Attentate auf Gruobialp: Buch von Michael Blatter mit neuen Erkenntnissen


Neue Forschung

Blutig auf der Gruobialp: Neue Erkenntnisse zum Mord an zwei Wildhütern in Obwalden

1899 tötete Adolf Scheuber in Obwalden zwei Wildhüter, weil er beim Wildern erwischt worden war. Ein Buch zeigt, was heute über die Bluttat und ihre Folgen bekannt ist.

Die Tat ereignete sich am 14. Oktober 1899 auf der Gruobialp in den Melchtaler Bergen: Der Nidwaldner Zimmermann und Wilderer Adolf Scheuber erschoss den Obwaldner Leibwächter Werner Durrer und seinen Sohn Josef. Weil sie es in Kauf genommen haben.

Das Jahr vor dem Doppelmord: Adolf Scheuber (rechts kniend) und seine Mitstreiter posieren mit ihrer Beute vor der Kamera des Nidwaldner Fotografen Louis Zumbühl nach erfolgreicher Jagd im Herbst 1898 in einem Steinbruch.

Bild: Aus dem Buch / PD

Schuber sitzt in der Falle. Doch als er aus dem Zug aussteigt, der ihn nach Stans bringen soll, kann er fliehen. Ihre Spuren verlieren sich in Südamerika und Afrika. Deshalb kann man Scheuber nie nach dem genauen Grund fragen. Seitdem begleiten Spekulationen die Erinnerungen an diese ungeheuerliche Tat.

„Auch eine Geschichte von Verlust und Vergebung“

Der Luzerner Historiker Michael Blatter hat die Ereignisse von vor 20 Jahren in einem viel beachteten Buch akribisch aufgearbeitet. Das Buch ist bereits erschienen, umfassend überarbeitet. Damals übermittelte Blatter Fakten vor allem aus Akten. Aber beginnen Sie jetzt mit tieferen Fragen. Zum Beispiel: Was ist die Ansicht der Angehörigen, sowohl des Opfers als auch des Aggressors? Wer hat damals den Fall gemeldet und mit welchem ​​Interesse?

Warum auch dieser Ansatz wichtig ist, betont der Nidwaldner Staatsarchivar Emil Weber:

„Für die damals leidenden Familien Scheuber und Durrer ist die Geschichte von Adolf Scheuber keine Abenteuergeschichte. Es ist eine Geschichte von Schuld und Sühne, von Verlust und Vergebung.“

Geschichte ist sogar offizielles Kulturerbe

Michael Blatter entwickelt und vertieft die mündliche und schriftliche Überlieferung lokaler Geschichte in unzähligen Variationen über 120 Jahre. Zum Beispiel in Romanen von Isabel Kaiser oder Franz Heinrich Achermann. Ernst Renggers abenteuerliche, an Karl May erinnernde Erzählung „Die eine wilde Jagd“ wurde zum Bestseller. Er lieferte Stoff für Theaterstücke und Filme.

Marius Risi, Leiter des Amtes für Kultur Obwalden, weist auf ein einzigartiges Schweizer Phänomen hin:

“2012 wurden die Geschichten der Wilderer aus Nidwalden sogar in die offizielle Liste des immateriellen Kulturerbes der Schweiz aufgenommen!”

Ein brutaler Mord, kombiniert mit einer Art offizieller Anerkennung.

Der Attentäter belieferte sogar die Stadt Luzern

Ein Großteil des Buches wird in letzter Zeit recherchiert. So erklärt Blatter, warum “Wilderei nicht gleich Wilderei ist”. Damals wurde in den Bergregionen nicht nur durch Hunger gewildert. Mit Hirschen ließ sich auf dem Schwarzmarkt viel Geld verdienen. Im Bundesarchiv fand Blatter Hinweise, dass Scheuber sogar Gämsen an die Stadt Luzern lieferte.

Oder: Wilderei wird in Romanen und Theaterstücken oft als Widerstand gegen die Obrigkeit interpretiert. Aber in Obwalden und Nidwalden war die Jagd kein Privileg der Oberschicht oder der Obrigkeit. Es wird noch hart. Blatter zeigt, wie sich der gesamte Bundesrat 1895 in einer Sitzung mit den Gebrüdern Scheuber auseinandersetzen musste. Denn Nidwalden stellte eine Busse wegen der beiden in Frage und wollte Bundesrecht nicht akzeptieren. 1901 tauchte sogar das unschöne Wort „Nidwaldnertum“ in der Presse auf.

„Geschichten zu erzählen ist alles andere als eine harmlose und harmlose Tätigkeit. Vor allem, wenn es um Gewalt geht, um den Mord zu erklären oder gar zu rechtfertigen“, sagt der Autor. In den Zeitungen wurde eine Frage diskutiert: Wer übernimmt in der Geschichte die Rolle des “Killers” Tell? Wer ist das „Opfer“ Gessler? Oder wer gar der des „Helden“ Winkelried?

Familie von traumatisierten Opfern

In Romanen und Theatern werden fundierte und pointierte Geschichten erzählt. Die Stimmen der Betroffenen und ihrer Familien sind viel leiser. In den 1930er Jahren versuchten Angehörige von Adolf Scheuber, die Veröffentlichung eines Romans zu verhindern. Die Mischung aus Fiktion und Wahrheit störte sie. Und Bruder Klaus, Kaplan Werner Durrer, Enkel und Neffe des Mordes, erzählt, wie die Familie Durrer traumatisiert wurde. Als Besitzer gab er dem Hotel „Nünalphorn“ – unterhalb dieses Berges ereignete sich der Doppelmord – den neuen Namen „Pax Montana“. Es unterstreicht, wie glücklich wir sind, dass der Mörder nicht gefasst wurde. Aber er hatte ein langes Leben. Und damit die Gelegenheit, die Tat zu gestehen und zu sühnen.

Blatters Buch enthält auch neue Hinweise zum Verbleib von Adolf Scheuber. Analysieren Sie alle Briefe, die Scheuber aus Montevideo in die Schweiz geschickt hat. Der Hinweis, dass sich Scheuber in den 1950er Jahren in Burundi aufgehalten hat, wird durch neue Quellen untermauert. Blatter: “Schon die Frage, wo und wie Adolf Scheuber nach seiner Flucht gelebt hat, ist einer der Gründe, warum die Wilderergeschichten weiterleben.”

Michael Blatter: Wilderergeschichten und ein Doppelmord. Bild-Fluss, 272 S., fr. 36.–

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