„Backwoodsmanship“: Österreich und die Schweiz streiten um Neutralität Darum geht es

Gepostet am 30. Mai 2022, 18:50 Uhr

Robert Misik, ein österreichischer politischer Schriftsteller, zahlt Rechnungen für die Neutralität seines Landes. In der Debatte wird auch die Schweiz fett.

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Kritisiert wird die Neutralität Österreichs unter Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) und der Schweiz unter Bundespräsident Ignazio Cassis (FDP).

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Österreichs Neutralität tendiere in den letzten Jahren immer mehr zur Selbstinfantilisierung, schreibt der Österreicher in einem Gastbeitrag auf Zeit.de.

Wikipedia / Robert Misik, Michael Kellner

Der österreichische Schriftsteller meint, Österreichs Neutralität sei “dumm” und führe ins “Rückständige”.

Getty Images / iStockphoto

Als neutraler Staat bleibt Österreich aus den Kriegen heraus. Das rechnet Autor und Politautor Robert Misik vor. Österreichs Neutralität tendiere in den letzten Jahren immer mehr zur Selbstinfantilisierung, schreibt der Österreicher in einem Gastbeitrag auf Zeit.de. Sie sind klein und halten sich deshalb draußen, aber sie erzählen sich gerne, dass dies eine moralisch löbliche Friedenspolitik wäre. „Wir verstecken uns einfach hinter dem Baum und hoffen, dass uns niemand sieht und das Böse der Welt schnell an uns vorbeizieht.“

Misik prangert an, dass die Neutralität in den letzten 30 Jahren zu einer Spielart des „mir-san-mir-Provencalismus“ geworden sei. In den 1970er und 1980er Jahren hingegen wurde Neutralität noch internationalistisch als „aktive Neutralitätspolitik“ interpretiert. „Früher hatten wir eine Politik der Neutralität, aber heute sind wir neutral, aber ohne Politik. Der Verteidigungsminister proklamierte den Österreichern “herzliche” Neutralität. Wer braucht schon ein Gehirn?“

Der Autor vermutet, dass dies die negativste Seite der Neutralität ist. “Das heißt, es wird langweilig, was zu angewandtem Hinterwäldler führt.” Was die großen geopolitischen Themen angeht, vergleicht er die Österreicher mit den Fußballfans mit Bierbauch, die vom Zuschauerplatz auf dem Platz blieben (“stöhnt”, Anm. d. Red.) und sich für die besten Spielemacher hielten.

Aktivismus und moralische Klarheit erforderlich

Österreich ist wie die Schweiz kein NATO-Mitglied. Laut Misik garantiert das Militärbündnis eigentlich den Frieden in Europa. Er wirft den Österreichern vor, ihre Sicherheitspolitik leicht zu ignorieren und zu glauben, die Neutralität garantiere ihre Sicherheit. “Weil wir wissen, dass wir von Nato-Staaten umgeben sind.”

Die Österreicher tadelten die Nato und seien gleichzeitig “sehr glücklich unter ihrem bequemen Schutzschirm”, so der Autor. Misik fordert: “Aber diejenigen, die eine aktive Neutralitätspolitik bevorzugen, sollten auch etwas für sie tun.” Neutralität, als Obhut genommen, ist zum Synonym für intellektuelle Faulheit und schaler Provinzialismus geworden. Eine Außenpolitik, die Menschenrechte, globale Gerechtigkeit, die Werte der Demokratie, Pluralismus, Gerechtigkeit und das Ideal der Gewaltfreiheit hochhält, braucht Aktivismus und moralische Klarheit.

“Russenallee in Zug”

In den Kommentaren macht auch die schweizerische Neutralität fett. „Dasselbe gilt für die Schweiz. Kirschen ernten unter dem Dach der Neutralität“, schreibt ein Leser. Ein Aspekt, den der Autor nicht erwähnt hat, gilt für beide Länder und ist laut einem anderen Nutzer wohl der Knackpunkt: „Neutralität heißt auch ‚weiter schmutzige Geschäfte machen‘. Für die Schweiz nennt er die «Russenallee» in Zug, «wo die Reihen der russischen Firmen willkommen waren und ungemütlich blieben».

Ein Leser der “Zeit” meint, sowohl Österreich als auch die Schweiz hätten unter dem Deckmantel der Neutralität den Autokraten und ihrem Geld die Tür geöffnet. “Neutralität bedeutet nicht, passiv dazusitzen und die Augen zuzudrücken, was um einen herum passiert, sondern das Geld von Diktatoren zu nehmen.”

“Ich sehe keine Mängel”

Einige Stimmen unterstützen jedoch die Politik beider Länder. „Neutralität ist vernünftig und daher immer der Zeit voraus“, schreibt jemand. „Ich sehe weder in der Neutralität Österreichs noch in der Schweiz Mängel“, sagt ein anderer Nutzer. Seine Situation unterscheidet sich stark von der Schwedens und insbesondere Finnlands.

Sowohl Schweden als auch Finnland streben einen NATO-Beitritt an. „Mit der historischen Entscheidung, die NATO-Mitgliedschaft zu beantragen, kann sich Finnland endlich frei und ohne Angst äußern“, sagte Anne Berner, ein ehemaliges Mitglied des finnischen Parlaments, in einem 20-minütigen Interview. Das Bündnis soll auch verhindern, dass der Krieg erneut Verwüstungen in Finnland anrichtet.

Auf den ersten Blick beschreibt ein Leser die Neutralität als wertvolle Kraft, auch für die europäischen Nachbarn. “Viele Verhandlungen wurden oder werden zum Beispiel über die Schweiz oder Schweden geführt.” Die Neutralität betrifft auch den Ständerat. Am 16. Juni debattierte er eine Vorlage an den Bundesrat, dem Parlament einen aktualisierten Neutralitätsbericht vorzulegen. Das sind Fragen nach den Grenzen des Neutralitätsrechts und der Reichweite der Neutralitätspolitik.

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