„Auftragsboom ist vorbei“ Die Branche erhält wieder weniger Aufträge
07.06.2022, 11:49 Uhr
Die Branche hat volle Auftragsbücher, aber der Auftragseingang lässt nach. Dafür gibt es mehrere Gründe: hohe Preise, sinkende Nachfrage, Mangel an Vorprodukten. Vor allem Kunden aus Übersee sind zurückhaltend.
Deutsche Industrieunternehmen erhielten im April aufgrund der Unsicherheiten durch den Ukrainekrieg und einer geringeren Nachfrage aus China den dritten Monat in Folge weniger Aufträge. Laut Statistischem Bundesamt ging das Neugeschäft gegenüber dem Vormonat um 2,7 Prozent zurück. Experten rechneten mit einem kleinen Plus von 0,3 Prozent. Im März gab es ein Minus von 4,2 Prozent, im Februar weniger als 1,3 Prozent. „Die durch den russischen Einmarsch in der Ukraine gestiegene Unsicherheit sorgt weiterhin für eine schwache Nachfrage, insbesondere aus dem Ausland“, teilte das Bundeswirtschaftsministerium mit.
Commerzbank-Ökonom Ralph Solveen nannte weitere Gründe, warum “der Auftragsboom vorbei ist”. Die Nachfrage in China habe sich durch wiederholte Blockaden im Rahmen der Null-Regierungs-Politik von Covid deutlich abgeschwächt, sagte der Ökonom mit Blick auf Deutschlands größten Handelspartner. „Ein weiterer Grund dürften die Lieferengpässe bei vielen Produkten sein, weshalb Unternehmen bei anderen Vorprodukten weniger nachfragen.“
Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) sieht große Unsicherheit in der Wirtschaft. „Eine sich abkühlende Weltkonjunktur, anhaltende Lieferkettenprobleme und steigende Preise bremsen die Nachfrage nach Industriegütern, insbesondere von Kunden aus Übersee“, sagte DIHK-Konjunkturexperte Jupp Zenzen. Auch die hohen Energie- und Rohstoffpreise führten zu einer Zurückhaltung bei der Auftragsvergabe.
Dunkles Panorama
Die Bestellungen aus dem Ausland gingen im April um vier Prozent zurück. Die Neugründungen außerhalb des Euroraums gingen um 3,0 % zurück, jene in der Währungsunion um 5,6 %. Auch die Inlandsbestellungen gingen um 0,9 Prozent zurück. Insbesondere Investitionsgüter wie Maschinen, Fahrzeuge und Anlagen wurden aufgrund der Kaufzurückhaltung der Firmenkunden weniger nachgefragt: Hier brach die Nachfrage insgesamt um 4,3 Prozent ein.
„Insgesamt sind die Aussichten für die Industriekonjunktur in den kommenden Monaten mäßig“, schrieb das Wirtschaftsministerium. Doch heute fehlt es der Branche nicht an Aufträgen, sondern an Vorprodukten wie Computerchips. „Die Auftragsbücher der Unternehmen sind weiterhin gut gefüllt“, teilte das Ministerium mit.
Mehr als drei Viertel der Unternehmen klagen derzeit über Engpässe oder Probleme bei der Beschaffung von Rohstoffen und Rohstoffen, wie das Münchener IFO-Institut in seiner monatlichen Unternehmensbefragung herausfand. „Lieferketten stehen unter Dauerstress“, sagt Klaus Wohlrabe, Leiter der IFO-Umfragen. „Die Schließung von Häfen in China hat die Situation vieler Unternehmen noch verschlimmert.“