichtig, weil sie Hinweise zur Erklärung dieser international auftretenden Fälle liefern.