AfD-Abgänge: „Auffangbecken für Verlierer, Gangster, Minderbemittelte“

Wer 2022 einen Rechtsruck der AfD beklagt, kommt zu spät. Mehr als sieben Jahre ist es her, dass der erste Bundespräsident Bernd Lucke die Partei mit der Behauptung verließ, er wolle nicht “als bürgerliche Figur” für “fremdenfeindliche Meinungen” und eine “prorussische Außenpolitik” missbraucht werden. .

Die damalige Co-Präsidentin Frauke Petry folgte ihm nach der Bundestagswahl 2017 und sprach von einer „Radikalisierung“. Der damalige Parteivorsitzende Jörg Meuthen war im Januar dieses Jahres mit dem Vorwurf zurückgetreten, Teile der Partei würden „nicht auf der freiheitlich-demokratischen Grundordnung beruhen“.

Als die AfD Mitte Juni zum Bundesparteitag in Riesa zusammentrat, konnte das ehemalige Meuthener Lager keinen einzigen Sitz in der neuen Parteispitze besetzen. Der rechtsextreme Parteichef Tino Chrupalla hat sein Team fast vollständig für den neuen Bundesvorstand gedrängt. Auch der formell aufgelöste rechtsextreme Flügel erzielte Erfolge bei der Delegiertenversammlung.

Analyse des Parteitags

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Seitdem hat die AfD weitere Mitglieder verloren. Am Dienstag sind nur noch 28.636 Mitglieder übrig. Vor einem Jahr gab die Partei ihre Mitgliederzahl mit 31.000 an. Zu den Verlusten gehören auch Mitgliedschaften, die aufgrund von Nichtzahlung oder Tod gekündigt wurden. Nach Angaben eines AfD-Sprechers sind seit dem Riesaer Parteitag 98 Mitglieder ausgetreten. Demnach haben mindestens 26 dieser Aktivisten die Partei aufgrund interner Prozesse oder politischer Gründe verlassen. Alle anderen gaben persönliche Gründe an oder nicht.

Das Besondere: Unter den Ausgetretenen befinden sich nicht nur ordentliche Mitglieder, sondern auch zahlreiche kommunale Mandatsträger.

Ausgerechnet Niedersachsen

Besonders viele Rücktritte von Mandatsträgern kommen aus Niedersachsen aus allen Orten. Dort wird im Oktober ein neuer Landtag gewählt. Mit Christopher Emden trifft die Austrittswelle sogar einen Landtagsabgeordneten. Das Rücktrittsschreiben von Anfang Juli liegt WELT vor.

Der Abgeordnete Christopher Emden wird die AfD zum 31. Juli verlassen

Die: Bild Allianz / dpa

Er sagt: “Das Match wird zu einem Treffpunkt für Verlierer, Gangster und weniger Begüterte.” Und weiter: “Diese Partei ist keine Alternative, sie ist der Abgrund für Deutschland.” Sie ist nicht nur entbehrlich, sie ist durch die wachsende Radikalisierung vieler Mitglieder sogar gefährlich für unser Land“, so Emden weiter. Kurz zuvor hatte sich Emden bei der Nominierungsversammlung vergeblich um einen aussichtsreichen Listenplatz für Landtagswahlen beworben .

Lesen Sie hier den vollständigen Text des Rücktrittsschreibens von Christopher Emden

Auch zwei Direktkandidaten vor der nächsten Landtagswahl haben die Partei verlassen. Auch Cloppenburgs Direktkandidat für den Wahlkreis, Hans-Ulrich Böckmann, trat Anfang Juli kurz nach einer erfolglosen Bewerbung um einen Listenplatz zurück. Kurz darauf kehrte der bisherige Direktkandidat des Wahlkreises Cloppenburg-Nord, Markus Kühter, der Partei ohne Angabe von Gründen den Rücken.

Im niedersächsischen Emsland traten vergangene Woche mit Jens Schmitz und Ludger Vahle die einzigen Kreistagsabgeordneten zurück. Die AfD gehe in Bund und Ländern “weiter rechts”, sagte Schmitz gegenüber WELT. Schmitz ist ehemaliges Vorstandsmitglied des AfD-Kreisverbandes Ems-Vechte. Der harschen Kritik des Landtagsabgeordneten aus Emden schließt er sich an: „In Niedersachsen ist die AfD nur ein Treffpunkt für Narzissten und Opportunisten“, sagt er. Es geht nur noch um wirtschaftliche Vorteile für die Menschen, die politische Arbeit wird komplett aufgegeben. “Die ‘Altersvorsorge für Debile’ (AfD) ist in Niedersachsen treffsicherer.”

