Bischof Genn von Münster räumt laut Missbrauchsanzeige Fehler ein

Stand: 17.06.2022 16:38 Uhr

Am vergangenen Montag stellten Wissenschaftler der Universität Münster den Bericht zu sexueller Gewalt gegen Kinder durch Angehörige der katholischen Kirche im Bistum Münster vor. Bischof Felix Genn hat diesbezüglich Fehler eingeräumt. Sexuelle Gewalt hat er nicht vertuscht.

Felix Genn räumte Fehler ein und entschuldigte sich Bild: WDR / Ralf Czichowski

Bischof Genn kommentiert die Missbrauchsstudie

17.06.2022 18:40 Uhr

Bischof Felix Genn brauchte vier Tage, um die fast 600 Seiten der Studie zu lesen. Aber schon vorher wusste ich, dass ich danach nicht mehr wie gewohnt weitermachen konnte. Genn nutzte den Beginn der Pressekonferenz, um sich noch einmal bei allen Opfern sexueller Gewalt durch Kirchenmitglieder zu entschuldigen. Er entschuldigte sich auch bei den Opfern der Vertuschung.

Gleichzeitig wiederholte er die Worte vom vergangenen Montag: „Ich bin mir sehr sicher, dass eine Entschuldigung nicht ausreicht. Mit dem Eingeständnis von Fehlern und aufrichtiger Reue muss es eine echte Reue geben. Konkret bedeutet das für mich, dass es sie geben muss.“ was bereits geschehen ist, werden mehr Konsequenzen aus dem Umgang mit sexuellem Missbrauch gezogen. Für mich ist das eine Verpflichtung, an der ich mich messen muss“, sagte Bischof Felix Genn.

Bischof Genn räumt persönliche Fehler ein

Genn sprach die Fehler an, die er persönlich im Zusammenhang mit Fällen sexueller Gewalt in den Diözesen gemacht hat, in denen er tätig war. Beispielsweise war er in einigen Fällen zu nachsichtig mit den Auflagen, die er als Bischof von Münster den Angeklagten auferlegte, und diese wurden nicht streng genug durchgesetzt.

Genn machte in diesem Zusammenhang auch sehr deutlich, dass er nicht glaube, „dass ich sexuellen Missbrauch vertuschen sollte“. Vielmehr hob er die “schwerwiegenden Fehler” seiner Vorgänger hervor. „Ich werde die Toten ruhen lassen, aber die Wahrheit muss ans Licht kommen“, sagte Genn.

Auch wurden die Interessen der Institution nicht über die Sorge um die Betroffenen gestellt. Deshalb wolle er seinen Rücktritt nicht anbieten, sondern sein Mandat nutzen, um gegen sexuellen Missbrauch vorzugehen, sagte der Bischof.

Genn will sich dem Kirchengericht stellen

Stattdessen kündigte Genn an, dass er sich einem kirchlichen Verwaltungsgericht stellen werde, um sein Verhalten in Bezug auf Missbrauchsfälle zu prüfen. Gleichzeitig müsse laut Genn die Gremienstruktur im Bistum Münster neu geordnet werden, um die Macht besser zu verteilen.

Zudem müssen Personalentscheidungen transparenter, nachvollziehbarer und partizipativer gestaltet werden. Darüber hinaus sollte ein unabhängiger Beirat eingerichtet werden, der Empfehlungen ausspricht. Laut Genn will er sich dazu verpflichten, ihnen zu folgen. Um Fälle sexueller Gewalt zu bearbeiten, will Genn einen Arbeitskreis gründen, dem auch zwei Opfer angehören sollen.

Laut Wehrbeauftragtem Stephan Baumers hat das Bistum bereits 227 Anträge auf Entschädigung bei der Leidensanerkennungskommission der Bischofskonferenz gestellt. Bisher wurden insgesamt zwei Millionen Euro an die Betroffenen ausgezahlt. „Es war alles da“, sagt Baumers. „Von Zahlungen zwischen 3.000 und 5.000 Euro bis 50.000 Euro.“

geschlossene Gräber

Vor wenigen Tagen veröffentlichten fünf Historiker der Universität Münster den Bericht über Fälle von sexueller Gewalt im Bistum Münster, mit einem niederschmetternden Ergebnis: Mehr als 200 Priester haben zwischen 1945 und 2020 sexuelle Gewalt gegen Kinder verübt. Mindestens 610 Kinder haben dies getan Opfer waren, könnte die Dunkelziffer Schätzungen zufolge bis zu zehnmal höher sein.

Der Bischof unternahm sofort die ersten Schritte: In der St. Paul’s Cathedral ist der Zugang zu den Grabstätten seiner Vorgänger mit einem schweren Eisengitter verschlossen. Die dort anwesenden Bischöfe, so die Studie, vertuschten Verbrechen und schützten die Täter: die Bischöfe Michael Keller (gestorben 1961), Heinrich Tenhumberg (gestorben 1979) und Reinhard Lettmann (gestorben 2013).

Die Opfer warten auf den Rücktritt der Verantwortlichen

St. Paul’s Cathedral: Ein Hinweis weist darauf hin, dass es derzeit nicht möglich ist, die Kapelle des Südturms und die Grabstätte zu besichtigen. Bild: WDR / Heike Zafar

Wissenschaftler der Universität Münster werfen ihnen vor, von den Verbrechen gewusst zu haben, die Kinder aber nicht zu schützen. Das dürfe nicht länger verheimlicht werden, „die Wahrheit muss ans Licht kommen“, fordert Diözesansprecher Stefan Kronenburg und fordert die Betroffenen auf, Ideen für einen stärkeren Umgang mit den Gruften zu entwickeln. Aber die Totenruhe darf nicht gestört werden.

Franz N., der als Kind jahrelang von einem als Intensivkriminellen bekannten Priester vergewaltigt wurde, fordert einen radikalen Wandel in der katholischen Kirche. „Ich hoffe, dass diejenigen, die vertuscht und missbraucht wurden, die volle Verantwortung übernehmen und dann zurücktreten. Ich hoffe es.“

Neben personellen Veränderungen fordern die Betroffenen auch grundlegende Reformen im Kern der katholischen Kirche: weniger Hierarchien, Frauen im Priesteramt, Abschaffung des Zölibats.

Diese: wdr.de

Leave a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *