– Die Zeiten des billigen Stroms sind vorbei
Nächstes Jahr wird die Stromrechnung teurer. Es ist das Ende einer Ära, denn Strom wird in Zukunft voraussichtlich mehr kosten. Die Gründe.
Gepostet: 02.06.2022, 11:59
Wer viel Strom verbraucht, muss deutlich mehr bezahlen: Die durchschnittliche Stromrechnung eines Haushalts erhöht sich um rund 180 Franken.
Foto: Steffen Schmidt (Keystone)
2023 wird unser Strom teurer. Das bestätigt die Eidgenössische Elektrizitätskommission (Elcom), die eine Umfrage bei den Elektrizitätsversorgungsunternehmen durchgeführt hat. Für ein Fünf-Zimmer-Haus mit einem Jahresverbrauch von 4.500 Kilowattstunden prognostiziert die Aufsichtsbehörde in einem möglichen Szenario eine Steigerung von derzeit 21 Cent auf knapp 25 Cent pro Kilowattstunde.
Laut Elcom erhöht sich dadurch die jährliche Stromrechnung für diese Haushalte um durchschnittlich 180 Franken. Dies wird durch andere Umfragen bestätigt, die ähnliche Preiserhöhungen beinhalteten. Branchenvertreter gingen bereits vor Wochen davon aus, dass der Preis um durchschnittlich 20 Prozent steigen würde.
Nicht alle Haushalte werden mit der gleichen Schwere betroffen sein. Denn entscheidend ist, wie viel Strom der eigene Versorger produziert und wie man ihn an der Strombörse eingekauft hat. Stromproduzenten mit viel Eigenproduktion werden ihre Tarife wahrscheinlich nicht so stark erhöhen. Es ist sogar möglich, dass einige Anbieter ihre Stromtarife nicht erhöhen, wie die Berner Elektrizitätsgesellschaft BKW mitteilt.
Aber der Trend ist klar: Strom wird teurer. Der Preis ist in den letzten Jahren relativ stabil geblieben. Mit dem starken Anstieg im nächsten Jahr geht die Ära der günstigen Stromtarife zu Ende.
„Strom ist schon lange sehr günstig“, sagt Nadine Brauchli vom Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen. Das ändert sich jetzt. Die meisten Vereinsmitglieder kaufen die Energie, die sie für ein Jahr benötigen, in mehreren Raten über einen Zeitraum von zwei bis drei Jahren. Das heißt: Der Strom des laufenden Jahres wurde in den Jahren 2019, 2020 und 2021 eingekauft. Der Preis, der schließlich beim Endkunden ankommt, steht in direktem Zusammenhang mit dieser Einkaufsstrategie.
Das bedeutet, dass auch die nächsten Jahre teuer werden. Denn Strombezüge für 2024 kommen aus den Jahren 2021, 2022 und 2023. Und 2022 ist ein teures Jahr, um Energie einzukaufen. Folglich geht Brauchli davon aus, dass es für die Kunden 2024 und 2025 mindestens so teuer wird wie im nächsten Jahr.
Die Strombörsen gehen von anhaltend hohen Preisen aus
Wie es darüber hinaus gehen könnte, zeigt sich an den Strombörsen. „Bis Ende des Jahrzehnts werden die Preise an den Strombörsen im Vergleich zum heutigen Niveau etwas sinken, aber hoch bleiben“, sagt Thomas Weber, Senior Energy Economist bei Axpo. In diesen Börsen werden Stromversorger mit der Energie versorgt, die sie zur Versorgung ihrer Kunden benötigen.
Der Grund für anhaltende Börsenkurse: „Die Börsen gehen nicht davon aus, dass Europa bis zum Ende des Jahrzehnts wieder billiges russisches Gas in Strom umwandelt“, sagt Weber. Gas ist ein wichtiger Energieträger im europäischen Stromnetz. Vor allem in Deutschland wird viel Strom aus Gas erzeugt. Wenn Gas teurer wird, wird auch Strom teurer.
Auch im Stromhandel herrscht laut Weber eine allgemeine Verunsicherung. “Es ist nicht vorhersehbar, wie sich Russland verhalten wird. Das ist eine zusätzliche Belastung.”
Nebst dem Anstieg der Strompreise hat sich die Elcom am Donnerstag auch zum Thema Versorgungssicherheit geäussert. Neben der Verfügbarkeit der heimischen Produktion aus Kernkraft ist die Exportkapazität der Nachbarländer entscheidend für die Versorgungssicherheit im nächsten Winter, wie Elcom betont. Die Bundesbehörde erwartet im kommenden Winter nur begrenzte Importe von Atomstrom aus Frankreich. Daher muss der Bedarf der Schweiz in den Wintermonaten hauptsächlich durch Importe aus Deutschland, Österreich und Italien gedeckt werden. Im schlimmsten Fall könnte dies zu mangelnder Versorgungssicherheit führen. Dafür müssten allerdings mehrere Dinge zusammenkommen. Zum Beispiel, dass Schweizer Kernkraftwerke unerwartet ausfallen und sich die Gasverfügbarkeit wieder deutlich verschlechtert. (sda / phf)
Weitere Faktoren treiben die Preise: Weber nennt den CO₂-Preis, der Strom aus nicht erneuerbaren Quellen verteuert. Gleichzeitig kämpft Frankreich derzeit mit der Produktion seiner Atomkraftwerke. „Das ist ein weiteres Problem in einem Berg von Schwierigkeiten“, sagt Weber. Ein deutlich beschleunigter Ausbau der Erneuerbaren könnte dämpfend wirken, aber das glauben die Börsen offenbar nicht wirklich.
Die Stromnetzkosten dürften steigen
Der Strompreis, den wir zahlen, hängt nicht nur vom Energiepreis selbst ab. Vielmehr besteht sie aus drei Hauptkomponenten: Energie, Netzkosten und Steuern.
Der Ausbau der erneuerbaren Energien erfordert mehr Investitionen in das Netz. Der Bau von Photovoltaikanlagen in Einfamilienhäusern erfordert ein stärkeres Netzwerk. Denn wenn viele kleine Anlagen viel Strom auf einmal ins Netz einspeisen, muss es robuster sein als noch vor zehn Jahren, als die eingebrachten Mengen viel kleiner waren. Costa.
Bezogen auf die Gesamtausgaben eines typischen Haushalts ist der Stromanteil gering. Die Löhne sind in den letzten Jahrzehnten weit stärker gestiegen als die Strompreise. Der aktuelle Anstieg stellt jedoch einen Wendepunkt dar und treibt die ohnehin schon steigende Inflation voran. Von hohen Strompreisen sind nicht nur Privathaushalte betroffen, sondern auch Gewerbebetriebe. Letztendlich wird dies zu teureren Waren und Dienstleistungen führen.
Wie stark der Preis bis 2023 tatsächlich steigen wird, lässt sich erst im September mit Sicherheit sagen. Am 31. August müssen die einzelnen Unternehmen ihre Preise der Elcom mitteilen. So werden im September die Endpreise für das Folgejahr veröffentlicht.
Philipp Felber-Eisele ist Wirtschaftsverleger bei Tamedia. Berichte zur Wirtschaftspolitik direkt aus dem Bundesbern. Der Germanist und Historiker ist seit 2019 Journalist bei Tamedia.
Weitere Informationen @ felbereiseleGepostet: 02.06.2022, 11:59
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