Panorama von Berlin
Hunderttausende Besucher des CSD: homophobe Attacken in den folgenden Stunden
Stand: 24.07.2022 | Lesezeit: 3 Minuten
44. Christopher Street Day in Berlin
„United in love“ ist das Motto des 44. Christopher Street Day in Berlin. Mit fast einer halben Million Teilnehmern gibt es so viele Partyfans wie nie zuvor. Erstmals setzte auch der Bundestag ein Zeichen für mehr Toleranz.
350.000 Menschen sind am Samstag durch Berlin marschiert, um sich für die Rechte und gesellschaftliche Akzeptanz queerer Menschen einzusetzen. Die Veranstalter zogen eine positive Bilanz. Homophobe Übergriffe sind jedoch nach wie vor an der Tagesordnung, wie sich nur wenige Stunden nach dem CSD zeigte.
Erstmals seit Beginn der Corona-Pandemie fand am Samstag der Christopher Street Day (CSD) in Berlin statt. Hunderttausende Menschen hätten ein „starkes Zeichen für Vielfalt, Freiheit und Respekt und gegen Hass, Krieg und Diskriminierung“ gesetzt, teilte die Berliner Senatskanzlei auf Twitter mit. Vor dem Bundeskanzleramt und dem Reichstagsgebäude wehten erstmals Regenbogenfahnen.
Die Organisatoren schätzten die Zahl der Teilnehmer auf insgesamt 600.000. Die Polizei sprach zunächst von rund 150.000 Teilnehmern und aktualisierte die Zahl später am Abend auf 350.000.
Berlins Kultursenator Klaus Lederer (links) legte vor der offiziellen Eröffnung der Parade einen Kranz an der Gedenkstätte Tiergarten zum Gedenken an die im Nationalsozialismus verfolgten und getöteten Homosexuellen nieder. Die 7,4 Kilometer lange Strecke startete am Spittelmarkt in Berlin-Mitte und führte in einem Rundkurs durch Schöneberg über den Nollendorfplatz über den Großen Stern und die Siegessäule bis zum Brandenburger Tor.
Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) beklagte anlässlich des CSD die Diskriminierung sexueller Minderheiten: „Auch heute werden Menschen, die sich als Teil der LGBTI-Community verstehen, ausgegrenzt und sogar körperlich angegriffen.“ Die Geschichte des Christopher Street Day erzählt von Mut, Freiheit und dem Wunsch nach Selbstbestimmung, aber auch von Diskriminierung und Gewalt. LSBTI steht für lesbisch, schwul, bisexuell, trans und intersexuell.
auch lesen
auch lesen
Online-Eurojackpot-Werbetreibender
“Wir müssen uns deshalb entschieden gegen Hass und Ausgrenzung stellen”, warnte Giffey. Er hat alle Bürgerinnen und Bürger aufgerufen, dieses Verhalten nicht zu ignorieren, sondern sich klar dagegen zu stellen.
Auch Giffeys Vorgänger als Regierender Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit (SPD), wies auf die anhaltende Diskriminierung von Homosexuellen hin. „Wenn man bedenkt, dass man im Jugendfußball immer noch ‚du schwules Schwein‘ in den Umkleidekabinen hört, weißt du, dass da noch viel zu tun ist“, sagte er der „Berliner Zeitung“. Es gibt noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten.
Bereits am Vortag hatte Kultursenator Lederer an einem multireligiösen Gottesdienst in der St. Marienkirche in Berlin-Mitte anlässlich des CSD. Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesien Oberlausitz beteiligte sich am CSD mit einer Autofahrt unter dem Motto „Liebe tut der Seele gut“.
Zwei homophobe Angriffe nach dem CSD
Innerhalb weniger Stunden nach dem CSD wurde deutlich, dass noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten ist. Eine Menschengruppe hat in Berlin-Mitte zwei Mädchen und einen Jungen homophob beleidigt und einen der Jugendlichen geschlagen. Die drei seien am Samstagabend in der Panoramastraße nahe dem Alexanderplatz spazieren gegangen, teilte die Polizei am Sonntag mit. Sie seien von der Gruppe zunächst erneut beschimpft worden, „wahrscheinlich wegen ihrer Kleidung“.
Dann nahm der Kapitän einem der beiden Mädchen den Hut ab und brachte sie zum Stolpern. Er fiel zu Boden. Der 16-Jährige hatte ihn zuvor konfrontiert. Als sie wieder aufstand, schlug ihr ein junger Mann ins Gesicht. Anschließend flüchtete er unerkannt in die Rathausstraße. Berichten zufolge flohen auch die anderen Angreifer. Der Teenager wurde an der Lippe verletzt, verweigerte jedoch die Aufmerksamkeit eines Krankenwagens. Der Staatsschutz hat die Ermittlungen zur homophoben Herkunft übernommen.
auch lesen
In der Nacht zum Sonntag ereignete sich ein weiterer Zwischenfall. Ein 32-jähriger Mann sei von mehreren Personen tätlich angegriffen worden, teilte die Berliner Polizei mit. Nachdem er zunächst homophob beschimpft worden war, versuchte er wegzugehen. Er wurde von der Gruppe erwischt und körperlich angegriffen.
Ein Zeuge stellte sich schützend vor den am Boden liegenden Mann und trat ihm gegen Kopf und Oberkörper. Dann verließ die Gruppe von ungefähr acht. Berichten zufolge erlitt der Mann Hautabschürfungen, Prellungen und eine Platzwunde. Die alarmierten Retter behandelten ihn ambulant.