Alexander Görlach: „Xinjiang Police Files“ zeigen den wahren Charakter Chinas

Was für eine Woche für die Herrscher von China! Xi Jinping machte drei negative Schlagzeilen. Einerseits durch das Versprechen von US-Präsident Joe Biden, dem demokratischen Taiwan im Falle eines chinesischen Angriffs militärische Hilfe zu eilen. Xi Jinping, dem die blühende Demokratie vor seiner Tür ein Dorn im Auge ist, hat wiederholt damit gedroht, den Inselstaat anzugreifen und zu besetzen, wenn er sich nicht mit der Volksrepublik “wiedervereinigt”.

Folter bis zum Geständnis: Ein Polizeireporter spricht über uigurische Folter (01:58)

Kurz darauf wurde das „Xinjiang Polizeiarchiv“ öffentlich gemacht. 14 international renommierte Medien haben Tausende von Fotos und Dokumenten, die den Terror von Xis Clique in der nordwestlichen Provinz seines Landes belegen, ausgewertet und auf Echtheit geprüft: Eine Million Menschen werden in Konzentrationslager gepfercht, gedemütigt und gefoltert. Xi Jinpings Ziel ist es, die Kultur und den Lebensstil der Uiguren auszurotten, die er als den chinesischen Han unterlegen betrachtet, und die rohstoffreiche Provinz still und heimlich auszubeuten.

Die grausame Unterdrückung der Uiguren

Der US-Kongress, das kanadische und das niederländische Parlament haben Xis grausames Vorgehen als Völkermord bezeichnet. Bereits 2019 kamen in einem weiteren Datenleck Äußerungen des Präsidenten ans Licht, der seinen Sicherheitskräften befohlen hatte, gegenüber den Uiguren „absolut keine Gnade“ zu zeigen, in der „New York Times“. Während die Männer in den Lagern versklavt werden, stehen die Schergen Pekings den Frauen gegenüber. Nicht nur Vergewaltigungen werden gemeldet, sondern auch Zwangsabtreibungen und Sterilisationen. Sie versuchen, die muslimische Volksgruppe auszugrenzen. Auch außerhalb der Lager ist die ganze Provinz in ein Gefängnis verwandelt worden, überall sind Überwachungskameras, Gesichtserkennung wird eingesetzt und die Bewohner werden gezwungen, genetische Proben zu entnehmen. Peking verkauft stolz seine Terrortechnologie an andere Diktaturen wie Simbabwe.

BBC-Konflikt: Chinesischer Botschafter verdreht uigurisches Video (1:13)

Chinas offensiver Charme für die Wirtschaft

Kürzlich wurde bekannt, dass Chinas Außenminister Wang Yi einen Besuch in zehn kleinen Inselstaaten plant. Peking hat kürzlich einen Deal mit den Salomonen abgeschlossen. Mit diesem Modell will Peking seinen Einflussbereich durch Verträge mit kleinen pazifischen Staaten erweitern: eine charmante Offensive gegen Australien, Neuseeland, Japan und die USA. Chinas Absicht dazu zeigt sich bereits im Westpazifik: Peking beansprucht Territorien in Nachbarländern, mit dem Ziel, diesen Teil des Ozeans militärisch zu beherrschen und jederzeit Einfluss auf den Welthandel nehmen zu können. Fallen die kleinen Inseln an Peking, wird ihre wirtschaftliche und politische Abhängigkeit besiegelt.

“Kultureller Völkermord”: Hunderttausende Uiguren in Umerziehungslagern in China (02:22)

Dass Peking die Echtheit der neuen Enthüllungen leugnet und sie gegenüber UN-Hochkommissarin für Menschenrechte Michelle Bachelet als „politische Manipulation“ bezeichnet, lässt keinen raschen politischen Wandel erwarten. Xi Jinping, der auf dem 20. Kongress der Kommunistischen Partei im November für eine dritte Amtszeit gewählt werden will, also auf Lebenszeit ausgehungert werden soll. und politische Säuberung gestorben.

Die Pandemie hat den Überwachungsstaat verstärkt

Xi macht vor der Überwachung und Unterdrückung der chinesischen Mehrheit nicht Halt. Das haben die Menschen in vielen Metropolen des Landes während der jüngsten Blockaden erlebt. Wenn die Partei es wünscht, werden sie in ihren Wohnungen eingesperrt, Haustüren versiegelt und ganze Wohnkomplexe abgeriegelt. Wenn etwas schief geht, bleiben sie ohne angemessene Nahrung oder Medikamente zurück. Bislang glaubten viele Chinesen, dass die Parteigeschichte, die Beschränkungen ihrer Freiheitsrechte, auch durch Gesichtserkennung und soziale Einordnung, nur der Aufrechterhaltung der Ordnung diene. Demnach würden Bürger, die Parktickets nicht rechtzeitig bezahlen, einen Rabatt bekommen. Tatsächlich erhalten aber auch regierungskritische Personen in den sozialen Medien mittlerweile negative Punkte. Die Pandemie hat die Überwachung im Land angeheizt.

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Öffentliche Kritik an Xis totalitärem Kurs gibt es nicht, obwohl die Ressentiments allmählich brechen. Als mögliche Alternative zu Diktator Xi wird unter anderem Vizepremier Han Zheng genannt. Ob es seinem Parteiflügel gelingt, Xi im Herbst aus dem Amt zu entfernen, ist fraglich. Zwar rechtfertigt die Entscheidung des US-Präsidenten, Taiwan Militärhilfe zuzusagen, nicht mehr die alten Gewissheiten. Die „Ein-China-Politik“, zu der Peking alle Länder verpflichtet hat, die mit ihr Handel treiben, bedeutet eigentlich, dass die Volksrepublik Taiwan nicht bedroht werden soll. Erlaubt wäre lediglich ein Angebot an das unabhängige Taiwan, durch Verhandlungen auf Augenhöhe Teil der Volksrepublik zu werden. Als Peking diese Politik unter dem Xi-Regime aufgab, blieb den Vereinigten Staaten keine andere Wahl, als ihre Politik anzupassen. Dieser Richtungswechsel steht nun auch in Paris, London und Berlin bevor.

* Alexander Görlach ist Senior Member des Carnegie Council for Ethics in International Affairs in New York. Kürzlich erschien sein neues Buch „Red Alert: Why Beijing’s Aggressive Foreign Policy in the Western Pacific Is Leading to a Global War“ (Hoffmann und Campe).

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