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Künftig wird es keinen AfD-Vertreter mehr im Rat der Samtgemeinde Harpstedt (Kreis Oldenburg) geben. Stadträtin Dayne Conrad ist letzte Woche aus der Partei ausgetreten. „Der gemäßigte Kurs, den ich innerhalb der AfD immer vertreten habe, ist seit Meuthens Austritt nicht mehr an der Parteispitze vertreten“, sagte Conrad WELT. „Ich hätte mir ein klares Bekenntnis zu einem gesellschafts- und koalitionsfähigen Kurs gewünscht.“ Insgesamt aber hat die niedersächsische AfD in diesem Monat fast 20 neue Mitglieder gewonnen.

Einige folgen Meuthen ins Mittelspiel

Auch in Nordrhein-Westfalen sind zuletzt mehrere Kommunalpolitiker zurückgetreten. In Mönchengladbach beispielsweise verließen Anfang Juli drei Stadträte aus der bisherigen vierköpfigen Fraktion die AfD. Sie traten der konservativen Christlichen Zentrumspartei bei, der der frühere AfD-Chef Meuthen Mitte Juni beitrat. „Leider haben konservativ-bürgerliche Abgeordnete angesichts der immer offenkundigeren Ausrichtung der AfD auf das ethnisch-nationale Spektrum keine Gestaltungsmöglichkeiten mehr“, sagte Stadträtin Corina Bülow.

Bei seinem Eintritt in die Zentrumspartei kündigte Meuthen an, sie solle kein Treffpunkt für ehemalige AfD-Mitglieder werden. Im Interview mit WELT sagte er nun, dass seit dem Beitritt fast 20 ehemalige AfD-Mitglieder dem Zentrum beigetreten seien. „Natürlich gab es weitere Beratungen. Aber hier gehen wir sehr restriktiv vor“, sagt Meuthen. „Wir wollen nicht werden, was die AfD versäumt hat. Die AfD liegt jetzt so richtig, dass die Beobachtung des Verfassungsschutzes nicht mehr überrascht.“

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Zentrumsparteichef Christian Otte antwortete auf die Anfrage mit einer anderen Nummer. Seit Meuthens Beitritt seien „etwa 50 Mitglieder mit ehemaligen AfD-Zugehörigkeiten in die Partei eingetreten, darunter zehn gewählte Kommunalvertreter“, sagte er. Fünfzehn weitere Beitrittsanträge von AfD-Mitgliedern wurden abgelehnt. Zwölf ehemalige Mitglieder der AfD, darunter sechs kommunale Mandatsträger, befinden sich derzeit im Aufnahmeverfahren.

In Kempen verliert auch die AfD ihren einzigen gewählten Vertreter. Wie die „Rheinische Post“ vergangene Woche berichtete, verließ Stadtrat Peter Müller die Partei, unter anderem aufgrund von Äußerungen des Bundestagsabgeordneten Matthias Helferich, der in geleakten Chat-Nachrichten als „gesichtsfreundlicher Nazis“ bezeichnet wurde.

Auch Gabriele Walger-Demolsky, NRW-Landtagsabgeordnete und bis Mai 2022 Flügelkritikerin, ist nach WELT-Informationen nach dem Bundesparteitag in Riesa zurückgetreten. Gleiches gilt für den Leiter des Verwaltungsressorts der Abgeordneten der Bundesgeschäftsstelle der AfD: Er trat zurück und trat zurück.

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NRW-AfD-Landespräsident Martin Vincentz sagte, sein Landesverband habe seit dem Parteitag keine nennenswerten Zu- oder Abgänge registriert. Medienaustritte seien weniger eine fundierte Analyse der Lage der Partei, sondern „eher auf große Unzufriedenheit über persönliches Versagen oder lokale Ereignisse oder den Versuch, sich gegenüber sehr negativen AfD-Darstellungen gesellschaftlich zu rehabilitieren“ zurückzuführen. Parteitage haben nie alle Strömungen gleichermaßen berücksichtigt. “Allerdings rechtfertigt das keinen generellen Rechtsruck.”

Auch im thüringischen Leinefeld-Worbis und im brandenburgischen Wriezen hat die AfD in diesem Monat Stadträte verloren. Auch ein Gründungsmitglied der AfD verließ die Partei nach dem Bundesparteitag. Die langjährige Präsidentin des Bundesschiedsgerichts, Monica-Ines Oppel, ist nach Angaben der „Süddeutschen Zeitung“ und der „taz“ Ende Juni zurückgetreten.

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Oppel macht nun erstmals seine Gründe öffentlich. „Die AfD hat den konservativen Liberalen mit ihren Personalentscheidungen und programmatischen Diskussionen auf dem Bundesparteitag in Riesa grundlos die rote Karte gezeigt. Damit hat diese Partei ihren Weg in die politische Bedeutungslosigkeit angetreten“, sagte er gegenüber WELT. AfD.

AfD-Parteichefin Alice Weidel sagte, jedes ehemalige Mitglied habe seine persönlichen und privaten Gründe für den Austritt. „Allerdings lässt sich aus der Zahl der Austritte nicht schließen, dass ehemalige Mitglieder mit der AfD-Politik nicht mehr einverstanden sind.“

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