Benötigen Sie eine vierte Impfung?

Vorbereitung von Kronenimpfungen. (Archiv)

Bild: Schlussstein

Kroneninfektionen nehmen wieder deutlich zu. Neben neuen Varianten sind auch Impfstoffe aus einem längeren Zeitraum verantwortlich. Warum wird eine zweite Auffrischung nicht für alle empfohlen?

Die Hoffnung war groß, dass die Fallzahlen in den Sommermonaten zurückgehen würden. Jetzt ist das Gegenteil eingetreten. Wie im benachbarten Deutschland und Österreich passiert auch in der Schweiz, was viele befürchtet haben: Innerhalb einer Woche stiegen die Fallzahlen deutlich um 61,4 Prozent, berichtete das BAG am Dienstag. Auch die Krankenhauseinweisungen stiegen um 22,4 Prozent.

Was sind die Ursachen für die Zunahme der Infektionen?

Einer der Gründe für die Zunahme der Fälle ist laut Experten die Weiterentwicklung der omicron BA.4- und BA.5-Subvarianten. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stuft sie als „besorgniserregende Varianten“ ein. Das liegt vor allem daran, dass sie den Immunschutz offenbar noch besser verhindern können als andere Varianten. Nach Schätzungen des Berner Epidemiologen Christian Althaus werden laut dem Portal Watson «rund 15 Prozent der Schweizer Bevölkerung mit BA.5 infiziert», bis der R-Wert wieder sinkt. Immerhin gibt es bisher keinen Hinweis darauf, dass die Varianten zu ernsthaften Verläufen führen.

Ein weiterer Grund für den Anstieg der Covid-Infektionen ist – neben dem Verzicht auf fast alle Maßnahmen –, dass die Auffrischimpfung für viele Menschen schon lange her ist. Studien zeigen, dass der Schutz vor einer Covid-Infektion etwa drei bis vier Monate nach der dritten Impfung deutlich abnimmt.

Wer erhält in der Schweiz bereits eine vierte Impfung?

In der Schweiz wird eine vierte Impfdosis noch nicht für alle empfohlen. Für Menschen mit einem sehr geschwächten Immunsystem stehe jedoch “seit einigen Wochen eine weitere Auffrischungsimpfung zur Verfügung”, sagte BAG-Sprecher Simon Ming auf Nachfrage. Allerdings gilt die Empfehlung nur, wenn diese Aktualisierung „nach Einschätzung des behandelnden Arztes erfolgsversprechend ist“, wie es in einer Mitteilung des BAG heißt. Die restlichen Personen ab 12 Jahren benötigen laut BAG derzeit keine zweite Verstärkung. Hier reicht nach aktuellem Stand eine Auffrischimpfung nach der Grundimmunisierung aus.

Wer dennoch eine zweite Auffrischungsimpfung erhalten möchte – auch weil er diese zum Beispiel für eine Auslandsreise benötigt – kann sich in Zukunft auch eine vierte Impfdosis in der Schweiz spritzen lassen. In diesem Fall müssen Sie die Kosten jedoch selbst tragen. Der Kanton Basel-Stadt hat bereits angekündigt, die vierte Impfung ab dem 22. Juni für Personen ab 12 Jahren zuzulassen, sofern die dritte Impfung mindestens vier Monate zurückliegt. Es kostet dann 60 Franken. Einen Tag später folgt der Kanton Bern den gleichen Regeln.

Warum gibt es noch keine generelle Empfehlung für eine vierte Impfung?

„Wer vollständig geimpft oder geimpft und genesen ist“, ist „nach aktueller Datenlage und in der aktuellen Situation noch gut gegen die schwere Erkrankung Covid-19 geschützt“, sagt BAG-Sprecher Ming. Auch für besonders gefährdete Personen sei es sinnvoller, eine weitere Auffrischungsimpfung erst vorzunehmen, “wenn die Infektionszahlen wieder steigen, weil der Impfschutz in den Wochen und Monaten nach der Impfung höher ist”.

