Beginn einer „konzertierten Aktion“, die gegen eine Lohn-Preis-Spirale hilft

Hintergrund

Stand: 04.07.2022 09:26 Uhr

In der „Concerted Action“ will die Regierung gemeinsam mit Arbeitgebern, Gewerkschaften und Forschern Wege finden, die drohende Lohn-Preis-Spirale zu stoppen. Welche Instrumente werden diskutiert und wie beurteilen Ökonomen die Vorschläge?

Für Notker Blechner, tagesschau.de

Was Ende der 1960er-Jahre zumindest vorübergehend die Wirtschaft stützte, soll jetzt wieder helfen: ein konzertiertes Vorgehen von Politik, Gewerkschaften und Arbeitgebern. 1967 traf sich der damalige Wirtschaftsminister Karl Schiller (SPD) mit Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertretern, um sich über das weitere Vorgehen angesichts des ersten Rückgangs der Wirtschaftsleistung seit Gründung der Bundesrepublik auszutauschen. Nach dem Stabilitätsgesetz von 1967 ging es darum, Wachstum, Beschäftigung und Preisstabilität in Einklang zu bringen. Konkret sollen koordinierte Schritte die konjunkturelle Wende bringen, unter anderem durch moderate, gesamtwirtschaftlich vertretbare Lohnerhöhungen.

Bundeskanzler Scholz diskutiert in “Concerted Action” über Maßnahmen zur Inflationsbekämpfung.

Jakob Schaumann, ARD Berlin, Tagesschau um 12 Uhr, 4. Juli 2022

55 Jahre später soll dieser Schulterschluss wieder gelingen. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) bringt heute erstmals Verhandlungspartner, Wissenschaftler und die Bundesbank an einen Tisch, um insbesondere einen weiteren Anstieg der Inflation zu begrenzen und die Folgen der hohen Inflationsrate abzufedern. “Wenn die Heizkostenrechnung plötzlich um ein paar Hundert Euro steigt, dann ist das eine Summe, die sich viele Menschen nicht wirklich leisten können. Das ist gesellschaftlich brisant”, sagte die Kanzlerin gestern im ARD-Sommerinterview.

Scholz machte deutlich, dass zu Beginn der heutigen Gespräche keine konkreten Ergebnisse zu erwarten seien. Sie strebt einen langfristigen Prozess an.

Im Gespräch mit Bundeswirtschaftsminister Karl Schiller (M): (vlnr) Präsident des DGB Ludwig Rosenberg, Präsident der IG Metall Otto Brenner, Präsident der IG Bau-Steine-Erden Rudolf Sperner, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie Fritz Berg und der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelsverbandes (DIHT) Ernst Schneider. Die zweite Runde der „Konzertierten Aktion“ begann am 1. Juni 1967 im Bonner Wirtschaftsministerium. Bild: picture-alliance / dpa

Die Gewerkschaften wollen deutlich höhere Löhne

Eine wichtige Frage ist, wie die nächsten Tarifabschlüsse in großen Branchen aussehen werden, beispielsweise in der Metall- und Elektroindustrie oder in der chemischen Industrie. Tarifverträge mit kräftigen Lohnerhöhungen können einerseits eine hohe Inflation zumindest teilweise ausgleichen und damit die Reallohneinbußen der Arbeitnehmer zumindest begrenzen. Das stärkt die Kaufkraft und kommt dem Konsum zugute. Gleichzeitig bergen hohe Tarifverträge jedoch die Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale, also der gegenseitigen Kumulation von Lohnerhöhungen und Inflation.

Im Vorfeld der konzertierten Aktion wurde berichtet, Scholz habe als mögliches Instrument eine steuerfreie Einmalzahlung vorgeschlagen. Die Gewerkschaften reagierten skeptisch. „Einzelzahlungen bringen uns nicht weiter“, sagte Ver.di-Chef Frank Werneke. „Der permanente Preisanstieg muss vollständig durch permanente Lohnerhöhungen kompensiert werden.“ Und auch die neue Chefin des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Yasmin Fahimi, lehnt die Zollbeschränkung ab. „Langfristig können nur höhere Löhne und die Unterstützung von Arbeitslosen sinnvolle Instrumente sein, um höhere Lebenshaltungskosten auszugleichen“, betonte er.

Unmittelbar vor Beginn der konzertierten Aktion erklärte Scholz, die ursprünglichen Berichte über sein Drängen auf eine einmalige Zahlung seien frei erfunden. „Natürlich haben wir darüber nachgedacht, wie wir Gewerkschaftsaktivitäten unterstützen können, insbesondere wenn die Preise im nächsten Jahr steigen“, sagte er. „Aber niemand schlägt vor, dass es keine Reallohnerhöhungen geben sollte.“

Mitarbeiter wollen nicht mit Einmalzahlungen und Entlastungspaketen abgewiesen werden. Die IG Metall beharrt auf ihren Lohnforderungen. Sie fordert zwischen sieben und acht Prozent mehr Lohn für die nächste Lohnrunde. Metallarbeiter werden durch Tarifverträge aus anderen Branchen gefördert. Beispielsweise haben Stahlhersteller eine Gehaltserhöhung von 6,5 Prozent ausgehandelt.

Politiker und die Europäische Zentralbank (EZB) sind alarmiert. Sie befürchten “Zweitrundeneffekte”. Man kann fieberhaft nach einem Rezept suchen, wie man eine so gefährliche Spirale eindämmen kann. Klar ist bisher nur, dass es keinen Königsweg gibt. Ökonomen widersprechen. Sie halten eine Reihe von Instrumenten für denkbar. Während die einen Preisobergrenzen fordern, fordern die anderen fiskalpolitische Maßnahmen.

Debatte über Einmalzahlungen

Pünktliche Zahlungen sind vor allem unter Ökonomen umstritten. Das deutsch orientierte Institut der deutschen Wirtschaft (IW) unterstützt Scholz’ Vorschlag. IW-Geschäftsführer Michael Hüther hält Einmalzahlungen für ein „bewährtes Instrument“ in den laufenden Tarifverhandlungen. Auch Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING Deutschland, hält Einmalzahlungen für „eine gute Idee, da sie den Kaufkraftverlust teilweise kompensieren könnten, künftige Lohnkosten kontrollieren und auch das Risiko von Arbeitsplatzverlusten verringern dürften“. “. Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, lehnt Einmalzahlungen ab.

Auch der ehemalige Volkswirt Volker Wieland, Professor für monetäre Ökonomie an der Universität Frankfurt, kritisiert Einmalzahlungen. „Es gibt keinen Grund, warum der Staat jetzt eine zusätzliche Überweisung vornehmen sollte, die den Arbeitnehmern zugute kommen könnte, ohne die Arbeitgeber zu belasten.“ Der Staat hatte in diesem Jahr bereits beim Mindestlohn eingegriffen und für eine Steigerung von mehr als 22 Prozent gesorgt. “Das ist mehr als ein Inflationsausgleich.”

Die ersten Gewerkschaften haben sich bereits für eine Einmalzahlung entschieden. Die Gewerkschaft IG BCE einigte sich im Februar mit dem Chemie-Arbeitgeber darauf, dass die 580.000 Chemiearbeiter eine Pauschalabfindung von jeweils 1.400 Euro erhalten. Dies dürfte jedoch nur eine Phase von wenigen Monaten bis zur weiteren Preisentwicklung und den langfristigen Folgen der …

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