Amazon-Paketzustellung Schlechte Arbeitsbedingungen für Subunternehmer

Exklusiv

Stand: 21.06.2022 18:00 Uhr

Die Gewerkschaft ver.di kritisiert die Arbeitsbedingungen von Subunternehmern, die Pakete an Amazon liefern. Der Konzern weist den Vorwurf der Mithaftung zurück. Das Bundesarbeitsministerium beobachtet die Entwicklung.

Von Sebastian Friedrich und Philipp Hennig, NDR

Unbezahlte Überstunden, Arbeit ohne Arbeitsvertrag, Vorgesetztengebrüll: Die Liste der Vorwürfe gegen Fahrer, die täglich Amazon-Pakete ausliefern, ist lang. All das erlebte Martin in den Monaten seiner Paketzustellung in Niedersachsen, im Raum Hannover. Der Job war zunächst gut, sagt Martin, der eigentlich anders heißt. Doch dann wurde es irgendwann eng: „Ich war in einer Gegend, wo es viele Wolkenkratzer gab. Man muss laufen, um alles richtig gut zu machen.“

Hunderte von Subunternehmern treten bei Amazon ein

Paketverteiler wie Martin werden in der Regel nicht von Amazon selbst, sondern von einem Subunternehmer beauftragt. Amazon teilt dem NDR mit, dass es bundesweit mit Hunderten von kleinen und mittelständischen Partnern zusammenarbeitet, die im Auftrag des Konzerns Bestellungen an Kunden ausliefern.

Martin arbeitete für die KPS Kleinpaketservice GmbH, die laut ihrer Website derzeit mehr als 500 Mitarbeiter beschäftigt und täglich mehr als 100.000 Pakete bundesweit zustellt. Alle Standorte liegen in der Nähe der Verteilzentren von Amazon, von denen es in Niedersachsen nur sieben gibt.

Arbeitsdruck und unbezahlte Überstunden

Vor allem der Arbeitsdruck sei drastisch gewesen, sagt Martin. Darauf deutet auch eine Sprachnachricht aus einem internen Chat des Subunternehmers hin, die dem NDR zugespielt wurde. Man hört einen Mann die Fahrer anschreien, offenbar weil jemand einen Tag frei haben wollte: „Wer morgen ohne meine Erlaubnis aussteigt und morgen nicht zur Arbeit kommt, wird gefeuert. Ihr müsst euren Job machen, nicht später “.

Der Mann fährt fort und schreit noch lauter: „Ich habe dich satt. Morgen ist Arbeit und ihr müsst alle kommen.“ Dem NDR liegen weitere Sprachnachrichten vor, in denen der Mann, der laut mehreren Fahrern der Leiter eines Standortes der KPS Kleinpaketservice GmbH sein soll, Mitarbeiter anruft und teilweise beleidigt.

Aber nicht nur der Druck war das Problem, auch die Bezahlung stimmte nicht, sagt Martin. Für acht Stunden Arbeit waren 80 Euro vereinbart worden. Aber er musste härter arbeiten. Er sagte, er habe keinen Arbeitsvertrag. Überstunden, die etwa 200 betragen haben sollen, wurden nicht bezahlt. Das Unternehmen musste ihm trotzdem mehrere tausend Euro zahlen.

Ermittlungen gegen Subunternehmer

Das Unternehmen könnte auch dem Staat Geld schulden. Denn die Konten, die der NDR einsehen konnte, zeigen, dass nicht wenige Steuern gezahlt wurden, teilweise auch nicht. Laut NDR wird gegen das Unternehmen wegen des Verdachts ermittelt, dass Sozialversicherungen und Steuern nicht ordnungsgemäß abgeführt wurden. Letzte Woche beschlagnahmte der Zoll landesweit Dokumente des Unternehmens. Zu den Vorwürfen in Panorama 3 äußert sich der Subunternehmer nicht.

Ein anderer Fahrer, der für die KPS Kleinpaketservice GmbH tätig war, wirft seinem ehemaligen Arbeitgeber vor, nicht ausreichend bezahlt zu werden. Zwar erhielt er einen Werkvertrag, wonach ihm 12,60 Euro pro Stunde verrechnet werden sollten. Doch statt des versprochenen Gehalts wurden ihm nur 9,82 Euro pro Stunde gezahlt, wie ihre Gehälter zeigen. Der Fahrer arbeitete zuvor in der Fleischindustrie.

Das sei kein Einzelfall, sagt Raluca Gheorghe vom Deutschen Gewerkschaftsbund. Die meisten Wanderarbeiter arbeiteten in der Verpackungsindustrie. Im Projekt „Faire Mobilität“ im Raum Oldenburg berät Gheorghe Menschen vor allem aus Osteuropa zu ihren Arbeits- und Sozialrechten. „Viele Arbeiter in der Fleischindustrie haben den Job gewechselt, weil sie bessere Arbeitsbedingungen erwartet haben“, sagt Gheorghe. Aber die Mitarbeiter würden schnell merken, dass die Arbeit für Subunternehmer in der Verpackungsindustrie auch ziemlich prekär ist.

Amazon weist die Haftung zurück

Nonni Morisse von der Gewerkschaft ver.di steht in Kontakt mit mehreren ehemaligen und aktuellen Fahrern des Subunternehmers KPS Kleinpaketservice GmbH. Nach Aussage aller Mitarbeiter sei das Unternehmen im kriminellen Bereich tätig, sagt er. Aber Morisse macht Amazon auch für die Arbeitsbedingungen verantwortlich.

Amazon lehnt jede gemeinsame Verantwortung ab. Die Gruppe teilte schriftlich mit, dass die Sicherheit und das Wohlergehen der Fahrer oberste Priorität haben. Subunternehmer verpflichten sich vertraglich, die geltenden Gesetze einzuhalten. Seit 2020 arbeiten wir mit der KPS Kleinpaketservice GmbH zusammen. Nach interner Prüfung will man nun aber die Zusammenarbeit mit diesem Subunternehmer beenden.

ver.di sieht das Bundesarbeitsministerium in der Pflicht

Morisse reicht das aber nicht, denn es handelt sich nicht um einen Einzelfall. „Leider haben wir solche Geschichten auch von anderen Unternehmen im ganzen Land gehört, die Amazon vorantreiben.“ Die Politik ist gefragt, um dafür zu sorgen, dass sich die Situation der Pakethändler grundlegend verbessert. Morisse fordert Bundesarbeitsminister Hubertus Heil auf, die Auslagerung in die Plotindustrie massiv einzuschränken oder ganz zu verbieten.

Das Bundesarbeitsministerium hat schriftlich mitgeteilt, dass es die Arbeitsbedingungen in der Paketdienstbranche seit langem kritisch beobachte. In den vergangenen Jahren seien zwar einige Maßnahmen zur Verbesserung der Situation ergriffen worden, dennoch sei zu überlegen, „wie man Verstöße gegen geltendes Arbeitsrecht in diesem und anderen Bereichen noch wirksamer verhindern kann“. Das Subunternehmer- und Arbeitsvertragsverbot, wie es in der Fleischindustrie eingeführt wurde, ist laut Bundesarbeitsministerium nur unter sehr engen Voraussetzungen zu rechtfertigen.

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