Den wirklich kritischen Moment sieht das BAG trotz der zuletzt deutlichen Zunahme der Fälle noch nicht. Damit ist offenbar erst in ein paar Monaten zu rechnen, wenn es wieder kalt wird: Deshalb „für den Herbst (…) eine Erweiterung des Personenkreises, für die eine neue Impfung zur Verstärkung“, sagt Ming. Ändere sich die Situation, könne die Impfempfehlung jedoch „früher angepasst werden“.

Die Haltung des BAG wird durch wissenschaftliche Erkenntnisse gestützt. Demnach haben die meisten gesunden Menschen bereits nach der dritten Impfung genügend Antikörper, Gedächtniszellen und T-Zellen in ihrem Körper, um gut vor einer schweren Covid-Erkrankung geschützt zu sein. Dabei wird der Nutzen einer vierten Impfung für die Mehrheit der Bevölkerung als gering eingeschätzt. Zudem zeigt eine israelische Studie, dass die Zahl der Antikörper nach einer vierten Impfung das Niveau der dritten nicht übersteigt und die Zahl der Antikörper nach einigen Wochen wieder deutlich abfällt.

Welche Impfstoffe kommen in Frage?

In der Schweiz werden mRNA-Impfstoffe von Biontech und Moderna zur Auffrischimpfung empfohlen. Gemäss Swissmedic ist auch eine Auffrischimpfung mit dem Janssen-Vektorimpfstoff möglich.

Auch Pharmaunternehmen arbeiten bereits an Impfstoffen, die einen besseren Schutz gegen die Omicron-Variante bieten sollen. Das amerikanische Unternehmen Moderna berichtete kürzlich in einer Vorstudie über gute Ergebnisse eines angepassten Impfstoffs. Der modifizierte Modern-Impfstoff führte zu einem stärkeren Anstieg der Antikörper gegen Omicrons als eine vierte Dosis des ursprünglichen Impfstoffs. Der Impfstoff soll ab Herbst verfügbar sein, teilte das Pharmaunternehmen mit.

Wann könnte ein angepasster Impfstoff in der Schweiz verfügbar sein?

Auch die Bundesregierung gehe davon aus, dass ab Herbst ein an Omicron angepasster Impfstoff zur Verfügung stehen werde, sagt BAG-Sprecher Ming. Allerdings unter der Bedingung, dass angepasste Impfstoffe vorher von Swissmedic behördlich zugelassen werden.

Gemäss bestehenden Verträgen verfügt die Schweiz laut Ming «immer über die neuste Impfstoffvariante des jeweiligen Herstellers». Wenn ein Impfstoff zugelassen und verfügbar ist, wird er nur für noch offene Lieferungen verwendet. Das Tempo und die Menge der Impfstofflieferungen würden sich am Bedarf der Schweiz sowie an den Lagerkapazitäten und Produktionsplänen der Hersteller orientieren.

Gibt es eine Kampagne für einen zweiten Schub im Herbst?

Der Bund beobachtet laut BAG laufend die aktuelle Situation in der Schweiz und in Europa bezüglich der Wirksamkeit der Impfung, auch im Hinblick auf die Verbreitung neuer Varianten. Die Impfstrategie für den Herbst basiert sowohl auf der aktuellen und zu erwartenden epidemiologischen Lage als auch auf den wissenschaftlichen Ergebnissen. Noch vor den Sommerferien würden BAG und EKIF über „den aktuellen Informationsstand zu Impfempfehlungen für Herbst und Winter 2022/23“ informieren, erklärt Ming.

Eine Auffrischimpfung im Herbst sei ein «wahrscheinliches Szenario», sagte Impfchef Christoph Berger Mitte Mai gegenüber SRF. Es wird dann nicht nur chronisch Kranken, sondern allen Menschen über 65 Jahren empfohlen.

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