Barocke Tage mit Musik aus dem Land der Engel

Im Dietmayr-Saal des Benediktinerstifts Melk befindet sich eine allegorische Darstellung des Königreichs England in Form einer opulenten Frau an der Decke, darunter das altdeutsche Wort „Engelland“. Dieses Bild inspirierte den künstlerischen Leiter der Internationalen Barocktage in Melk, Michael Schade, für die Programmgestaltung der diesjährigen Festspiele. Damit ist einerseits die geografische Insel gemeint, andererseits aber auch die Welt der Engel. Wie sich dieses Motto in der Musik widerspiegelt, erklärt Schade im Interview mit noe.ORF.at.

noe.ORF.at: „Von himmlischer und irdischer Liebe“ ist ein Programmthema am Sonntagmorgen. Herr Schade, gibt es Engelstöne zu hören?

Michael Schade: Ja, denn für mich lautet die Bildunterschrift „Engel: Boten zwischen Himmel und Erde“. Engel spielen nicht nur architektonisch oder künstlerisch eine wichtige Rolle, denn hier im Kloster gibt es fast kein Gebäude, keinen Raum oder keine Mauer. auch ohne Darstellungen von Engeln erfüllen sie wichtige Aufgaben in unserem Leben. Meine Tante hat immer gesagt: Fahr niemals schneller als dein Schutzengel fliegen kann. An diesem Spruch ist was dran. Wir brauchen neue Kräfte, gerade in diesen schwierigen Zeiten mit einem Krieg in der Nachbarschaft.

Das Hathor Consort unter der Leitung von Romina Lischka verzaubert mit Garnelenklängen, während Gregor Seberg Texte über Engel rezitiert. Im Abschlusskonzert singt das unvergleichliche A-cappella-Ensemble „The Tallis Scholars“ so ätherisch und zart, als könnten wir die Engel singen hören. Sie bringen Musik von der Insel von John Taverner oder William Byrd.

ORF-Intendant Michael Schade (links) betritt die Bühne bei „Dido und Aeneas“ mit Wallis Giunta bei den Internationalen Barockfestspielen

noe.ORF.at: Barockmusik in England ist etwas ganz Besonderes. Hat das etwas mit der Lage der Insel und auch der engen Beziehung zur Volksmusik zu tun?

Schade: effektiv mit beidem. Die englische Barockmusik ist stark von der Popmusik beeinflusst. Da? Weil diese Musik so viel von Einsamkeit erzählt, man spürt den Nebel und die Kälte, die gefährlichen Meere, die Klippen, die Hoffnung auf einen regenlosen Tag, und doch sind diese Lieder unglaublich gesellig. Und diese Musik hat die wunderbare Barockmusik Englands “angeschoben”. Barockmusik verschönerte es nur. Infolgedessen gibt es auch großartige intime Musik von der Insel und viele klassische Hits aus dem 18. Jahrhundert.

noe.ORF.at: Ein großer Erfolg war am Freitag zu spüren, als Dido mit den Worten „Wenn ich auf den Boden gelegt werde“ starb. Wahrscheinlich ähnlich wie bei Ihrem Dowland-Programm?

Schade, das ist Musik zum Sterben. Ich sage immer, dass du heute Boygroup-Musik machen, Stadien füllen, deine Handy-Taschenlampe oder ein Feuerzeug anmachen würdest. Agnes Palmisano zeigt uns in ihrer Show, wie Dowland klingen würde, wenn sie Wienerin wäre. Er übersetzte die Texte und Arrangements der Dowland-Musik in die Klangwelt der österreichischen Hauptstadt.

noe.ORF.at: Ein weiterer wichtiger Schwerpunkt ist der musikalische Vergleich zwischen kontinentaler Barockmusik und der Insel.

Schade, dass hier auch die Inselwelt ins Spiel kommt. Queen Elizabeth und ihre politischen Kämpfe hatten großen Einfluss auf die englische Barockmusik. Er hat ein sehr diskretes Leben geführt und dazu kommt noch eine Insel am Rande des Kontinents, die von einer Marine bedroht wird, die mit Kriegsabsichten segelt. Und es gab viele Südstaaten-Komponisten, die sich mit ihrer fröhlich-verzierten Barockmusik in der Londoner Metropole niederlassen wollten. Der Vergleich ist unglaublich interessant, spannend und hörenswert.

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