Das von der EU genehmigte Gesetz über digitale Dienste zielt darauf ab, Messenger interoperabel zu machen. Was steckt dahinter und wo liegen die Schwierigkeiten?
Auf den Satz „Ich habe kein WhatsApp“ folgen regelmäßig verwunderte Gesichter. Fast so, als gäbe es keine alternativen und sichereren Messaging-Dienste. Dies ist keine Seltenheit, da der Nachrichtendienst des Facebook-Imperiums am häufigsten verwendet wird. Aber bald wird das alles egal sein, zumindest was die EU betrifft. Denn dieser will, wie ein an diesem Dienstag verabschiedetes Gesetz festlegt, Messaging-Dienste interoperabel machen. Was steckt hinter diesem sperrigen Begriff?
Grundsätzlich sollte es egal sein, welchen Dienst jemand in Zukunft nutzt. Der Digital Services Act (DSA) erlaubt es WhatsApp-Benutzern, Nachrichten an jede Nummer in ihrem Telefonbuch zu senden. Unabhängig davon, ob die Empfänger WhatsApp, Signal, Telegram oder Threema nutzen. Und Sie müssen diese Apps nicht einmal installiert haben. Fast wie damals mit SMS. Kein Denken und Suchen mehr. Aber leider ist es nicht so einfach. Das Gesetz hat Schwächen: Nur weil sich WhatsApp für andere Anbieter öffnen muss, heißt das nicht, dass kleinere Anbieter dasselbe tun müssen. Kritik gibt es auch an der Sicherheit.
“Sicherheitsweg”. Laut einer Umfrage der Österreichischen Rundfunk- und Telekom-Regulierung GmbH (RTR) nutzen 78 Prozent der Smartphone-Nutzer in Österreich WhatsApp. Für Konkurrenten ist es schwierig, sich durchzusetzen. Die „zu erwartenden Nutzungsbedingungen und die damit verbundene Belästigung seien nur ein Einfluss“ auf den Marktanteil, sagte RTR-Chef Klaus Steinmaurer anlässlich der Befragung. Dass die große Mehrheit WhatsApp nutzt, ist für viele ein Grund zu bleiben, wie die Umfrage zeigt.
Allerdings sieht er die Interoperabilität kritisch: „Wenn ich Messenger interoperabel mache, ist die Sicherheit weg“, ergänzt der RTR-Chef.
Genau die Art von Sicherheit, die sicherstellt, dass Nachrichten wirklich privat bleiben und niemand einfach eingreifen und sie lesen kann. Möglich wird dies durch die bereits erwähnte Ende-zu-Ende-Verschlüsselung. Nachrichten werden direkt vom Absender verschlüsselt und erst vom Empfänger entschlüsselt. Wer sich bemüht, bekommt nur einen unleserlichen Code-Salat, der aus Buchstaben und Zahlen besteht, aus denen sich keine Informationen ableiten lassen.
Während der deutsche Piraten-Europaabgeordnete Patrick Breyer das Gesetz als Riesenerfolg feiert und gegenüber dem ZDF erklärt, dass kleinere Konkurrenten nun erstmals die Chance haben, sich mit den besten Hunden zu messen, scheinen sie davon überhaupt nicht beeindruckt zu sein.
Klare Absage. Auch können diejenigen, die am meisten davon profitieren sollten, nicht entscheiden, ob sie beitreten möchten. Denn: Die Vorgabe gilt vorerst nur für WhatsApp und Computergiganten wie Apple. Der Schweizer Krypto-Messaging-Dienst Threema hat eine klare Position zum neuen Gesetz und ähnelt der von Steinmaurer. Aus diesem Grund werden WhatsApp-Chats nicht zugelassen. Apple war auch besorgt, dass das DSA unnötige Datenschutz- und Sicherheitslücken schaffen würde.
(“Die Presse”, Printausgabe, 10. Juli 2022)